Age of Platinum | Ein Wort zu viel - Der Story Blog

Age of Platinum

Inhaltsverzeichnis

0.1. Kapitel 1: Ein Gig zu spät

„Bei der Hölle, wir sind zu spät“. Krayle deutete auf den Friseurladen, James brummte nur zustimmend. Viel war nicht zu sehen, die großen Scheiben des Ladens waren beschlagen – und verschmiert. Spritzer hellen und dunklen Blutes überzogen die Scheibe, dicke Tropfen rannen an ihr von innen herab und Schlieren, wie von Händen über das Glas gezogen, unterbrachen den Blick. Die vier Männer blieben kurz stehen. Von der Eingangstür waren nur noch Splitter übrig, die sich über das Pflaster und ins Innere verteilten. James zog eine schwere, kurzläufige Schrotflinte aus einem Futteral am Rücken und lud sie durch.
„Also gut Jungs, sehen wir uns die Sauerei an“, sagte Alex und versuchte, gefasst und cool zu klingen. Die anderen Männer erwiderten nichts. Krayle ging als erster hinein, zog sich einen weißen Mundschutz über und zog eine lange, dünne Klinge aus einem Ärmel. James schritt als nächster durch die Scherben der Tür, dann folgten Alex und Rob. Das Knirschen des Glases war das einzige Geräusch, was zu hören war. Und dass der Fliegen.
Krayle stand in einer Lache dicken Blutes und deutete nach links und rechts.
„Scheiße“ knurrte James und stampfte mit seiner Kanone im Anschlag langsam in die Mitte des Raumes. Alex und Rob setzten vorsichtig einen Fuß vor den anderen, um auf dem glitschigen Boden nicht auszurutschen. Nur James ignorierte den Brei aus Blut, Innereien und Körperflüssigkeiten und stapfte umher wie immer. Ihm sah man seine 300 Kilo nicht an, auch wenn er wie ein großer, massiger Mann in Bikerkluft ausschaute. Nach Sonnenuntergang jedenfalls.
Überall lagen Leichen herum. Und Teile davon. Auf einem Frisierstuhl neben Alex sah er den Torso einer Frau: Arme und Beine ausgerissen, sie lagen wie Brennholz gestapelt unter ihrem Stuhl. Ihr Gesicht war vor Qual und Entsetzen verzerrt und im Tod erstarrt geblieben. Über einem Tisch lag eine anderer Körper, eine schlanke, junge Frau mit Friseurkittel. In Ihrem Rücken steckten ein Dutzend Scheren. Genau zwischen den herausragenden Wirbeln, denn die Haut und das Fleisch darüber hatte man herausgerissen. Ihr Mund war zu einem endlosen Schrei erstarrt – Blut tropfte immer noch aus ihrer herausgerissenen Zunge. Auf einem anderen Stuhl saß die verbrannte Leiche einer Frau. Die Trockenhaube hatte ihren Kopf ersetzt, der in ihrem Schoss lag, schwarz und verschrumpelt wie eine Rosine. Ihr Körper und die Kleidung, die sich in die schwarzrote Haut gefressen hatte, rauchten noch und trug zum allgemeinen Gestank bei. Alex blick fiel auf eine ältere Frau mit blaugrauem Haar. Sie lehnte an der Wand, war dort zusammengesackt, was man an der Spur dort erkennen konnte.

