Die Hexen vom Wiewunderwald 2 – Geheimmission: Prinz Undercover | Ein Wort zu viel - Der Story Blog

Die Hexen vom Wiewunderwald 2 – Geheimmission: Prinz Undercover

 

0.1. Kapitel 1 Tara die Post ist da

Aus dem Kasten neben der Tür kam ein Schaf und machte „Möööh.“
Kathamina sprang erfreut durch das Zimmer, drückte das kleine Holzschaf zurück in den Kasten, bis der Federmechanismus hörbar einrastete und schloss dann die kleine Tür der umgebauten Kuckucksuhr. Der Schaf-Türmelder war über einen Draht mit dem Postkasten verbunden, der draußen vor dem Haus am Straßenrand aufgebaut war. Nach einigen Vorfällen hatten sie sich entschieden, den Kasten nicht nahe am Haus aufzustellen. Einerseits gab es Postboten, die sich nicht trauten, dem Hexenhaus zu nahe zu kommen. Andererseits waren manche Sendungen etwas heikel und benötigten besondere Vorsichtsmaßnahmen. Die kleine Hexe öffnete die Tür, sprang erwartungsfroh auf den Weg und summte gut gelaunt das Bienenlied vor sich hin, bis sie den Kasten erreichte. Er sah aus wie ein kleiner Schrank, stand in einem unauffällig gezeichneten Bannkreis – um die Postboten nicht zu sehr zu verschrecken – und war mit einigen Schutzzaubern versehen. Das wirksamste Mittel aber, um Diebe abzuschrecken, war ein Schild mit der Aufschrift: „Alles was hier darinnen ist, gehöret den Hexen, du Lump.“
Jedwedes Gesindel machte daher einen großen Bogen um den Kasten. Problematisch waren eher die magischen Sendungen. Seit der Zauberer Azimandias Azamonien seinen „Versandhandel für magisches und nichtmagisches Zubehör für das moderne magiebegabten Individuum“ eröffnet hatte, kamen ab und zu etwas merkwürdige Lieferungen vor. Kathamina öffnete die Klappe an der Rückseite und spähte neugierig in den Kasten. Innen war er doppelt so groß wie außen und die Wände mit Seide bespannt – um den Anblick etwas stilvoller zu halten, wie Carmelina vorgeschlagen hatte. Sie winkte sich eine imaginäre Biene aus dem Gesicht und winkte dem Gnom zu, der auf einem verschnürten Päckchen saß und eine selbst gedrehte Zigarette rauchte.

„Hallo Herr Fedexius“, grüßte sie. Hastig ließ der Gnom die Zigarette in einer Tasche verschwinden, auf die er verlegen herumklopfte, um die Glut zu löschen. Rauchen während der Arbeit war verboten, die anderen beiden Hexen verstanden in dieser Beziehung keinen Spaß.
„Guten Morgen Fräulein Kathamina“, grüßte der Gnom zurück und hustete. Als Post-Gnom war er mit den Weihnachtselfen verwandt, einer seiner Cousins gehörte zu ihnen. Doch dieser musste das ganze Jahr schuften und hatte dafür nur ein einziges Mal Außendienst, und das nachts. Hier bei den Hexen hatte er es besser erwischt. Er hatte eine sehr sichere Unterkunft, bekam zu essen und musste dafür nur die Post der drei Damen entgegennehmen oder für den Versand sorgen. Im Herbst hatte er etwas Stress mit ihrem verrückten Eichhörnchen, das immer Nüsse im Postkasten verstecken wollte, aber bisher hatte er ihre kleinen Gefechte immer gewonnen. Zu seinen Aufgaben gehörte es auch, den Draht zu betätigen, damit im Haus der Schaf-Türmelder anschlug. Also ein ruhiger Job, wie es sich ein Gnom nur wünschen konnte. Allerdings gab es auch zwei kleine Wehrmutstropfen, die er nochmal ansprechen musste.
„Was haben wir denn bekommen?“, fragte Kathamina.
Der Gnom klopfte auf das Päckchen, auf dem er saß. „Eine Sendung vom Versandhaus Azamonien. Für Fräulein Almasyna.“
„Oh, das werden die getrockneten Froschaugen sein, die sie erwartet. Sonst noch etwas?“
Bei der Erwähnung von Froschaugen verzog der Gnom das Gesicht. Wer selber kaum größer war wie eine Kröte, war auf Frösche, Unken und ähnliches nicht gut zu sprechen: Er war schon das eine oder andere Mal auf dem Weg zur Kneipe an einer vorschnellen Zunge kleben geblieben.
„Ich habe eine Zeitschrift für die verehrte Frau Carmelina“, sagte er und zeigte auf das Titelblatt von „Bella – Das Journal für die moderne Hexe, in bunt“, das auf dem Boden lag. „Und für das wehrte Fräulein ist eine neue Ausgabe von „Met & Honig“ eingetroffen. Es ist ein spannender Vergleichstest von sechs Met-Sorten enthalten.“ Eine gewisse Form von Höflichkeit fand Herr Fedexius angemessen, vor allem bei Hexen als Arbeitgeber konnte man nie vorsichtig genug sein.
„Zu guter Letzt ist auch ein Brief eingetroffen, der an alle drei Damen adressiert ist.“
„Ach ja? Von wem ist der denn, Herr Fedexius?“
„Der Absender nennt sich F. Holle, Märchenreich AG“, las der Gnom vom Umschlag ab, der ungefähr so groß war wie er selbst.

