Alyssa León – Leseprobe | Ein Wort zu viel - Der Story Blog

Alyssa León – Leseprobe

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Western Mail Order – Das Glück liegt in Wyoming

 

 

 

Wyoming Territory, USA, August 1885

 

Ein sanftes Rütteln an ihrer Schulter war es, das Gillian aus ihrem kurzen Schlummer weckte. Sie blinzelte und blickte geradewegs in das freundlich lächelnde Gesicht eines jungen Mannes. Er lüftete kurz seinen Bowler und ließ ihn dann keck auf sein glänzend blondes Haar zurück sinken. Nur das schelmische Blitzen seiner grünen Augen übertraf das Strahlen seiner gepflegten Zähne.

Ein Beau, ohne jede Frage. Ein kleines bisschen schnöselig, vielleicht.

»Verzeihung Miss«, fragte er. »Ist der Platz neben Ihnen noch frei?«

Gillian erwachte jetzt vollends, wozu auch das heftige Ruckeln beitrug, das der anfahrende Zug verursachte. Hatte er sie gerade wirklich einfach berührt?

»Äh. Ja, Sir«, lächelte sie scheu und nahm ihre Tasche von der Sitzbank neben ihr.

»Hervorragend«, freute sich der Beau und verstaute sein Gepäck in der Ablage über ihnen.

»Darf ich?«, fügte er mit einem Blick auf ihre Reisetasche hinzu und deutete in das Gepäckfach. Sie nickte nur und murmelte einen kleinen Dank, als er die Tasche über ihren Köpfen ins Netz legte. Er richtete seine tadellose, modische Kleidung, ließ sich neben ihr nieder und sah sie an. Sie tat so, als habe sie es nicht bemerkt und blickte verstohlen aus dem Fenster. Es war ihr unangenehm, seinem Blick zu begegnen. Doch ihn schien das nicht zu kümmern.

»Thomas Brigham«, stellte er sich kurzerhand vor und streckte ihr seine schmale, gepflegte Hand hin, was dem älteren Ehepaar auf den Sitzen gegenüber ein paar neugierige Blicke entlockte.

»Gillian MacAvery«, entgegnete sie mit kühler Zurückhaltung und ließ es zu, dass er ihre Hand drückte.

»Es ist mir ein Vergnügen«, erwiderte er.

Sie sah wieder aus dem Fenster. »War das gerade Laramie?«, fragte sie.

»Ja, Ma’am. Nur knappe sechzig Meilen, dann bin ich wieder zu Hause. In Medicine Bow.«

Den letzten Satz betonte er mit Stolz, als würde die Stadt ihm gehören.

Sie antwortete nicht, sondern nickte nur höflich.

»Und Sie?«, fragte er.

Sie seufzte heimlich. Es war ihr klar, dass einer seiner Sorte nicht locker lassen würde, bis er ihre halbe Lebensgeschichte kannte, also konnte sie ihm zumindest ihr Reiseziel sagen. Außerdem würde er es ohnehin herausfinden.

»Ebenso.«

Ein Strahlen ging über sein Gesicht. »Was Sie nicht sagen! Welch ein Zufall!«

Ihr Blick trat wieder die Flucht aus dem Fenster an.

»Wenn Sie mir die Frage gestatten, Sie sind nicht aus der Gegend hier, oder?«

»Ich komme aus Boston.« Gillian musste sich beherrschen nicht unruhig auf ihrem Sitz hin und her zu rutschen. Langsam wurde es ihr zu viel.

»Dachte ich mir«, antwortete er selbstzufrieden. »Eine solche Schönheit wie Sie wäre mir in Medicine Bow doch sofort aufgefallen!«

Das Ehepaar gegenüber blickte sich amüsiert an.

Er wartete ihre Antwort nicht ab und fragte: »Was führt Sie denn in meine schöne Heimatstadt?«

Sie schluckte. »Ich besuche jemanden.«

»Ach? Dürfte ich ergebenst fragen, wen? Verzeihen Sie, aber ich kenne so ziemlich jeden in der Stadt und…«

»Jemanden«, betonte sie leicht säuerlich und machte damit klar, dass ihr dies zu weit ging.

Das ernüchterte ihn.

