Das Wesen der Dunkelheit | Ein Wort zu viel - Der Story Blog

Das Wesen der Dunkelheit

0.1. Kapitel 1 Stell dir mal vor…

Die Sonne – sie macht auf unserem Planeten das Leben erst möglich. Pflanzen, Tiere, Menschen, das Wetter, alles ist von der Kraft dieses Gestirns abhängig. Doch was ist, wen du der einzige bist, den Sonnenlicht umbringen kann?
Stell dir vor… du musst in ewiger Dunkelheit leben. Wie ein Vampir scheust du vor jedem Lichtstrahl zurück – aber du bist keiner. Denn dann wärst wenigstens stark, könntest dich verwandeln oder fliegen und wärst cool.
Aber nein, du bist nur ein Freak, ein langweiliger, sterblicher Freak, der nur nachts herumlaufen kann. Und nur in dicken Klamotten, damit dich keine der hellen Straßenlaternen ausversehen grillt.

Was Licht mit einem wie dir anrichten kann, hast du schon früh erfahren müssen: Als Tommy, dein kleiner Bruder, auf dem Spielplatz verbrannt ist. Weil er die Sonne endlich einmal sehen wollte!
Seine Haut hatte Blasen geworfen, bis sie ihm zischend von den Knochen getropft war.
Es stank bestialisch nach verbannten Haar und Fett. Als die Sonnenstrahlen seine Knochen erreicht hatten, verwandelten sie diese in schwarze Kohle.
Der Junge schrie, solange noch Leben in ihm war, und seine gellenden Laute hörst du noch heute, wenn du schweißgebadet aus deinen Träumen aufwachst.

Sein Körper war vor deinen Augen zu einem schmierigen Haufen Asche verbrannt, mit den Resten seiner Kleidung dazwischen.
Es ist deine Schuld gewesen! Weil du eingeschlafen bist und nicht auf ihn aufgepasst hattest.
Daher fürchtest du das Licht, weil es kein Segen, sondern ein Fluch ist.
Du schlägst dich mit Nebenjobs durch, bei denen du nachts arbeiten kannst und keiner dumme Fragen stellt, wie du aussiehst.
Weil du zum Beispiel selbst im Sommer mit einem langen, dicken Mantel herumläufst. Du bist eben ein Freak!
Aber in einer Großstadt gibt es zum Glück genug Verrückte, die herumlaufen, daher bist du für viele nur ein weiterer Spinner.
Der Winter ist deine liebste Jahreszeit: Lange Dunkelheit, lange Nächte, weniger Angst.

Seit Januar arbeitest du in einer Tankstelle. In der Nachtschicht natürlich, von zweiundzwanzig Uhr bis sechs Uhr morgens. Und direkt gegenüber arbeitet… sie.
Eine weiteres Problem, das dich belastet.
Sie ist jung, schön, voller Energie und Leben und heißt Marie. Ebenfalls in der Nachtschicht, arbeitet sie im Schnellrestaurant gegenüber deiner Tanke.
Du beobachtest sie, wenn sie kommt und geht, durch die Fensterflächen des Restaurants siehst du sie herumlaufen und Gäste bedienen.
Ihr schwarzer Zopf wippt dabei fröhlich hin und her und immer hat sie ein Lächeln im Gesicht. Sie scherzt mir ihren Kollegen, wenn sie sich am Morgen nach der Schicht voneinander verabschieden.
Dein Herz könnte zerspringen, wenn du ihr Lachen hörst.
Eines Nachts kam sie zu dir herüber, wie immer mit federnden Schritten, um einen Kaugummi zu kaufen.
Am liebsten wärst du schreiend aus dem Laden gerannt!
Aber das einzige, was du zustande brachtest, war ein würgendes „Danke“, als ihre schlanken Finger auf die Brille zeigten, die du immer trägst. „Coole Sonnenbrille“, sagte sie und du nahmst zitternd ihren Euro entgegen.
Sie roch so wunderbar – nach frischer Luft, Seife, Vanille und einer Spur Frittenfett – und du erkanntest zum ersten Mal, dass sie grüne Augen hatte.
Zwar mit dunklen Rändern, aber es waren gesunde, grüne, wache Augen.
Nicht rot und entzündet wie deine eigenen, die du hinter der Brille versteckst.
Du bewunderst ihren Schwung – ihre wiegenden Hüften, ihr glänzendes Haar – als sie den Laden der Tankstelle verlässt.
Ihre Aura, die immer noch im Raum schwebte, lähmte dich mehrere Minuten auf deinem Platz.

