Die Hexen vom Wiewunderwald | Ein Wort zu viel - Der Story Blog

Die Hexen vom Wiewunderwald

 

1) Kapitel 1 Die drei Hexen

Es war einmal …

So fangen viele Märchen an, Fabeln oder Sagen. Das kennt ihr sicher, daher sparen wir uns das und überspringen das Übliche. Ebenso wie dieses Bekannte »In einer weit entfernten Galaxis …« Oder: »Weit, weit entfernt, hinter sieben Bergen …«
Das ist langweilig. Wir wollen eine Geschichte, kein Schlafmittel.
Und hier ist sie:

Waldgrün. So wurde der Ort pragmatischer Weise genannt. Er lag südlich des Wiewunderwaldes, zwischen Krätze und Stinkweide. Er war groß genug, um einen Dorfplatz zu haben, eine Kneipe, einige Straßen und sogar einen Bürgermeister. Er hatte auch drei Hexen. Dafür war er allerdings nicht groß genug, nur das konnte man den Hexen schwer begreiflich machen, da es passieren konnte, dass sie ihren Standpunkt vertraten. Und wenn Hexen einen Standpunkt vertraten, dann taten sie es selten, ohne dass einem zwei Nasen, viele Warzen oder gar zwei Köpfe wuchsen. Da die wenigsten Einwohner Geld für zwei Hüte besaßen, konnte ein zweiter Kopf den finanziellen Ruin bedeuten. Daher sah man im Allgemeinen davon ab, die Hexen irgendetwas rechtfertigen zu lassen.

Am Rande des Dorfes stand eine Hütte, die ganz eindeutig ein Hexenhaus war. Das strohgedeckte Dach zog sich fast bis zum Boden, durchstoßen von einem langen, schlanken Kamin, der aussah, als würde er jeden Moment einstürzen. Die getünchten Wände waren aus Fachwerk, draußen, neben der unsymmetrischen Eingangstür aus schwarzem Holz, stand ein Schaukelstuhl. Davor breitete sich ein duftender und blühender Kräutergarten aus, in welchem Schmetterlinge umherflogen. Hinter dem Haus befanden sich zwei Bienenstöcke, aus denen fleißige Bienen ein und aus flogen.

Und eben jetzt, in diesem Moment, öffnete sich die Tür des Hexenhauses, und eine Person trat ans Licht. Um unsere Geschichte zu begreifen, müssen wir uns nur zurücklehnen und zuschauen. Moment – vielleicht noch ein Tässchen Tee dazu… Nun gut, fangen wir an:

Almasyna Filzgut trat in die Sonne, blinzelte, fluchte und setzte sich ihren langen, spitzen Hexenhut auf. In Hexenkreisen waren diese nicht mehr wirklich modern, aber Almasyna war altmodisch und vertrat die Ansicht, dass eine Hexe auch wie ein solche aussehen sollte, sonst hatte das Ganze keinen Zweck. Darum trug sie auch mehrere Kleider übereinander, ein buntes, wollenes Tuch um die Schulter und eine Wanderwarze, die diesmal auf der Nase prangte. Diese hatte sie einst versuchsweise entfernen wollen, doch der Zauberspruch hatte nicht ganz funktioniert, daher verschwand die Warze nicht, sondern sie wechselte nur die Position. Jeden Morgen saß sie woanders im Gesicht. Aber immerhin war es eine Warze, die sich sehen lassen konnte, und mit der heutigen Position war sie durchaus zufrieden.

Sie trat einen Schritt vor und wedelte im Gesicht herum, um eine aufdringlich Biene zu vertreiben. »Verflixtes Viech«, sagte sie, dann drehte sie sich um und rief in den Eingang hinein.

»Kathamina, deine verdammten Bienen gehen mir langsam auf die Nerven.«

Kurz darauf trat eine kleine, dünne Gestalt hinaus.

»Hö? Was? Warum?«, sagte sie und setzte sich ihren zu großen, schlabbrigen Hexenhut auf. Sie ging ihrer Kollegin nur bis zu Schulter, war nur halb so breit wie die Matrone Almasyna und trug ein moosgrünes, knöchellanges Kleid, das ein wenig locker um sie herum schlabberte. Auf der Hutkrempe, die sich fast bis ins Gesicht herunterbog, lag ein feines Netz, das sie abrollen konnte, um ihr Gesicht zu verdecken. Ihr gehörten die beiden Bienenstöcke und sie kümmerten sich am liebsten nur um ihre fliegenden Lieblinge. Aus Bienenwachs und Honig konnte man tolle Produkte herstellen: Salben und Tinkturen, Kerzen, Honigaufstrich, Honigwein, Stärkungsmittel…

Doch das tat sie nicht. Sie stellte ausschließlich Met her, und der größte Teil der Produktion ging für die Verkostung drauf. Das behauptete sie jedenfalls immer, auch wenn es ihr keiner mehr glaubte. Hinter ihr erschien eine weitere Frau im Türrahmen, während Kathamina fahrig mit den Händen in der Luft herumwedelte.