»Natürlich. Entschuldigen Sie meine Neugier. Ich bitte vielmals um Verzeihung.«

Sie hatte ihn erfolgreich zum Schweigen gebracht und sah nun wieder aus dem Fenster. Sie war ihm nicht böse. Es war nur so, dass sie selbst nicht wusste, ob das, was sie hier tat, auch das war, was sie tun sollte. Sie hatte nur fort gewollt. Raus aus Boston, möglichst weit. Das, was sie am Ende ihrer Reise dort in Medicine Bow erwartete, war ihr vor ein paar Tagen noch wie ein rettender Strohhalm vorgekommen. Die letzte Zuflucht. Schutz und Sicherheit.

Doch was war es wirklich, was sie dort finden würde? Konnte sie sicher sein, dass sie dort nicht noch Schlimmeres erwartete? Die Ungewissheit machte sie überaus nervös. Und das Nervenbündel, das sie war, hatte keineswegs das Bedürfnis, irgendjemandem zu vertrauen. Auch, wenn er gutaussehend und nett war.

Der Rest der Reise verlief in mehr oder weniger betretenem Schweigen und sie stellte sich die meiste Zeit schlafend. Als der Zug endlich mit ohrenbetäubend kreischenden Bremsen an der Bahnstation in Medicine Bow einlief und anhielt, ließ es sich Mr. Brigham jedoch nicht nehmen, ihr Gepäck auf den Bahnsteig zu tragen und ihr galant aus dem Zug zu helfen.

Ungefragt nahm er ihre Hand und deutete einen Handkuss an.

»Zu Ihren Diensten Ma’am. Ich hoffe sehr, wir sehen uns gelegentlich einmal in der Stadt.«

Bevor sie noch gegen seine herausgenommene Frechheit protestieren konnte, legte er grinsend die Hand an seinen Hut und entfernte sich.

Während sich auf dem hölzernen Bahnsteig Szenen von Wiedersehen und Abschied mischten und die Menschen zunächst um Gillian herumsummten wie ein Bienenschwarm, um sich schließlich mehr und mehr zu verlaufen, blickte sie sich immer wieder suchend um.

In seinem Brief hatte er versprochen, sie hier abzuholen. Ein paar Mal glaubte sie einen Mann zu sehen, der seiner Beschreibung entsprach, doch immer wenn sie zögerlich lächelnd auf einen dieser Männer zutrat, ging dieser achtlos an ihr vorbei, begrüßte jemand anderen oder ging anderen Dingen nach.

»Woran soll ich ihn erkennen?«, murmelte sie halblaut vor sich hin. »Ein Rancher… Sie sehen fast alle aus wie Rancher.«

Doch sie sagte sich, dass er sie schon finden würde. Es wäre für ihn sicher nicht schwer, sie zu erkennen.

Doch er kam nicht.

Gillian versuchte die Hitze zu ignorieren, die die langsam aufkeimende Unruhe in ihrem Körper aufsteigen ließ. Sicher hatte er sich nur etwas verspätet. Doch auch als der Zug wieder abfuhr, kam niemand, um sie abzuholen. Der Bahnangestellte, der zuvor mit seiner Pfeife einen Höllenlärm verursacht hatte, verzog sich wieder an seinen Schalter und der Bahnsteig war schließlich menschenleer.

Gillian fühlte sich plötzlich unsagbar allein.

Sie verließ den Bahnsteig und ließ sich auf eine Bank vor dem Bahnhof fallen. Ihr blieb nichts weiter übrig als zu warten.

Also wartete sie.

Die Minuten vergingen schleichend langsam. Nichtsdestotrotz vergingen sie und als sie nach einer Weile zur Bahnhofsuhr aufsah, stellte sie fest, dass sie schon mehr als eine halbe Stunde hier saß.

Es war früher Nachmittag. Die Sonne stand hoch am Himmel, es fiel kein Schatten auf die Bank und sie schwitzte in ihrem wollenen Reisekostüm. Sie hatte gehört, dass es kühl sein sollte in Wyoming, doch der Sonne, die gnadenlos auf sie herab brannte, schien diese Information unbekannt zu sein. Nun, sie musste zugeben, dass es nicht nur die Hitze war, die sie schwitzen ließ. Was, wenn er wirklich nicht kam? Wenn er es sich anders überlegt hatte? Wer wusste schon, ob er ein Mann von Ehre war? Ob er zu seinem Wort stand?