Seitdem träumst du von diesem Moment – wenn dich nicht grade Tommys imaginäres Kreischen aus dem Schlaf reißt.
Vor ein paar Nächten tauchte dieser Typ auf, ein großer, bärtiger Dreckskerl. Ein Fernfahrer, der jede Nacht gegenüber parkt und essen geht.
Du stehst an der Kasse, die LED-Lampen, die du selber installierst hast, da sie dir keinen Schmerz verursachen, tauchen den Laden in kaltes, blaues Licht.
Immer wenn durch die Scheiben zum Restaurant schaust, erkennst du den Kerl, wie er dort sitzt und isst.
Marie bedient ihn, sie lächelt, er lacht und flirtet mit ihr. Sie ist höflich, wie zu allen Gästen. Aber sie merkt nicht, wie er ihr hinterherstarrt. Ohne ein Lächeln.
Seit letzter Nacht fährt er mit seinem Truck nicht mehr weg. Er bleibt im Fahrerhaus sitzen, bis Marie sich von ihren Kollegen verabschiedet und zu ihrer U-Bahn-Station geht, erst dann fährt er.
Das macht dir Sorgen.
Und heute Nacht ist alles anders.

Draußen neben der Tanksäule beobachtest du das Restaurant.
Du hast wieder die Beleuchtung manipuliert, so wie an jedem Arbeitsplatz, damit es weniger hell ist.
Daher sieht dich niemand, wie du dort im Schatten stehst. Die Schicht ist vorbei und Marie steht vor dem Personalausgang. Sie gibt einem rauchenden jungen Mann einen Klaps und einer kleinen Blondine einen Kuss auf die Wange.
Deine Blicken suchen den Truck des Fernfahrers und du erkennst zwischen dem Fahrerhaus und dem Anhänger eine dunkle, große Gestalt.
Er steht draußen, raucht und starrt auf das Restaurant.
Du würdest am liebsten rüber gehen und ihn zur Rede stellen. Aber was kannst du ausrichten, gegen einen muskelbepackten Trucker?
Du bist nur ein dünner Freak, eine Absonderlichkeit der Nacht.

Marie geht schwungvoll die Straße hinab und der Schatten am Lastwagen löst sich, der Kerl folgt ihr zu Fuß.
Dir stockt der Atem und das Herz klopft bis in den Hals.
Was kannst du tun?
Du willst schreien, irgendwas rufen, aber deine Kehle ist trocken, wie zugeschnürt. Schweiß rinnt deinen Rücken hinunter. Du kannst nichts machen!
Du bist schwach, verletzlich. Versteck dich, falle nicht auf und gehe niemals ein Risiko ein“, hatte deine Mutter immer gesagt. Erst recht nach dem Unfall mit deinem Bruder.