»Was treibt ihr hier draußen, Mädels. Wir müssen zum Markt, husch.«

Carmelina war die dritte Hexe, auch wenn sie anders aussah. Sie trug ein buntes Sommerkleid mit Blumenmustern, einen riesigen Strohhut, gewaltige Ohrringe und massige Ketten um den Hals. Sie sah aus, als wolle sie zum Sommerball hinter den Scheunen gehen und ihren gesamten Schmuck zeigen, inklusive ihres gewaltigen Dekolletés, das ihr enges Kleid sehr betonte. Das einzige, was zu dieser Aufmachung nicht ganz passte, waren ihre derben Arbeitsstiefel. Doch wer einige Male die matschigen Straßen von Waldgrün genutzt hatte, war froh, hinterher noch Schuhe zu haben, die nicht im Schlamm stecken geblieben waren.

»Hör auf damit, Katha, du hast keine Biene im Gesicht, das macht mich nervös«, fuhr Carmelina ihre Kollegin an, die immer wieder in die Luft hineingriff.
Der dauernde Umgang mit Bienen ließ sie oft in dem Glauben, dass ständig Insekten um sie herumschwirrten, auch wenn gar keine in der Nähe waren. Almasyna hatte eher den vielen Met im Verdacht, aber sie schwieg lieber darüber. Unvermittelt hob Carmelina ihren Kopf, legte den Hut in den Nacken und sah hinauf zum Dach. Auf dem Dachfirst huschte etwas hin und her.

»Was macht der blöde Hund da oben?«, fragte sie und sah ihre beiden Hexenkolleginnen an.

Diese blickten kurz hoch und zuckten synchron mit den Schultern.

»Er läuft hin und her«, sagte Kathamina müde.

»Er huscht auf dem First herum«, antwortete Almasyna.

»Das sehe ich auch, ihr zwei Hexennasen. Warum macht er das? Das macht mich verrückt!« Almasyna sah ihre Kollegin an, dann wandte sie den Blick wieder zum Dach. »Vielleicht sucht er neue Verstecke für Nüsse?«

»Jo, wie süß«, sagte Kathamina und lächelte abwesend vor sich hin.

»Verdammt«, fluchte Carmelina. »Warum konnten wir uns kein normales Tier als Gehilfen zulegen? Einen Raben? Oder eine schwarze Katze, wie es sich gehört? Warum müssen WIR ein Eichhörnchen haben?«

Die beiden anderen Hexen sahen sie fragen an.

»Naja, du bist allergisch gegen Katzen«, sagte die eine, »und du hasst Vögel, sie machen dich mit ihrem Geflatter nervös«, erwiderte die andere.

»Und wozu soll er gut sein? Wozu?«

»Er ähm sammelt Nüsse?«, sagte Kathamina leise und zuckte unter Carmelinas zornigen Blicken leicht zusammen.

»Ja, dieses blöde Eichhörnchen sammelt Nüsse und versteckt sie! Im ganzen Haus sind sicher sechzig Kilo Nüsse versteckt. Wir haben acht volle Säcke im Schuppen. Wir haben die letzten Wochen praktisch nur von Nüssen gelebt. Ich kriege inzwischen Ausschlag von dem Zeug!«

Ihre Kollegin Carmelina war mit großem Temperament gesegnet,

leider gepaart mit einem sehr dünnen Geduldsfaden. Almasyna seufzte und rückte den Hexenhut auf ihrem lockigen, leicht angegrauten Haar zurecht.

»Mima findet beim Tränke zubereiten immer alle Zutaten, die man ihm zuruft. Außerdem kennt er im Wald die besten Plätze für Pilze und Kräuter.«

Die große Frau im geblümten Kleid schnaubte.

»Wenn uns das Dach zusammenbricht, weil Mima dort eine Tonne Nüsse untergebracht hat, dann mache ich aus seinem Fell Pulswärmer, das sage ich euch!«

Sie raffte ihr Kleid etwas höher und stapfte wütend davon. Almasyna zog ihre Kollegin am Ärmel, die verträumt das eifrig umherhuschende rote Eichhörnchen auf dem Dach beobachtete.

