Wie ich eine gute Figur bekomme – Charakterdesign ohne Gewichtszunahme

 

Ohne Figuren, die handeln, gibt es keine Geschichte.
In Genres wie Science-Fiction oder Fantasy wird viel Weltenbau betrieben. Es gibt Autoren, die erst ganze Planeten, Völker und physikalische Gegebenheiten erfinden, um dann erst die Charaktere hinzuzufügen. Das kann allerdings schnell schiefgehen, wenn man es versäumt, seiner Welt Personen zu geben, die handeln, Konflikte austragen und glaubhaft sind. Solche Geschichten werden schnell langweilig, sobald die phantastische Welt ihren Reiz verloren hat.

Aristoteles beschrieb das Verhalten gut gezeichneter Figuren als konsequent inkonsequent (Poetik, Kap.15). Solche Charaktere sind also nicht zweidimensional oder Abziehbilder. Leser merken so etwas sehr schnell.

Was macht eine gute Romanfigur also aus?

  • Sie trägt die Handlung
  • Sie weckt Emotionen
  • Sie erzeugt Spannung
  • Die Leser empfinden Empathie und identifizieren sich

 

 

Geburt eines Schwergewichts

Wenn man sich daransetzt, einen Charakter zu erschaffen, sollte man sich zuerst drei Fragen stellen:

  1. Wie ist er physisch?
  2. Wie sein sozialer Hintergrund?
  3. Wie ist er psychisch?

Zu 1 zählt z.B. das Aussehen, die körperliche Kraft, aber auch Defizite.

Zu 2 gehören Dinge wie Bildung, wer sind die Eltern, gibt es Geschwister, Freunde, wo ist der Charakter aufgewachsen und wie?

Und bei 3 kann man sich fragen, wie moralisch ist die Figur? Was bedeutet ihr Glück oder Unglück? Was macht sie wütend oder traurig? Welche Werte, welche Macken und Ängste hat sie?

All diese Punkte können mehr oder weniger miteinander im Zusammenhang stehen. Um die Figur besser kennenzulernen, hilft es sehr, ein Tagebuch für sie zu schreiben. Nehmen wir als Beispiel einen Krimi. Ich schreibe 4 oder 5 Seiten aus der Sicht meines Täters. Wie denkt er? Wie sieht er die Welt? Hier kann man auch sehr gut Freewriting anwenden, indem man sich in die Figur hineinversetzt und einfach drauflos schreibt. Nützlich kann auch ein Charakterbogen sein, in dem man alle Informationen über die Figur wie in einem Steckbrief zusammenfasst.
Je besser ich eine Figur kenne, desto leichter habe ich es im Haupttext, sie agieren zu lassen – vor allem im Kontext mit anderen Figuren. Viele Plotprobleme kommen daher, dass man als Autor nicht bei seinen Figuren ist und sie nicht richtig handeln lässt.

Wenn man ein solches Problem hat, man stockt, die Figuren machen sich selbständig, die Handlung kommt nicht wie geplant voran, dann sollte man einen 3-Punkte-Plan anwenden und sich fragen:

  1. Was würde die Romanfigur IHREM Charakter entsprechend tun?
  2. Wie kann ich – im Hinblick auf das Ziel – die Situation verschlimmern?
  3. Wie kann ich eine überraschende Wendung herbeiführen?

Beispiel: Gregory Low befragt einen Zeugen und prügelt sich.

Auch für das Planen einer Geschichte, den Plot, ist das erschaffen der Charaktere das wichtigste.

Beispiel Krimi:

Erst der Täter –> die Vorgeschichte –> die Hauptfigur (Kommissar) –> Hauptgeschichte

Beispiel Fantasy (Herr der Ringe)

Der Antagonist (Sauron) –> Vorgeschichte (Ringe schmieden) –> Hauptfigur (Frodo) – > Hauptgeschichte (Ringkrieg)

 

 