Ihre Kehle war herausgerissen, ihr Bauchraum aufgeschlitzt und mit Lockenwicklern gefüllt worden.
Dämonen, keine Teufel“, sagte Rob leise und Alex nickte automatisch. Dies sah in der Tat nach dem Werk von Dämonen aus, die wild herum metzelten, während Teufel subtiler vorgegangen wären. Weniger … offensichtlich. Der Knoten in seinem Magen wurde schwer wie ein Pick-up. Doch der kleine Funken an Hoffnung, den er noch gehabt hatte, wurde durch einen Ruf von James zunichtegemacht.
„Hier liegt sie, Alex“. Er deutete mit dem Lauf auf eine Leiche am Boden. Alex sah von seiner Position aus nur die Beine. Und die roten Schuhe, die er so gut kannte. „Was …“, begann er, aber James schüttelte den Kopf.
„Tut mir Leid Kumpel. Nix zu machen. Ihr Kopf liegt hier unter dem Waschbecken!“
Rob, der hinter ihm stand, sog zischen die Luft ein. Krayle sah besorgt von dem Torso der Frau vor ihm weg und zu ihm hin. Doch Alex nahm es nicht war. All seine Ängste und Befürchtungen hatten sich erfüllt. Sie waren zu spät gekommen.
Die Dämonen hatten den Ort erreicht und im ersten Laden des kleinen Ortes an der Westküste mit ihrem Werk angefangen. In dem Salon, wo Bridget arbeitete. Gearbeitet hatte, berichtigte er sich. Diese Frau, mit der er sogar ausgegangen war, nach ihrem Gig in der Nachbarstadt. Neben der er sich für kurze Augenblicke wie ein normaler Mensch gefühlt hatte. Sie war ausgelöscht, so wie alle!
Sein Herz wurde kalt, seine Lippen zu harten Linien, in seine Augen trat das Glühen des Jägers. Wortlos ging er hinaus und Rob, der blonde Leadsänger seiner Band, trat neben ihn. „Du kannst nichts dafür. Sie haben uns getäuscht und sind direkt in den Ort eingefallen. Das Böse ist nicht immer berechenbar“.
Alex antwortete nicht. Er blickte die Menschenleere Straße hinab. Eine einzelne, flackernde Straßenlaterne brannte. Das Geschäft gegenüber hatte keine Schaufenster mehr, der Laden daneben auch nicht. Wie leere Augenhöhlen starrten sie auf die Straße, die übersäht war mit Glassplittern, Holz, Papierfetzen und … Körperteilen. Auf einer Parkuhr hatte jemand einen Kopf gespießt, dessen Zunge blau heraushing. Die Augen fehlten. Der Wind wehte ein loses Blatt einer Zeitung herum. Er folgte dem Papier mit den Augen, bis es sich in den Beinen einer Frau verfing, die mit offenem Brustkorb auf den Platten des Gehwegs lag. In ihrer dicken, dunklen Blutlache stand ein Kinderwagen. Alex verspürte nicht den Drang, hinein zu schauen.
Krayle kam hinter ihm heraus und nahm keuchend den Mundschutz ab. Seine langen Reißzähne glitzerten feucht. „Länger hätte ich diesen Gestank nach Blut nicht ertragen“, sagte er schnaufend. James zwängte seinen massigen Körper durch die Tür, streifte mit seinen Lederklamotten das Holz und öffnete seine Jacke. Man sah das Halfter, in dem die große 9mm Manhunter steckte, und sein schwarzes, durchgeschwitztes T-Shirt. Sie alle trugen diese Shirts – in mehr oder weniger gutem Zustand.
„Age of Platinum“ stand auf ihnen, in einer silbernen Schrift, die aussah wie mit flüssigem Quecksilber geschrieben. Alex spürte den Wind im Gesicht, den metallischen Geruch des Blutes in der Nase, die Eiseskälte in seiner Brust und die Blicke seiner Kumpel. „Es wird Zeit, dass die Band wieder spielt“, sagte er und wollte zu allem entschlossen klingen, doch in seinen Ohren klang es heiser und schwach.
„Ja, Kumpel, machen wir ´nen Gig“, knurrte James, „wird Zeit“. Rob, ihr Gitarrist und Krayle, der Bassist, nickten. „Treten wir den Dämonen in den Arsch!“