Nervös biss sie in die Fingerspitzen ihrer Handschuhe und zog sie aus. Zum Teufel mit dem adretten Aussehen, es war einfach zu heiß. Am Liebsten hätte sie auch die obersten Knöpfe ihres hochgeschlossenen Kleides geöffnet, den Hut vom Kopf gezogen und sich ihrer Unterröcke und Schuhe entledigt. Vom Korsett ganz zu schweigen. Sie musste fast lachen, als sie daran dachte, was er wohl dazu sagen würde, wenn sie ihn so empfing.

Sie wartete weiter, endlos wie ihr schien und mit jeder verstrichenen Minute sank ihr Mut. Sie hatte fast kein Geld mehr. Sie war hungrig, aber für eine Fahrt zurück und eine warme Mahlzeit reichte ihr Budget wahrscheinlich nicht mehr aus. Aber sie konnte ohnehin auf keinen Fall zurück. Wenn er wirklich nicht kam, wusste sie nicht, was sie tun sollte. Ihr Blick verschwamm, als Tränen in ihre Augen stiegen. Entmutigt blickte sie auf ihre staubbedeckten Schuhspitzen, als ein Schatten auf sie fiel.

Endlich!

Sie blickte erwartungsvoll auf und sah in das freundlich besorgte Gesicht von – Mr. Brigham?

»Miss MacAvery? Was machen Sie denn noch hier? Holt ihre – ähm – Bekanntschaft Sie denn nicht vom Bahnhof ab?«

»Ja – äh – ich weiß nicht, was…« Sie sah hoffnungsvoll die Straße hinunter. »Vielleicht wurde er ja aufgehalten.«

»Miss MacAvery.« Brigham sprach zu ihr wie zu einem verwirrten Kind und bot ihr seinen Arm. »Wollen Sie mir denn nicht endlich verraten, mit wem Sie verabredet sind? Ich kenne jede Seele hier und ich verspreche Ihnen, ich werde Sie sicher an jeden Ort bringen, an den Sie möchten.«

Gillian war sich immer noch nicht sicher, ob sie ihm vertrauen wollte. Aber sie konnte auch nicht ewig hier sitzen und warten.

»Oder möchten Sie, dass ich Sie erst einmal ins Hotel geleite?«, fragte er jetzt.

»Nein!«, entgegnete sie schnell. Für das Hotel hatte sie kein Geld. Sie nahm seinen Arm nicht, aber seufzte: »Ich warte auf Mr. Cole. Matthew Cole.«

Brigham riss die Augen auf. Er hätte nicht erstaunter aussehen können. »Cole?«, rief er ungläubig. »Was haben Sie denn mit Cole zu schaffen?«

Seine Neugier missfiel ihr bereits wieder, aber sie beschloss es ihm trotzdem zu sagen. Wenn auch nur, um ihn in seine Schranken zu weisen.

»Nun«, sie räusperte sich, »Mr. Cole ist mein zukünftiger Ehemann.«

Er zog so heftig die Luft ein, dass er sich fast verschluckte. Und während sie noch überlegte, ob er tatsächlich ersticken würde, brach er in ein schallendes Gelächter aus.

»Heiraten?«, hustete er. »Sie wollen Mad Matt heiraten? Das ist nicht Ihr Ernst oder? Du meine Güte, jetzt haben Sie mich aber drangekriegt!«

Das Herz sank ihr und ihr Magen krampfte sich zusammen.

Mad Matt?

»Stimmt etwas nicht mit Mr. Cole?«, flüsterte sie zutiefst verunsichert. »Ist er – verrückt? Ich meine, wegen dieses Spitznamens…«

Der junge Mann wurde schlagartig nüchtern und schluckte. Sein zutiefst besorgter und beunruhigter Gesichtsausdruck ließ Gillian das Blut in den Adern gefrieren.

»Gütiger Gott«, stieß er hervor. »Sie meinen es wirklich ernst, oder?«

Sie konnte nur nicken.

»Hören Sie«, raunte er und fasste sie leicht am Arm. »Miss, wenn Sie mir einen guten Rat erlauben möchten, überlegen Sie sich das gut, wenn Sie sich nicht für immer ins Unglück stürzen wollen.«

»Was soll sie sich überlegen, Thomas?«, ließ sich eine tiefe Stimme vernehmen.