Mein Werkzeugkasten

Neben Charakterbögen und Tagebuch kann man noch weitere Hilfsmittel anwenden, um seinen Charakter zu finden und besser kennenzulernen.
Zwei wichtige Punkte sind: Die Figuren sollen Emotionen wecken und der Leser soll sich identifizieren und Sympathie oder Antipathie fühlen.
Wie zuvor schon gesagt, um seine Charaktere richtig handeln zu lassen, muss man sie gut kennen. Um mit Gefühlen umzugehen, muss man wissen, welche das sind. Wir können nicht wissen, wie andere Menschen fühlen, das können wir nur erahnen und, wenn wir ähnliche Situationen erlebt haben, einigermaßen selbst nachempfinden. Doch was wir am besten kennen, sind unsere Gefühle und die Verhaltensweisen, die durch sie verursacht werden. Romanfiguren sind normalerweise nicht gleichzusetzen mit dem Autor. Sie handeln eigenständig. Aber ich kann ihnen mitgeben, was ich über mich selbst und andere weiß. Und dies kann ich neu und passend zu dieser Figur kombinieren. Hierbei kann man auch Überraschungen erleben, so wie im realen Alltag auch. Man weiß nie, wie man z.B. bei einem Todesfall reagiert, bis man es selbst erlebt hat. Oder wenn man zum ersten Mal richtig verliebt ist. Doch ich kann nur mit den Emotionen spielen, die auch kenne. Wenn ich mir selber einige Fragen stelle, kann ich dies auch auf den Protagonisten oder jeden anderen Charakter übertragen. Das kann sehr tief gehen und vielleicht Dinge hervorbringen, die unangenehm sind. Doch wenn ich mich selbst nicht kenne, woher sollen dann z.B. die tiefen Gefühle der Hauptfigur herkommen? Was zu Herzen gehen soll, muss auch vom Herzen kommen. Wie kann ich das erreichen? Indem ich mir über die Wendepunkte, Schock- oder Glücksmomente in meinem eigenen Leben und Ihre dazugehörigen vielschichtigen Gefühle klar werde und mich an sie erinnere. Diese Erinnerungen übertrage ich in einer passenden Szene auf die Figuren.

Fragen, die ich mir selbst stellen kann sind z.B.

  • Gibt es etwas, wofür ich mich schrecklich schäme/worauf ich unheimlich stolz bin? Hat mich das verändert? Wie genau?
  • Das Grässlichste, was ich je erlebt habe und wie hat es mich verändert?
  • Hatte ich eine Verlusterfahrung, die mich sehr verstört hat? Wie bin ich damit umgegangen?
  • Habe ich schon einmal versagt? Was habe ich in diesem Moment gemacht?
  • Ertappe ich mich oft dabei, mich zu kritisieren? (Ich bin blöd! Jetzt habe ich das wieder falsch gemacht! Nie kann ich … )
  • Wollte ich schon mal jemanden verletzen und Warum?
  • Habe ich schon mal gedacht, andere hassen mich? Und warum? Was war der Auslöser?
  • Wenn jemand dir sagt, er mag dich, wie reagierst du darauf? Nimmst du es an, schämst du dich, bist du verlegen, spürst du Freude oder anderes? Wie reagierst du auf offene Zuneigung?

Es gibt noch weitere Hilfsmittel, die man anwenden kann, um seine Charaktere besser kennen zu lernen. Natürlich muss jeder selbst entscheiden, wie tief er seine Charaktere anlegen will:

  • Ein Meeting/Date mit Romanfiguren
  • Emotiogramm
  • Visionstafel / Vision Board

 

 

Der Wille ist alles!

Wichtig bei der Erschaffung oder Disposition der Figuren ist es, immer zu wissen, was SIE wollen. Nicht was der Autor will! Selbst eine Nebenfigur handelt nach ihrem eigenen Charakter. Ich muss daher die Haltung meines Helden kennen. Ebenso die des Antagonisten, des Zeugen oder des Helfers (siehe Archetypen). Wenn ich nicht weiß, was mein Held, Täter oder Kommissar genau will, kann ich als Autor große Probleme bekommen, die Figuren glaubhaft handeln zu lassen.