0.2. Kapitel 2: Stage zu Hell

Sie fuhren mit ihrem mattschwarzen gepanzerten Truck, der einmal ein Schulbus gewesen war, drei Meilen weiter zum kleinen Ort Freeport. Da Krayle am Lenkrad saß, fuhren sie ohne Licht und schwiegen während der Fahrt. Erst am Motel, einem schäbigen Gebäude mit einem Dutzend Zimmern, die seit den Zeiten von Elvis nicht mehr renoviert worden waren, wurde das Schweigen gebrochen. Neil, ihr Manager, stand auf dem Parkplatz und sah ihnen wütend entgegen.
„Wo seid ihr Idioten wieder gewesen? Ich suche euch schon überall. Ich dachte der Bus wäre gestohlen worden. Warum fahrt ihr ohne Licht? Spinnt ihr? Warum ruft ihr mich nicht an? Wir müssen morgen ganz früh Los, damit wir das Konzert in Portland geben können. Ein bezahlter Auftritt! Bezahlt, hört ihr das? Be-zahlt!“
Er ratterte los wie ein Maschinengewehr, während sie ausstiegen und sich vor ihm aufbauten. Gegen die vier Musiker in ihren dunklen Klamotten, den schweren Stiefeln und langen Staubmänteln, wirkte Neil Galbreight wie ein Wesen aus einer anderen Welt. Er trug einen türkisfarbenen Anzug mit tintenblauer Krawatte auf einem himmelblauen Hemd und sah aus wie eine Farbpalette von Blau. Klein und drahtig, mit perfekt gegeltem Haar, sah er selbst um diese Uhrzeit noch wie aus dem Ei gepellt aus. Alex legte ihm seine schwere Hand auf die Schulter und Neil stoppte seinen Redeschwall. „Wir spielen eine Gig. Heute Nacht. Hier und umsonst!“
„Was? Hier? Umsonst? Seid ihr verrückt? Wie soll ich das denn organisieren?“
„Das schaffst du schon. Wir müssen eine neue Nummer üben. Hier fällt es nicht auf. Hier gibt es doch eine kleine Halle, habe ich gesehen?“
„Ja, eine alte Sporthalle, von einer Schule, die geschossen wurde. Da passen aber höchstens zweihundert Leute rein“. Alex nickte James zu, der sofort den Gepäckraum des Trucks öffnete.
„Hat dieses Kaff überhaupt so viele Einwohner?“, fragte Krayle.
„Keine Ahnung Leute“ antwortete Neil und zückte sein Smartphone. „Aber mitten in der Nacht ein Konzert? Der Sheriff wird das nie erlauben“.
„Rede mit ihm, Neil, und nimm Krayle mit. Du weißt ja, er kann ganz gut die Leute überzeugen“. Alex zwinkerte dem Bassisten zu, der bestätigend mit den Augenbrauen wackelte. Der Vorteil, ein Vampir zu sein, bestand unter anderem darin, Menschen seinen Willen aufzwingen zu können.
„Ihr zwei geht dann mal los, wir bauen in der Zwischenzeit schon mal auf“.
Sie packten ihr Gepäck aus den Zimmern, luden alles in den Truck und fuhren zu der Halle. Sie lag an einer stillen Parallelstraße, war würfelförmig und dunkel. Eine Front war bis zur Hälfte aus Glasbausteinen, die ihm Licht einer einzelnen Leuchtstoffröhre schimmerten. Die mit Spinnweben verklebte Lampe brannte über einer Tür, die mit einer Kette und einem dicken Vorhängeschloss gesichert war. James riss sie mit einem Ruck auseinander und hob einen Fuß, um die Tür einzutreten.
„Sei vorsichtig, vielleicht brauchen die Leute die Tür noch.“
„Ich bin vorsichtig wie ein junges Kätzchen“, brummte James.
„Ja, ein verdammt großes Kätzchen“. Mit einem Krachen flog die Tür auf und schlug an die Mauer, etwas Mörtel rieselte auf sie nieder. Alex hob eine Augenbraue, doch der riesige Drummer zuckte nur mit den Schultern und duckte sich unter dem Türsturz hindurch.
Die Halle lag dunkel und muffig vor ihnen. „Ich schau mich mal wegen Strom und Licht um“, sagte Alex, während die beiden anderen anfingen, ihr Equipment abzuladen und hineinzutragen.