„Oh wie interessant. Dann nehme ich alles an mich, vielen Dank.“
Der Gnom reichte der Hexe die Post durch die Klappe hinaus und nahm anschließend etwas verlegen seine Mütze ab, in die mit Goldfaden sein Name gestickt war.
„Dürfte ich euch noch um etwas bitte, wertes Fräulein Kathamina?“, fragte er mit einem besorgten Gesichtsausdruck. Die Hexe hob nur fragend die Brauen, was er als eine Bestätigung annahm.
„Könnte ich in aller Bescheidenheit noch einmal das Thema Unterkunft und Arbeitskleidung ansprechen?“
Kathamina ahnte, worum es gehen würde.
Seine Hose war aus magentafarbener Wolle, die Weste aus sonnengelber. Die Jacke aus braunem Leinen kontrastierte mit der goldbestickten Mütze in rosa. Trist konnte man diese Kleidung auf keinen Fall nennen.
„Ich möchte nicht undankbar erscheinen“, fuhr der Gnom fort. „Ich bin sehr froh über diesen Job und die feine Unterkunft hier. Aber nun ja. Könnte man bei den Wänden nicht doch noch einmal über die Bespannung reden? Rosafarbene Seide ist sicher sehr … edel, und die ebenfalls rosafarbenen Möbel sind durchaus bequem, aber sie sehen doch sehr nach äh Puppenstube aus.“
„Oh, für die Einrichtung bin ich leider nicht zuständig“, wiegelte Kathamina ab
Die Sachen stammten aus einer alten Truhe aus Carmelinas Kindertagen. Sie fand sie noch gut genug, um „einen Wicht, der kostenlos in unserem Postkasten wohnt“ auszustatten, hatte sie damals gemeint.
„Und die Kleidung stammt von Almasyna. Sie hat da so ein kleines Problemchen mit Farben. Ich werde sie fragen, ob sie etwas ändern kann“, sagte die Hexe, um den Gnom zu beruhigen.
„Das wäre sehr aufmerksam, Fräulein Kathamina. Ich möchte mich nämlich nicht deswegen an meine Gewerkschaft wenden müssen. Der Bezirksvorstand ist ein Warzengnom, mit denen ist nicht gut Kirschen essen.“
„Oh da sagen Sie was, Herr Fedexius. Mit denen steht Almasyna auch auf Kriegsfuß.“
Sie winkte noch einmal und schloss die Klappe. Kurz darauf hörte sie ein leises Klicken und der Geruch von Tabak verbreitete sich. Sie sagte leise zu sich selbst: „Na ja, wir haben alle unsere kleinen Sünden“.
Mit ihrer Post machte sie sich auf den Rückweg und freute sich schon auf die neue Ausgabe ihres Lieblings-Magazins.
In der Hütte legte sie die Post auf den großen Tisch in der Mitte und schnappte sich ihre „Met & Honig“-Ausgabe. „Oh ein neues Rezept: Zimt-Vanille-Met! Das ist ja toll“.