Warum will der Detektiv den Mörder fassen? Warum möchte der Krieger unbedingt das magische Schwert aus den Stein ziehen? Warum will die Frau den geheimnisvollen Millionär?
Wenn ihr die Haltung eures Charakters kennt, könnt ihr mit ihr auch spielen, sie infrage stellen und der Figur passende Steine in den Weg legen. Dieses Sein und Wollen, die Haltung, könnt ihr wunderbar als dramatisches Element einsetzen. Am Midpoint, im Mittelteil der Geschichte beim 5-Akt-Modell, kommt der Protagonist an einen Punkt, wo er sich selbst infrage stellt (Spiegelszene bei Pilcher u.a.). Er bekommt ein moralisches Dilemma, fragt sich, wer er ist und ob und wann er weitermachen möchte. Meist folgt nach diesem Punkt im 4. Akt das Scheitern und die Zerstörung des Charakters. Das ist z.B. im Krimi der Moment, wo der Kommissar suspendiert wird, zur Flasche greift und es scheinbar keine Möglichkeit mehr gibt, den Täter zu fassen.
Je mehr ich über den Charakter weiß, desto grandioser kann ich ihn scheitern lassen und desto mehr Sympathie ernte ich vom Leser für die Figur.
 

Wer ist der Chef?

So manchem ist am Anfang einer Story vielleicht noch nicht ganz klar, welche Figur eigentlich der Protagonist ist, also die Hauptfigur. Das kann durchaus passieren, wenn man mehrere starke Figuren in einem Ensemble hat oder parallele Handlungsstränge mit gleichwertigen Charakteren, wie z.B. in Krimis mit einem Ermittlerduo. Auch in Filmen kann es vorkommen, dass man mehrere Protagonisten hat, wie in Buddymovies. Doch meistens ist eine der Figuren etwas exponierter, sticht mehr hervor als die anderen. Wenn ich wissen will, wer das genau ist, um nachher keine Fehler im Plot zu erhalten, muss ich mich fragen:

  1. Wer wird am Anfang am ausführlichsten vorgestellt?
  2. Wer hat die komplexere Charakterzeichnung?
  3. Wer bietet am meisten Identifikationspotential?
  4. Wer hat den größeren Konflikt?
  5. Wer hat am meisten zu verlieren?
  6. Wer treibt die Handlung voran und trifft die meisten Entscheidungen?
  7. Wer ist an den meisten Handlungssträngen beteiligt?
  8. Wer hat die Perspektive inne, aus der hauptsächlich erzählt wird?

Die Figur mit den meisten Treffern ist wahrscheinlich der Hauptprotagonist der Geschichte.
 

Welche Rolle spielt meine Figur?

Jeder, der die Handlung beeinflusst, erfüllt eine bestimmte Funktion. Wenn er nichts ändert oder beeinflusst, ist er nur Staffage, ein reiner Nebendarsteller, der weder einen Lebenslauf und oft nicht mal einen eigenen Namen benötigt. Die Hauptrolle hat natürlich der Protagonist und sein Gegenüber, der Antagonist. Dieser muss nicht unbedingt eine Person sein, es kann auch ein Felsen sein, das Meer, ein Vulkan, ein Raumschiff, ein Planet oder der luftleere Raum. Selbst ein Computer wie HAL9000 im Film 2001: Odyssee im Weltraum.

Beim Schreiben muss man also an die Rolle der Figur denken und diese richtig einsetzen. Wenn es Probleme mit einem Handlungsabschnitt oder dem ganzen Plot gibt, kann es daran liegen, dass der Charakter seiner Rolle nicht gerecht wird. Z.B. hat man eine Mentoren-Figur, die aber gar nicht als Mentor handelt. Ein Helfer, der gegen den Protagonisten arbeitet. Ein Sidekick, der stärker ist als der Hauptcharakter. Macht euch immer die Rolle klar, die eure Figuren einnehmen und ändert sie gegebenenfalls. Das kann viel bringen.
Hier kann durchaus eine Figurenaufstellung hilfreich sein, in der man mittels Menschen oder Legomännchen sein Romanensemble zueinander aufstellt, wie man es in der Handlung sieht und in welchen Rollen jeder auftreten soll. Hier kann man visualisieren, wie das Ensemble zueinander steht – und warum es vielleicht nicht funktioniert.
 

Wie finde ich die nächste Topfigur?

Wenn man auf der Suche nach neuen oder zusätzlichen Charakteren ist, kann es sehr helfen, sich einfach mal mit offenen Augen umzuschauen. Googelt euch Bilder mittels der Bildersuche, schaut auch bei Pinterest rein. Blättert in Zeitschriften. Oder veranstaltet eure eigene Castingshow: Setzt euch mal in den Bahnhof, in ein gut besuchtes Café oder in die Fußgängerzone und beobachtet dort die Menschen. Ihr werdet bald alle möglichen Gestalten und Typen sehen. Pickt euch einige heraus und arbeitet dabei mit einem Fragenkatalog wie z.B. was treibt diese Person an? Was sind ihre Pläne? Wo kommt sie her? Hat sie eine Familie? Wie könnte die aussehen? Welche Geschichte könnte diese Person haben? Was ist an ihr besonderes? Das Gesicht, die Kleidung, die Art zu gehen vielleicht?