Eine Stunde später hatten sie eine kleine Bühne und James Schlagzeug aufgebaut. Alex hatte ihre eigenen Scheinwerfer aufgestellt und den Strom eingeschaltet. „Ich hoffe, der Saft reicht für uns. Der Sicherungskasten sah aus, als wäre er vor dem letzten Weltkrieg montiert worden. Wenn wir loslegen, hat wahrscheinlich die halbe Küste keinen Saft mehr“.
„Was macht das? Im Dunkeln ist es eh schöner“, grollte James mit seiner Bassstimme, während er, mit je einem Verstärker unter den Armen, in die Halle gestapft kam.
Sie legten Kabel, schlossen ihre Lautsprecher an, auch die Box, die auf dem Dach des Busses montiert war und James schleppte stellte seinen mit Titan verstärkten Hocker an sein Schlagzeug. Normale Möbel gaben unter seine Gewicht leider schnell nach. Krayle und Neil erschienen in der Tür.
„Ihr wart ja schon fleißig, Jungs“, meinte der Vampir und nickte anerkennend. „Gut das ich diesmal nichts schleppen musste“.
„He, wir waren aber auch nicht untätig“, warf Neil ein und musterte kritisch das innere der alten Turnhalle. „Wir dürfen spielen, der Sheriff war sehr kooperativ. Wir haben auf dem Rückweg auch die zwei einzigen Kneipen der Stadt aufgesucht und die Werbetrommel gerührt“.
„Die Leutchen hier sind nicht eben ausgewiesene Rockfans“, sagte Krayle und verzog verächtlich das Gesicht. „Aber als wir das Freibier zum Abschluss des Konzerts erwähnten, wurden sie hellhörig. Ich denke, die meisten werden kommen. Aus Neugier oder weil sie Durst haben“.
„Du hast ihnen was versprochen? Freibier?“ Alex glaubte, sich verhört zu haben. „Wo sollen wir das denn hernehmen? An der Tankstelle kaufen?“ Bevor jemand etwas entgegnen konnte, klingelte Neils Mobiltelefon und spielte „Love me Tender“ von Elvis.
„Oh, ein wichtiges Gespräch aus New York, ich muss dran gehen, Leute“, rief Neil hastig und eilte hinaus auf den Parkplatz. Sie wussten inzwischen, das der Anrufer Neils neuer Freund war und Satzfetzen, die an ihre scharfen Ohren drangen, bestätigten es eindeutig.
„Ja Schatz, wir sind immer noch in diesem elenden Nest. Nein, ich weiß noch nicht wann wir hier wegkommen …“.
„Ging es nicht anders?“, raunte Alex seinem Bassisten zu. Der schob sich einige schwarze Haarsträhnen seines Schulterlangen Haars hinter ein Ohr und schüttelte leicht den Kopf. „Die Bullen waren einfach zu beeinflussen, aber diese Landeier in den Kneipen waren sturer und auch zu zahlreich. Keine Sorge, nach dem Konzert werden sie eh andere Sorgen haben als fehlendes Bier“.
„Hm, wollen wir hoffen. Und jetzt steh nicht rum wie ein fauler Untoter und schnapp dir die Instrumente“.
Die Uhr ging auf halb Zehn zu, inzwischen war alles Aufgebaut, wenn auch Notdürftig und mit mehr Klebeband als Gründlichkeit. Um Zehn wollten sie starten, für eine Probe blieb keine Zeit, daher präparierten sie sich so gut es ging. Obwohl es in der Halle relativ warm war, trug Alex seinen langen, schwarzen Duster: Den altmodischen Staubmantel hatte er von seine Vater geerbt, er Bestand aus einem strapazierfähigem Material, wie es seit langem nicht mehr hergestellt wurde. Zusätzlich hatte er dünne Kevlarplatten ins Futter genäht. Dazu trug er graue Jeans, seine alten Cowboyboots und das schwarze T-Shirt der Band. Am Gürtel hatte er, verdeckt am Rücken, einen langen Dolch mit silbernen Intarsien angebracht, zusätzlich stecken je zwei dünne Silberklingen in den Stiefelschächten. Sie standen auf der Bühne, steckten die Kabel in die Instrumente und prüften oberflächlich die Mikrofone. Für ihre Art Musik waren sie nicht wirklich wichtig, aber sie wollten den Schein wahren, außerdem brauchten sie zumindest am Anfang eine gewisse Lautstärke. James nahm auf seinem Hocker Platz und verursachte auf der hölzernen Bühne ein gefährliches Ächzen. „Du frisst zuviel, Dicker!“, rief ihm Krayle zu und grinste.
„Ja, vielleicht sollte ich eine Diät machen und nur noch Vampire fressen. An euch blassen Typen ist ja nich so viel dran“.
„Haha, sehr witzig, Steingesicht“.
„Was spielen wir zuerst, Alex?“, fragte Rob und stellte sein Mikrofon auf die richtige Höhe ein.
„Stairway to Heaven, würde ich vorschlagen“, antwortete er und grinste schief. „Wir starten mit was Bekanntem, außerdem mag ich die Ironie darin. Und wenn unsere speziellen Gäste eingetroffen sind, spielen wir unseren Hit“.
„Fist the Deamon?“
„Jupp. Und dann spielt um euer Leben, Jungs!“
„Tun wir das nicht immer?“