Gillian und Brigham fuhren gleichzeitig herum und blickten in die Richtung aus der die Stimme gekommen war. Sie gehörte zu einem breitschultrigen Mann um die Dreißig, der in diesem Moment lässig vom Bock eines einspännigen Wagens sprang.

»Matt«, nickte Brigham und ließ Gillian los.

Der Ankömmling würdigte ihn keines Blickes, nahm seinen Hut ab und baute sich vor Gillian auf. Er war so groß, dass er sie komplett beschattete. Sie blinzelte an ihm empor, von seinen robusten Stiefeln angefangen, über seine schlichte, aber saubere Kleidung bis in sein Gesicht. Er war offenbar seit mehr als einer Woche unrasiert, was ihm ein dunkles, ungeschliffenes Aussehen verlieh. Seine Nase war weder außergewöhnlich noch perfekt. Eine ganz kleine Unregelmäßigkeit deutete an, dass sie vielleicht schon einmal gebrochen war. Über dem Bart stand ein bemerkenswertes, aufmerksam blickendes Augenpaar, das blauer war, als alle anderen, die sie bisher gesehen hatte. Es war ein sehr helles Blau, mit feinsten Silberfäden durchzogen und es wirkte wie der Himmel an einem klaren Sommertag. Die Farbe seiner Augen stand in einem irritierenden Kontrast zu seinen dichten dunklen Wimpern und zu seinem schwarzen Haar, das gewellt und irgendwie unbändig bis auf seinen Kragen fiel.

Der Mann lächelte nicht und wirkte insgesamt ziemlich einschüchternd auf sie.

»Miss MacAvery?«, fragte er überflüssigerweise.

Sie nickte. Er streckte zur Begrüßung die Hand aus und sie nahm sie. Sein Griff war fest.

»Matt Cole.«

Sonst sagte er nichts, keine Entschuldigung für seine Verspätung, kein Willkommen, nichts. Er musterte sie nur mit seinen unergründlichen, ernsten Augen.

Thomas räusperte sich. »Miss MacAvery, wenn Sie es sich noch anders überlegen…«

»Verschwinde, Thomas«, knurrte Cole, doch Brigham wich keinen Zentimeter und sah wartend auf Gillian.

Sie bezweifelte, dass Thomas sie vom Fleck weg heiraten würde, also gab es keinen Ausweg.

»Es ist schon gut, Mr. Brigham«, antwortete sie und rang sich mühsam ein Lächeln ab. »Ich komme schon zurecht, vielen Dank.«

»Na, dann auf Wiedersehen, Miss MacAvery«, murmelte Brigham und ging fort, nicht ohne noch einen vernichtenden Blick zurück auf Cole zu werfen. Es brodelte etwas zwischen diesen beiden Männern, das war nicht zu übersehen. Doch Gillian war im Moment nicht danach, der Sache auf den Grund gehen zu wollen. Etwas Anderes stand jetzt an, etwas, das sie zunehmend mit schleichender Angst erfüllte. Was hatte sie da nur angefangen?

»Wollen wir es hinter uns bringen?«, fragte er jetzt. Es klang wenig charmant. Vielleicht war er selbst ja auch ein kleines bisschen nervös?

Sie blickte in seine Augen und sah schnell wieder weg. Nein. Dieser Mann wurde bestimmt niemals nervös.

Sie versuchte sich zusammenzureißen. Schließlich hatte sie gewusst, was sie erwartete, denn darüber hatten sie sich in ihren Briefen geeinigt. Die Hochzeit würde sofort stattfinden. Sie hatten beide kein Geld übrig, als dass sie im Hotel hätte wohnen können. Und wenn er sie mitnahm auf seine Ranch, dann nur als seine Ehefrau. Alles andere wäre unschicklich gewesen.

Er fasste sie leicht am Ellbogen, wies ihr den Weg zu seinem Wagen und half ihr beim Aufsitzen. Sekunden später saß er neben ihr, schnalzte dem strubbeligen braunen Wagenpferd aufmunternd zu und steuerte die kleine Kirche von Medicine Bow an.

…..

 

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