Steckt diese Leute, in Gedanken natürlich, in Kostüme: Passt der rothaarige junge Mann mit dem langen Bart nicht hervorragend in ein Wikingeroutfit? Oder die Frau mit der geraden Haltung und der altmodischen Frisur – wäre sie nicht eine tolle Gouvernante im 19.Jahrhundert gewesen?
Findet für euch interessante Leute aus der Menge und lasst eure Fantasie spielen. Je öfter ihr das macht, desto eher erkennt ihr Muster – Menschen verhalten sich oft ähnlich, es gibt gewisse Stereotypen, die euch aus Filmen oder Büchern bekannt vorkommen werden.
Man lernt viel über das Aussehen, die Kleidung und die Gestik von Menschen, was ihr alles in euren Geschichten verwenden könnt. Die Figuren liegen praktisch auf der Straße.
Schaut euch einmal eure Freunde genauer an. Was charakterisiert sie? Was mögen sie? Was ist so typisch für sie, dass ihr sofort erkennt, dieses oder jenes kann nur Peter gesagt oder getan haben und das andere nur die Anna. Welche Macken haben sie eigentlich?
Ihr erhaltet auf diese Weise Figuren, die echter und authentischer sind. Man muss nur beobachten können und Fantasie haben. Und eine gewisse Empathie.

Ich habe nun meine Figuren, doch wie mache ich sie symphatischer?

Fünf Punkte, um bessere Charaktere zu bekommen:

1: Ich habe Probleme, aber warum?

Eine Figur, die flach und langweilig wirkt, hat oft keine wirklichen Konflikte. Jeder Mensch hat Probleme und wir interessieren uns stark für die Dinge, die anderen Menschen zustoßen. Sonst gäbe es ja keine Boulevardpresse oder Realityshows! Eine Figur ohne Sorgen ist uninteressant, Leute, denen alles gelingt und in den Schoß fällt, sind schnell unsympathisch. Lasst eure Figuren leiden, werft ihnen Steine in den Weg und macht sie damit menschlicher. Leser, die ähnliche Dinge erleben oder erlebt haben, empfinden sofort Empathie. Und nicht vergessen: Auch starke Figuren dürfen schwache Momente haben – das macht sie lebendiger.

  1. Alles ist logisch?

Menschen sind im wahren Leben voller Widersprüche und irrational, eben konsequent inkonsequent. Ein Komplexer Charakter mit Widersprüchen schützt vor Klischees, doch muss er dabei in seiner Rolle glaubwürdig bleiben. Handelt die Figur ständig unlogisch, sprunghaft und unglaubwürdig, fühlt sich der Leser schnell betrogen. Der Autor macht es sich dann zu einfach. Leser versuchen, die Motive der Figuren zu verstehen und vergleichen sie mit ihren eigenen. Kann man der Figur nicht mehr folgen, verliert der Leser die Geduld oder die Lust, sich weiter mit der Figur zu identifizieren. Unterschätze nicht die Klugheit des Lesers!