Kapitel 3: The Lost and The Fourious

Wenige Minuten vor Zehn kam Neil hereingehastet.
„Leute, draußen stehe schon einige Pick-Ups mit einem Haufen Leuten Drumherum. Sie qualmen und glotzen misstrauisch die Halle an“.
„Na, dann werden die Mutigen sicher gleich reingeschlendert kommen und so tun, als wären sie jeden Tag auf einem Rockkonzert in einer Grundschulturnhalle“, sagte Rob verächtlich. Er entferne sein Haargummi, dass die langen, blonden Haare gebändigt hatte und sah in seiner dünnen, hellgrauen Wildlederjacke, der engen Jeans und dem Shirt ein wenig wie Model für Jesus aus. Dazu passten die strahlend blauen Augen und die Gesichtszüge, die selbst ein Meister wie Michelangelo nicht besser gemeißelt haben konnte. Wobei der Vergleich mit dem Messias nicht völlig weit hergeholt war.

Die ersten Besucher tauchten auf, eine Gruppe aus vier Männern in Jeans und gelben Regenjacken. Sie schlenderten lässig bis zum Ende er Halle und taten so, als würde sie alles nicht sonderlich beeindrucken. Alex nickte Rob zu. Das hatte er schon so oft erlebt. Aber sobald sich die ersten hereintrauten, folgten auch die anderen Leute. Nach und nach füllte sich die Halle mit den Einheimischen, meist Männer, vom Teenager bis zum angegrauten Familienvater. Auch gut ein Drittel Frauen waren dabei, wobei sich – wie durch Magie angezogen – eine kleine Gruppe genau vor Rob versammelte und versuchte, ihn nicht allzu offensichtlich zu bewundern. Auch das war normal und die Band ignorierte die Menschen weitgehend. Alex ging kurz von der Bühne, um an einem Schaltpult einige Tasten zu drücken. Er war der Techniker sorgte nun für einige bunte Lichteffekte, gleichzeitig wurde die Hallenbeleuchtung ausgeschaltet. Neil trat an ihn heran, sein bunter Anzug verlieh ihm im schwachen Licht ein geisterhaftes Aussehen.
„Die Halle ist bald voll, es sind doch mehr gekommen, als ich dachte. Wir hätten doch Eintritt nehmen sollen!“
„Neil!“
„Jaja, war ja nur ein… Gedanke. Was wollt ihr eigentlich einüben? Ihr habt doch kein neues Stück, oder? Das letzte von euch, Suck on a Devils Heart, war echt übel. Ich hoffe…“
„Keine Angst, wir haben nix neues. Wir wollen nur die Performance verbessern. Kündige uns an und rede kurz mit Krayle, er wollte etwas Wichtiges von dir“.
Neil nickte, wischte sich kurz mit dem Ärmel seines Polyesteranzugs über die Stirn und stieg dann, professionell lächelnd, auf die Bühne. Das Gemurmel der Zuschauer wurde leiser und neugierige, teils auch skeptische Blicke, musterten die Band und den komischen kleinen Ansager in seinem blauen Outfit. Alex schaltete einen Scheinwerfer so, dass er Neil von hinten anstrahlte. Der nahm sein Mikrofon aus der Jackentasche und blies einmal hinein. Ein dumpfer Laut, gefolgt von einem Knistern, erfüllte die Halle und ließ einige Zuschauer zusammenzucken.