In der Ferne werden zwei Silhouetten vom Zwielicht der Straßenlaternen verschluckt. Was kannst du unternehmen?
Panisch läufst du um die Tanksäule herum, ringst mit den Händen und schlägst wütend gegen die Metallverkleidung – deine Fingerknöchel schmerzen sofort.
Marie… Marie… Marie.
Wie eine Polizeisirene tönt ihr Name in deinem Kopf.
Kannst du die Bullen anrufen? Was sagst du ihnen? Zwei Leute gehen die Straße hinunter…?
Du fluchst und rennst los.
Deine Lungen brennen sofort.
Du springst du über die Straße, dunkle Flecken und Schatten suchend, und denkst immer nur an Marie. Was kannst du tun? Was???
Zwei Schatten verschwinden in der Ferne um eine Ecke.
Du zögerst, denn dahinter lauert die U-Bahn-Station, natürlich hell ausgeleuchtet.
„Tommy, oh Tommy, hilf mir“, flüsterst du das Stoßgebet, wie immer, wenn du in Schwierigkeiten bist.
Deine Gedanken sind zäh wie Brei. Marie läuft einsam auf der Straße. Hinter ihr ein brutaler Kerl. Verzweifelt läufst du weiter. Dein Magen zieht sich zusammen, aus Angst.
Du läufst mit Seitenstechen durch die Nacht, weichst instinktiv den hellsten Lampen aus und bist so hilflos.
Du musst Marie helfen. Aber wie?
Nur eins weißt du mit Sicherheit: In drei Stunden geht die Sonne auf.
Und sie wird dich vernichten!


0.2. Kapitel 2 Ein schlechter Morgen

„Das Leben zieht alle Register, um weiter zu bestehen“ (Eric Liberge)

 

Wie jeden Morgen wache ich schweißgebadet auf. Mein Hals schmerzt.  Ich muss geschrien haben. Wahrscheinlich den Namen meines Bruders. Er war erst sechs Jahre alt, als er vor meinen Augen gestorben ist. Durch meine Schuld.

Ich schleppe mich ins Bad und spritze mir im dunkeln Wasser ins Gesicht. Keine Lust zu duschen. Zurück im Schlafzimmer taste ich nach dem Handy. Die Wetteranzeige steht auf voller Sonne. Draußen ist bestimmt das schönste Wetter.  Sonnenschein, Vogelgezwitscher, gut gelaunte Menschen, es ist sogar wärmer als sonst im Januar. Also alles zum kotzen. Ich habe zum Glück meine Fenster so abgedichtet, das kein Lichtstrahl von außen eindringen kann. Ich bin ja nicht Lebensmüde, auch wenn es manchmal so aussehen mag. Ich knipse die blaue Taschenlampen-LED des Handys an. Dieses kalte, künstliche Licht verursacht mir Ausnahmsweise keine Schmerzen, daher kann ich es aushalten. Ich tappste mit dem Licht in der Hand in die Küche, setze Wasser auf und mache mir einen Tee.  Elf Uhr zeigen die grünen Ziffern auf dem Display in meiner Hand. Ich könnte noch etwas schlafen. Aber der letzte Alptraum hält mich davon ab.  Tommy oh Tommy, warum musste das alles nur passieren… Die Nachtschicht in meinem neuen Job fängt erst im Zehn Uhr Nachts an. Ich habe also noch viel Zeit.

Nur, was nützt sie mir, tagsüber? Das Wasser kocht, ich stülpe einen billigen Teebeutel in eine Tasse und warte. Das Zeug schmeckt wie Stroh mit Mäusekot, aber es ist billig und das Wasser hat zumindest einen Geschmack nach irgendwas. Ich kann nicht wählerisch sein, ich finde nicht oft Jobs, die sich nur auf die Nacht beschränken, wo keiner dumme Fragen stellt, wie ich aussehe. Und welche, wo ich nicht im grellen Licht arbeiten muss, das mich grillen kann wie ein Brathuhn am Spieß.

Ich gehe wieder ins Bad. Schalte die LED-Lampe über dem Spiegelschrank ein. Wieder hartes kaltes blaues Licht. Ich blicke in den Spiegel und sehe ein Gespenst. Harte, kantige Züge. Unterlaufende Augen. Blasse, fast weiße Haut. Wie ein Vampir sehe ich aus. Oh, ich wünschte, ich wäre einer. Dann könnte ich tolle Sachen machen. Fliegen vielleicht. Mich verwandeln, in eine Fledermaus. Ich wäre stark. Und cool. Das mit dem Blut, okay, könnte ich vielleicht noch hinkriegen… Ich grinse mich selbst an. Nein, ich bin nicht cool. Nur ein Freak, mit der Sonne als seinen ärgsten Feind.