  1. Gib immer Gas!

Im Roman möchte man nicht vom laschen Alltagsleben des Protagonisten erfahren. Im echten Leben sind Menschen oft unentschlossen, schlecht motiviert, feige und bequem.
In einem Buch langweilt das! Literarische Figuren sind immer anders: Sie sind hoch motiviert, sie wollen etwas, sie haben Ziele. Das treibt den Roman voran und lässt den Leser mitfiebern – der der macht sich oft die Ziele des Helden zu eigen. Hat nicht jeder mit Frodo mitgelitten und sich gewünscht, diesen blöden Ring endlich loszuwerden?
Daher sollten Ziele gut begründet und möglichst schwer zu erreichen sein. Aber auch sonst sind die Lebensumstände einer Romanfigur immer extremer. Sie erlebt mehr, hat mehr Probleme, vieles passiert auf einmal, sie hat ungewöhnliche Hobbies oder Jobs… Sie arbeitet auch immer mit maximaler Kapazität, sie gibt immer alles, was geht, während wir im Alltag oft nur mit halber Kraft agieren. Als Autor hat man es daher in der Hand, den Charakter optimal auszunutzen. Lass ihn daher nicht unter seinen Möglichkeiten bleiben, auch nicht bei den Dialogen. Frage dich immer wieder, was könnte die Figur tun, was noch klüger, dramatischer, lustiger oder dümmer wäre?
Es muss natürlich auch wieder glaubwürdig sein und zur Rolle der Figur passen. Doch dadurch hat man einen guten Charakter, der nicht langweilt. Gib deinen Figuren auch starke Triebe. Sadismus, Eifersucht, Gier, Hass, Egoismus, Sex… Auch Charakterzüge, die konträr sind, machen vielschichtiger. Das biedere Mauerblümchen, das Abends strippt. Der Pfarrer, der dem illegalen Glücksspiel frönt, der Bösewicht, der am Wochenende im Tierheim aushilft, weil er Hunde liebt … sei kreativ, aber übertreibe es nicht zu sehr.

  1. Grau ist das neue Schwarz-Weiß

Menschen sind nicht nur böse oder gut. Wir tragen immer beides in uns, warum sollte es in Romanen daher anders sein?
Für mich sind immer die Figuren am spannendsten, die nicht nur schwarz (böse) oder weiß (gut) sind, sondern grau, also beides. Nur einseitige Figuren wirken schnell klischeehaft und langweilig. Gib ihnen daher Macken, schlechte Eigenschaften, Fehler, heimliche Begierden oder Schwächen, die die Figur plötzlich anders handeln lässt als gewohnt. Lass deine Protagonisten nie ganz sauber sein, nie zu perfekt. Menschliche Fehler wirken spannend: Wirkt sich die Charakterschwäche auf die weitere Handlung aus? Bekommt die Figur Probleme und wirkt es sich auf die ganze Gruppe aus? Denkt z.B. an Marty McFly aus Zurück in die Zukunft: Jedes Mal, wenn ihn jemand „eine feige Sau“ nennt, dreht er durch und bekommt danach Probleme, weil er es nicht leiden kann, als Feigling dazustehen. Diese Charakterschwäche wird wunderbar als Running Gag eingesetzt und so etwas kann man auch als Romanautor nutzen.
Charaktere, die vielschichtig sind, bieten euch viel mehr Möglichkeiten an Aktionen und Interaktionen im Plot und mit den anderen Figuren.

3 Beispiele:

  • Ein Kämpfer, der heroisch in jede Schlacht zieht und mit Ehrungen überhäuft wird – aber in Wirklichkeit feige ist und immer andere für ihn handeln lässt und es gekonnt vertuscht.
  • Ein Killer, der mordet und foltert und über Leichen geht – nur um ein Mittel zu finden, dass seiner todkranken Frau hilft, am Leben zu bleiben.
  • Ein Magier, der ein Reich aufbaut und beschützt, den jungen Prinzen weise berät und gegen das Böse kämpft – doch er plant die ganze Zeit, das Reich und die Menschen darin zu opfern, um zum größten Magier der Welt und gottgleich zu werden.

Wenn man die dunklen Motive der Figuren vage hält und so spät wie möglich ans Licht kommen lässt, überrascht man den Leser und kann mit seinen Emotionen spielen. Ein Charakter kann sich auch wandeln – es ist sehr spannend, einen der Guten zu den Bösen wechseln zu lassen, wie z.B. in Star Wars.  Seid mutig und experimentiert, zumindest mit einer der Figuren.