„Haha, jetzt sind wohl alle wach. Äh… Vielen Dank, dass sie so zahlreich erschienen sind. Dies ist ein Konzert der besonderen Art. Ein Konzert einer besonderen Band. Einer Gruppe, die einzigartig ist …“
Da hat er nicht ganz unrecht, dachte Alex und schaute seine Bandmitglieder an. Rob stand ausdruckslos mit seiner Fender E-Gitarre und übte einige Handgriffe. Krayle stand mit seinem alten Jazz-Bass hinter ihnen, ganz in schwarz, ebenfalls mit einem Duster, dazu hatte er ein Halstuch mit den Bandkürzel AOP um die Stirn gebunden. James saß hinter seinem großen Drum-Set, massig wie ein Fels, die Lederjacke ausgezogen und sah mit seinen Drumsticks aus wie ein Zwerg Morias, der mit Kampfhämmern auf Trolle einschlagen wollte. Seine Augen glühten einen Wimpernschlag rot auf und Alex nickte. Er dachte kurz an Bridget, die von den Dämonen abgeschlachtet worden war. Heute würde er es ihnen zurückzahlen – nur machte es sie nicht mehr lebendig.

„Liebe Gäste dieses äh völlig kostenlosen Konzerts. Begrüßen Sie Age of Platinum“, setzte Neil seine Ankündigung fort. „Aus alle Teilen der Welt sind sie heute exklusiv für Sie zusammengekommen…“
„Quatsch nicht so viel, Alter, legt los!“, rief ein junger Kerl mit Jeansjacke dazwischen und erntete Beifall seiner Kumpels, die mit Bierflaschen anstießen.
„Ja nun, hören Sie Age of Platinum. Dies wird ein Abend, denn Sie nie vergessen werden!“ Wenn er wüsste, wie recht er hat, dachte Alex und beobachtete Neil, wie er das Mikro wegsteckte und zu Krayle ging. Der würde wie immer sein Bewusstsein beeinflussen, sodass er sich gleich in den gepanzerten Bus legen und schlafen würde. Neil war ein gewöhnlicher Mensch, zwar nervig, aber verletzbar. Sie brauchten ihn schließlich noch und wollten ihn aus der Schusslinie haben. Alex tippte kurz auf sein Keyboard und spielte den Programmierten Sample ab. Rob setzte ein und spielte die ersten Takte, James setzte ein und hämmerte los, gab das Tempo vor. Bald hatten sie alle in die Harmonie gefunden und spielten ihr Intro. Die Lautsprecher dröhnten, aber noch nicht so laut, wie sie konnten. Draußen, vor der Halle, spie die Box auf dem Dach des Busses die Klänge in die Nacht. Sie würden in dieser einsamen Gegend Meilenweit zu hören sein. Was schließlich auch der Sinn war.

Einige enttäuschte Gesichter waren im Halbdunkel der Halle zu erkennen, weil sie so eine abgedroschene Nummer wie Stairway to Heaven spielten, wenn auch mit hämmerndem Rhythmus. Sie spielten eigentlich Alternativ Rock, mit harten, metallischen Drums, wie man sie nur hinbekam, wenn man einen Gargoyle am Schlagzeug hatte. Doch diese Nummer war nur zum warmspielen – und um Aufmerksamkeit zu erregen. Als die letzten Takte verklungen waren, spielte Alex einige Takte auf dem Keyboard an. Langsam, sanft und leise, schlichen die Töne durch die Halle, melancholisch tropften sie aus den Boxen und James setzte seine Drums ein, spielte einen immer wiederkehrenden Takt, der langsam anstieg und etwas bedrohliches bekam. Kralye und Rob kamen hinzu, hatten die Planänderung begriffen. Der Klang von Streichern kam aus dem Keyboard hinzu, ergänzten den Rhythmus um weitere Dramatik. Die Gesichter an der Bühne wurden starrer, gespannter, überraschter. Dies war ein ganz anderer Sound. Alex hatte sich um entschieden. Er wollte eine Kampfansage. Er wollte Rache für Bridget. Sie spielten ihren Song Fury Reigns, und die Stampfende Musik, nun durch Hörner ergänzt, wanderte in die Nacht und füllte die Leere zwischen den Häusern, den verlassenen Straßen und einsamen Birkenwäldern. Alex´ schnarrende Riffs kamen nun hinzu, der Rhythmus steigerte sich, wurde fordernder, härter, dramatischer. Die Mädchen an der Bühne starrten mit offenem Mund auf Rob, der nun zum ersten Mal ans Mikrofon ging und anfing, zu singen:

Severed heads
Vengeance says
Fury reigns
We get them all

Robs Stimme sang nicht nur diese Zeilen. Er zeigte sie. In den Köpfen der Menschen entstanden Bilder. Alex sah ein Mädchen, das sich an die Brust fasste. Augen wurden aufgerissen, Münder öffneten sich und schnappten nach Luft. Emotionen schwebten aus Robs Kehle und füllten die Herzen der Zuschauer.