Ich liege wieder im Bett. Im dunkeln. Ich starre auf das Handy auf meinem Bauch. Seit zehn Jahren habe ich dieselbe Nummer. Wahrscheinlich bin ich der einzige in dieser Stadt, der nie seine Nummer gewechselt hat. Seit acht Jahren ist eine einzige SMS darauf gespeichert. Ich starre auf das tote Display. Es passiert: nichts. Natürlich nicht, wer soll mich anrufen? Wer sollte Nachrichen austauschen? Meine Familie ist tot. Freunde habe ich keine. Aber diese eine SMS darauf… Ich bin versucht, es in die Hand zu nehmen und mir die Nachricht anzuschauen. Aber was soll mir das nutzen? Ich lenke mich ab und denke an meinen neuen Job: Ich arbeite an einer Tankstelle im Industriegebiet. Neben der Tür steht ein Karton mit speziellen Lampen, die ich noch austauschen muß. Zum Glück war der Tankstellenpächter nur interessiert, jemanden für die langweile Nachtschicht zu finden. Ihn störte es nicht, das ich vermumt wie ein Eskimo herumlief und mich erst nach Sonnenuntergang mit ihm treffen wollte. Bin halt ein Freak. Er hatte schon schlimmere Typen eingestellt, sagte er. Die meisten davon seien besser als die normalen gewesen.

Die wichtigsten Lampen an meinem Arbeitsplatz werde ich durch LED oder teure Birnen mit speziellen Filtern ersetzen. Wenn es nicht anders geht, werden auch ein paar Lampen zerstört werden. Ganz unauffällig und rätselhaft natürlich. Meine Arbeitsstellen erkennt man immer daran, das irgendwann die Beleuchtung immer weniger wird.

Ich starre auf das Handy. Die kleinen Leuchtziffern springen langsam um. Es ist jetzt vierzehn Uhr. Es landet in meiner Hand, meine Finger entsperren das Display, das auf schwächste Beleuchtung eingestellt ist. Ich gehe in das Nachrichten-Menü und fluche. Aber ich kann nicht anders. Diese eine SMS, ich muss sie lesen. Immer und immer wieder. Sie hat mich schon in die Psychiatrie gebracht. Ein Jahr lang war ich dort, im dunkeln in einer Zelle, mit Pillen so vollgestopft, das ich nicht mal mehr meinen Namen wusste. Dann entließ man mich, weil ein dämlicher Psychiater meinte, ich sei ungefährlich und auf dem Weg der Besserung. Man warf mich aus der Klinik, als geheilt entlassen. Was für ein Quatsch. Wahrscheinlich wollte die Kasse nur nicht mehr weiter für einen wie mich bezahlen.

Ich rufe die gespeicherten Nachrichten auf. Eine einzige ist auf der SIM-Karte hinterlegt. Ich wage es nicht, sie zu löschen. Seit acht Jahren, obwohl sie mich in die Klapsmühle brachte. Ich tippe mit zitternden Fingern auf das kleine Briefsymbol. „Hallo,“ steht dort plötzlich zu lesen, „mach dir keine Sorgen. Tommy.“ Das ist alles. Damals bin ich ausgeflippt, als die SMS hereinkam. Jeder wollte mir einreden, das es eine gefakte Message ist. Von einem Witzbold, oder einem Sadisten, der mich quälen wollte. Die Polizei konnte nie einen Absender ausfindig machen. Im Absender stand auch keine Nummer und mein Netzbetreiber konnte oder wollte nie feststellen, wer diese SMS abgeschickt hatte. Und mein Bruder Tommy war tot, schon lange. Ich schaltete das Handy wieder ab und knallte es auf meine Nachtkonsole. Schlafen. Ich sollte einfach wieder schlafen, bis die Schicht beginnt. Aber ich weiß, sobald ich die Augen schließe, kommen sie wieder: Die Albträume.

wird fortgesetzt…


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