  1. Sei nicht die Figur

Womit Autoren oft ein Problem haben, ist, dass die Handlungen des Charakters nicht aus ihm selbst entstehen, sondern die des Autors sind. Wenn wir einen fiktiven Roman schreiben, oder eine Kurzgeschichte, dann sind nicht wir die Figur, also der Autor, sondern der Charakter ist ein eigenes Wesen. Er erbt von uns die Gefühle – menschliche Gefühle sind im Grunde immer gleich, daher kann man sie auch aus jeder Perspektive schreiben – aber Erfahrung, Einstellung und Sichtweise müssen aus der Figur selbst entstehen.
Wie der Protagonist handelt, wie er auf Gefühle reagiert, wird bestimmt durch SEINE Erfahrungen. Auch sein Ziel und die Motivation. Das ist das Leben, das wir Autoren den Figuren einhauchen: sein Leben, nicht unseres!
Das ist nicht immer leicht zu verstehen, man kann es aber lernen. Besonders als Anfänger macht man leicht den Fehler, Figuren zu beschreiben, die wie der Autor selbst sind. Man schreibt im Grunde über sich und lässt auch die Figuren so handeln. Nicht der Protagonist hat in diesem Fall Ziele und Wünsche, sondern es sind die des Autors. Dadurch wirken Figuren unglaubwürdig, begehen immer die gleichen Fehler und handeln anders, als sie angelegt sind. Der kritische Leser merkt es, wenn der Charakter nicht funktioniert! Auch, wenn die Ziele der Figur nicht zu ihr passen. Besonders die Ziele sind wichtig, denn wenn sie zu lasch sind, was oft passiert, wenn der Autor sich selbst nicht im Klaren über diese ist, wirkt die Handlung schnell mau und konstruiert. Aus Unerfahrenheit setzt man oft die Ziele oft zu schwach, ordnet sie einer vagen Plotidee unter, identifiziert sich nur selbst damit und vergisst, dass man für ein Ziel auch einen Preis zahlen muss. Somit wird die Geschichte schnell langweilig bis unglaubwürdig.
Versucht also, als euer Prota zu schreiben, nicht als Liesa Müller, die etwas Anderes will als die Romanfigur. Diese hat einen eigenen Charakter, eine Vergangenheit (Lebenslauf oder Tagebuch schreiben), Ziele und Abneigungen, eine eigene Art zu handeln und zu fühlen. Natürlich steckt vom Autor immer ein wenig in den Figuren – aber nur zu einem bestimmten Teil. Man braucht Empathie und Menschenkenntnis, um sich in andere Menschen, Gefühlswelten und Denkweisen hineinzuversetzen. Aber ganz ohne geht es nicht, wenn man keine stereotype, langweilige und flache Figuren will. Hier darf man nicht faul sein.
 

Alles auf der Waage

Gute Figuren zu erschaffen ist gar nicht so schwer, wenn man sich einige grundlegende Dinge überlegt: Passt sie zur Geschichte, hat sie eine glaubhafte Motivation, hat sie ihre eigene Sprache und Handlungsweise, welche Funktion erfüllt sie, wie ist ihr Charakter und welches Ziel hat sie.

Eine gute Beobachtungsgabe und Empathie können helfen, Charakteren Leben einzuhauchen. Man kann, wenn man seine Umgebung, Freunde und Familie beobachtet, viel über Menschen und ihr Verhalten lernen – was sich prima auf Romanfiguren übertragen lässt. Natürlich etwas übertriebener und überzogener.
Dabei hilft es auch, sich tolle Charaktere aus der Literatur oder dem Film näher anzuschauen bzw. zu analysieren: Was macht diese Figur so besonders und wie kann ich mir das abschauen? Werkzeuge wie Charakterfragebögen, ein Lebenslauf oder Tagebuch können helfen, sie besser kennenzulernen – denn wer seinen Protagonisten nicht kennt läuft Gefahr, dass sich die Figur selbständig macht oder die Geschichte nicht mehr funktioniert. Der Plot und der Weltenbau können noch so raffiniert sein, ohne glaubhaft handelnde Personen im Buch wird man kaum Begeisterung im Leser auslösen. Was bleibt euch von tollen Büchern oder Filmen am ehesten in Erinnerung? Meist sind es ein oder zwei Rollen, die euch beeindruckt haben und weniger der geniale Plot. Beschenkt eure Leser mit Figuren, die begeistern – sie werden es euch danken!

 

„Eine gute Romanfigur reißt dich mit in ihre Welt, eine schlechte bleibt vergessen zwischen den Seiten eines Buches, das angelesen in der Nachttischschublade verschwindet.“

 

Tipp:

Einen guten Charakterbogen samt Erläuterungen gibt es unter

http://www.schriftsteller-werden.de/charakterentwicklung/charakterbogen/

 

Quellen der Inspiration:
Jacqueline Vellguth, http://www.schriftsteller-werden.de/

Anke Gasch, http://www.frohes-schreiben.de/

Marcus Johanus, https://marcusjohanus.wordpress.com/

Anette Huesmann, https://www.die-schreibtrainerin.de/romanfiguren-entwickeln-1/

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