Open hell´s gates
Alle the ground shakes
Blood divides
We find the breed

Seine Stimme war einerseits klar und rein, er traf die Töne so perfekt dass es schmerzte, doch eine Spur Dunkelheit war darin, etwas raues. Doch wenn er sang, konnte sich dem keiner entziehen.

The Winters breath
With a taste of death
Darkness will splinter
We´ll take it all

James legte etwas mehr Kraft auf die Drums, wurde einen Takt schneller. Das Lied nahm die Männer gefangen, hüllte sie ein wie eine Masse, aus der es kein Entkommen gab. Sie wurden zu einer Einheit, jeder Ton saß dort, wo er hingehörte, während Rob die Menschen in seinen Bann zog. Die Bühne bebte, die Bässe gingen durch und durch, die Halle schien sich in einen gewaltigen Lautsprecher verwandelt zu haben. Der Text sprang durch die Nacht und erreichte, wen er erreichen sollte. Nicht, das er die Wesen berührte, die ihn vernahmen. Es war eher der Klang, der sie aufhorchen ließ. Rob war ein Engel. Ein Gefallener, so bezeichneten es manche. Aber er war von selbst gegangen, weil er nicht mehr in der Lage war, sich für eine Seite zu entscheiden. Er hatte sich dem GESETZ unterworfen, wie jedes übernatürliche Wesen, das unter den Menschen weilte. Doch einige Eigenschaften seines alten Seins hatte er behalten. So seine Stimme, in der, wenn er sang, ein winziger Hauch der Schöpfung mitklang.

Worlds collide
And valor wakes
Fury Reigns
We´ll take it all

Die Worte überrollten die Menschen, die erstarrt und mit aufgerissenen Augen auf die Bühne glotzen. Niemand konnte sich dem Lied entziehen, und der Pathos des Liedes wandelte sich allmählich in Furcht. Schatten wurden länger und dichter. Die Dunkelheit vor der Tür wurde schwärzer, die Lampen schienen an Kraft eingebüßt zu haben.

Heart for heart
And iron kisses flesh
Now it begins
We get them all

Sie spielten sich dem Höhepunkt entgegen, der die Herzen fast bis zur Raserei beschleunigte. Plötzlich schienen es mehr Menschen in der Halle zu befinden, es wurde enger und dichter darin. Alex spürte es in jeder Faser seines Körpers, während er wie automatisch spielte. James Augen glühten, während er verbissen auf die Trommeln und Becken eindrosch, jeder von ihnen spürte es, auf die eine oder andere Art und Weise. Nur Rob sang, mit geschlossenen Augen, abwesend, ganz der Melodie und den Worten zugewandt. Die Schatte zogen sich mehr und mehr zusammen. Scharfe, schwarze Konturen, die nicht zu den Menschen gehörten, die gebannt im Raum standen. Es waren Schatten, die kein Licht schaffen konnte. Diese Finsternis war urtümlich, stammte aus den Anfängen der Schöpfung, bevor die Worte „Und es wart Licht“ gesprochen worden waren. Aus diesem Dunkel schälten sich langsam Gestalten heraus. Endlich!

Das Publikum stand erstarrt in der Halle, die Augen und Münder weit aufgerissen, die Arme an die Leiber gepresst, wie eine Armee aus lebendigen Kegeln. Gefangen von einer Musik, die eigentlich nicht für ihre Ohren bestimmt war. Doch es funktionierte, denn die Kreaturen, die auf ihre Schwingungen reagierten wie Fliegen auf blutigen Eiter, schälten sich zwischen den Menschen nach und nach heraus. Sie standen mitten unter ihnen – und würden die Augen der Leute sehen können, was um sie herum geschah, es wäre im wahrsten Sinne des Wortes die Hölle ausgebrochen


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