„Hast du die Post gebracht?“, fragte Almasyna, die zur Hintertür hereinkam. Sie stellte einen Korb mit Kräutern ab und wartete auf eine Antwort, aber die kleine Hexe blätterte abwesend in ihrem Magazin. Doch das Päckchen hatte sie schon entdeckt. „Ah, das sind sicher die Froschaugen. Ich hoffe, sie sind besser als die vom letzten Mal. Azamonien ist zwar schnell, aber die Qualität ist doch leider etwas schwankend“.
Kathamina sah beiläufig auf. „Ach ja, Herr Fedexius hat sich über seine Kleider beschwert“, sagte sie.
„Wie bitte? Ich habe seine Arbeitskleidung sorgfältig ausgewählt. Schließlich soll man ihn von einem gewöhnlichen Gnomen unterscheiden können. Ich habe alles aufeinander abgestimmt.“
„Hast du nicht.“
„Habe ich nicht?
„Nein Alma, er sieht aus wie ein Spaßmacher vom Jahrmarkt“, sagte Kathamina und kicherte leise.
„Aber ich habe alle Stoffreste aus der Kiste mit der Aufschrift Brauntöne geholt, das verstehe ich nicht.“
„Nö, danach sieht er jedenfalls nicht aus. Oh, es gibt tolle Met-Hörner aus Glas, wenn man sechs dieser Coupons sammelt. Hm.“
„Kathamina, du hattest diese Kisten doch für mich beschriftet, oder?“, fragte die farbenblinde Almasyna nachdenklich, aber augenblicklich versank die andere Hexe geradezu zwischen den Seiten ihrer Lektüre.
„Wer hat wessen Kissen beschriftet?“, fragte in diesem Moment Carmelina, die aus ihrem Schlafzimmer kam und nicht alles verstanden hatte.
„Oh, ist das die neue Bella?“, rief sie und war mit wenigen großen Schritten am Tisch. Schnell blätterte sie durch das bunte Magazin und murmelte vor sich hin.
„Hm, Schlangensprache in zehn Schritten … langweilig … Blitz-Diät mit Blitzen … wer braucht Diäten … oh diese Mode werde ich auch nie verstehen … Ah ja, da haben wir sie ja, die Kontaktanzeigen.“
„Warum liest du sowas?“, fragte Almasyna, die ihr Päckchen auspackte. „Ich denke, du willst keinen neuen Mann?“
„Will ich auch nicht. Aber sie machen Spaß. Und man weiß ja nie. Och, heute steht aber nur niveauloses Zeugs drin, schade.“ Sie legte die Zeitschrift offen auf den Tisch und legte einen Finger auf eine kleine Spalte mit Anzeigen.
„Hier, diese: Zauber mit langem Zauberstab sucht… puh, wie einfallslos. Oder hier: Ritter sucht Stute für lange ausritte… Pah, jaja, das glaub ich.“
„Äh, was ist denn so schlimm, wenn ein Ritter ausreiten will? Und warum steht das unter Kontaktanzeigen?“, fragte Kathamina dazwischen.
„Nun ja, wie soll ich das …“, setzte die große Hexe an, doch Almasyna unterbrach sie, hektisch winkend.
„Nein danke, diese Erklärung sparen wir uns heute. Was ist das eigentlich für ein Brief hier, Katha?“ Sie hielt den viereckigen Umschlag hoch und beäugte ihn neugierig. „Von F. Holle. Nanu, was will die denn von uns?“
„Der Brief ist an uns alle drei, ist per Kurier gekommen“, erklärte Kathamina und wedelte eine imaginäre Biene von einer Seite ihres Magazins.
Während Alma den Brief mit einem Fingernagel öffnete, blätterte auch Carmelina weiter herum, bis sie bei einer Seite stutzte. „Mädels, ihr werdet es nicht glauben. Hier ist eine Anzeige für eine Veranstaltung drin.“
Almasyna achtete nicht auf die anderen Hexen, sondern hielt ein sauber gefaltetes, strahlend weißen Blatt Papier in den Händen.
Überrascht sagte sie: „Das ist eine Einladung“.
„Das Märchenreich lädt zu einer dreitägigen Veranstaltung ein“, sagte Carmelina.
„Frau Holle, die Vorsitzende vom Märchenreich-Marketing, lädt uns drei zu einer Show ein“, sagte Almasyna.
„Sie nennen es …“
„… das Märchenreich sucht den Super-Prinzen“, riefen beide Hexen gleichzeitig.
Kathamina hatte ihre Lektüre beiseitegelegt, sah die beiden Frauen abwechselnd an und fragte sich, ob sie sich verhört hatte.
„Man möchte das Image der Märchenprinzen verbessern und lädt zu einem Talent-Wettbewerb ein“, las Carmelina vor.
„Und bereits nächste Woche soll die Veranstaltung stattfinden“, ergänzte Almasyna.
„Jeder Prinz darf sich bewerben, egal woher er kommt oder was für ein Wesen er ist, Mensch, Märchen -oder Sagengestalt“, fuhr Carmelina fort. Und Almasyna ergänzte aus dem Brief:
„Alle Hexen in und um den Wiewunderwald herum sind herzlich eingeladen. Kostenlos.“
Die beiden Frauen ließen von ihren Blättern ab und schauten verblüfft zu ihrer Kollegin, die begeistert in die Hände klatschte.

„Au fein, ein Superprinz“, freute sich Kathamina.
„Alle Hexen sind eingeladen? Alle?“, fragte Almasyna.
Und Carmelina sagte nur: „Was soll ich dazu bloß anziehen?“

 


0.2. Kapitel 2 Der Aufbruch

–hier geht es bald weiter —

 

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