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Hoch im Rabenbaume rief der König im schwarzen Geäst:
„Hört Gefolge, dass ich euch sage, dieser Winter wird uns ein Fest.“
Da sprachen die Söhne „Oh König, lass schlagen uns Fleisch und Gebein.“
Desgleichen die Töchter: „Brüder, welch ein Festmahl wird uns dies sein.“
So hielten sie Ausschau, im Ausguck, im Nest, zu finden den Schmause – erfroren, zerfetzt.
Wind blies die Felder, schändete Wild und Getier, manch Seel´ blieb dort liegen, vom Eise verletzt. 
Da fiel tot der Hase, eine Meise gefror, die Brüder und Schwestern sangen heiser im Chor:
„Sieh an oh Herr, was der Gevatter gebracht. Die Gabe ist redlich, wurde als unser Erbe vermacht.“
Doch es rief der König: „Schweigt still, ihr Erben in schwarzem Gewand, haltet mein Gesetz, hier und im ganzen Land. Stürzt euch nicht auf die erstbeste Gabe, wartet, bis auch ich mich labe. Die Zeiten sind voller köstlich Leichen, so wird’s am Ende für uns alle reichen.“
So harrte das Volk, wie der Vater geraten, auf dass sich Berge an Labsal auftaten.

Der Winter war hart, brachte Leid wie niemals zuvor, selbst das Meer konnt´ nicht siegen, blieb liegen, erfror. 
Die Raben, sie darbten, voll Lust und Verlangen, doch immer noch ließ man sie warten und bangen. 
Die Gräber füllten sich, und Mensch und Getier, lagen sterbend darnieder, in Hof und Revier. 
Doch der König, er lachte, das Herz voll von Gier: 
„Warum nur nehmen, was der Schnabel kann tragen? Ist doch besser zu warten, und alles zu wagen!“ 
Es harrte das Volke, voll Hunger und Qual, tagaus und tagein, doch das Regime ihres Vaters ließ Milde nicht sein. 
So häufte sich Nahrung, doch die Äste wurden leer, denn das Gefolge traf der Hunger schwer.
Bruder und Schwester fielen reihum nieder, schwer wie Blei wurden ihre Glieder.

Als die Wärme gewann wieder Raum, die Tage längten sich nach der Wende des Lichts, der König hockte im Rabenbaum, mit einem Hofstaat aus nichts.
Steif und gefroren, gebunden ans Holz, thronte der Herrscher, hochmütig verloren. 
Die Augen aus Eis, das Herz wie Kristall, das Kleid nicht aus Schwärze, nur noch weiß vom Verfall. 
Das Volk war dahin und in unstillbarer Gier, saß der Meister in seinem Revier. 
Verloren das Leben, Tochter und Sohn, sein Reich ward nur noch Nebel und Hohn.
Da kam ein Schatten zur Wurzel des Reiches, einst der Raben hohes Land, 
gewandet in schwarzem Tuche, sein Name war jedem bekannt.

So rief hinauf der Gevatter, zu des Baumes hoher Kron`:
“Verschmähe niemals was ich dir gebe, denn mir ist gegeben, egal ob Niederer oder König, zu stürzen einen jeden von seinem Thron.“

(M. Schäfer)

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