»Komm schon, wir wollen nicht zu spät am Markt erscheinen, sonst sind die Stände wieder leer und Carmelina ist zwei Tage unausstehlich.«

Mit raschen Schritten folgten die beiden Frauen ihrer Mithexe, die bereits mit einigem Vorsprung die Dorfstraße hinauf stapfte.


2) Kapitel 2 Hexenehre

Wie jeden Freitag war Markttag, und zahlreiche Bauern und Händler hatten sich auf dem Dorfplatz eingefunden, was hauptsächlich an der Straße lag, die aus Waldgrün hinein und hinausführte. Sie war nicht ganz so morastig und voller Schlaglöcher wie die der umliegenden Orte, was es für alle einfacher machte, ohne Achs- oder Beinbruch bis zum Ortskern vorzudringen.

Dies wollte auch die drei Hexen, doch sie kamen nicht weit. Kurz vor dem Marktplatz begegnete ihnen der Bürgermeister, Herr Hut. Der Bürgermeister sah genauso aus wie die anderen Dorfbewohner – er war ein Bauer. Jeder in dieser Gegend war entweder Bauer oder Holzfäller, mehr Berufe gab es nicht, und das seit Generationen. Nur seine Kopfbedeckung war etwas sauberer als die der übrigen Männer, daher wurde er nur Herr Hut gerufen, obwohl er Balduan Grünhau hieß. Aber er hatte bei der Abstimmung im Wirtshaus, als der Ruf des Wirtes erschallte – wer will noch ein Freibier und Bürgermeister sein – nicht schnell genug die Hand weggezogen, daher war er nun ein Amtsträger und der Herr Hut für die nächsten vier Jahre. Und er nahm seine Aufgabe ernst.

»Oh, die Damen Hexen. Seid gegrüßt.«

Er nahm kurz den runden Filzhut ab und verbeugte sich, wie es sich gehörte, wenn man Hexen begegnete. Diese nickten nur kurz und wollten weitergehen, als Herr Hut sich räusperte. »Oh, so warten Sie doch, meine Damen. Ich wollte sowieso mit Ihnen sprechen«.

»So, Bürgermeisterchen? Wollten Sie? Dann schießen sie los«, sagte Carmelina und rückte gedankenverloren ihr Dekolleté zurecht, während sie kritisch den Schlamm betrachtete, der ihre Schuhe besudelt hatte. Die beiden anderen Hexen standen hinter ihrer Kollegin und nickten. Der Bürgermeister setzte an, geriet aber ins Stocken. Er hatte plötzlich das dumpfe Gefühl, dass es für ihn, seine Zukunft und die aller nachfolgenden Generationen besser wäre, jetzt nicht hier zu stehen und zu sagen, was er sagen wollte. Aber ein Teil von ihm plapperte auf einmal los, während der Rest seines Selbst sich an die Stirn klatschte und den Kopf schüttelte.

»Ihr habt sicher von den Räubereien hier in der Gegend gehört. Diebe machen alles unsicher und stehlen Vieh. Daher habe ich Hilfe aus der Stadt angefordert, um dieser Sache auf dem Grund zu gehen. Ihr braucht euch also nicht um diese Sache zu kümmern«.

Dies sagte er ganz ruhig, während etwas in seinem Kopf die Schubladen aufriss, alles in einen Koffer stopfte und panisch zur Tür hechtete.

Er blickte in drei Paar Augen, die ihn sehr Unterschiedlich ansahen. Die kleine, dünne Hexe starrte ihn glasig, aber feste an. Die grauhaarige mit dem großen, spitzen Hut kniff die Augen zusammen und musterte ihn abschätzend, während die Augen der großen Frau mit dem gewaltigen … Brustkorb gefährlich funkelten.

»Er hat was gesagt?«, sagte die mit dem spitzen Hut nach einigen Atemzügen.

»Wir sollen uns um etwas nicht kümmern? Hä?«, sagte die kleine Dünne.

»Was hat das zu bedeuten?«, zischte die große und ihr Busen hob und senkte sich bedrohlich.

»Äh,« sagte der Bürgermeister, während ein Teil seines Selbst soeben schreiend das Haus verließ und weit, weit fortrannte. Der wahnwitzige Teil seines Ichs, der todesmutige, brachte noch Worte heraus, was ihn selbst erstaunte.

»Nach der Sache mit Stinkhof dachte ich, es wäre besser …«

»He, dem Bauern vom Stinkhof und seiner Familie geht’s wieder gut und seine Kuh hat auch gekalbt, alle sind gesund und munter, oder nicht?«, fragte die Hexe Almasyna.

»Nun ja«, fuhr der wahnwitzige Teil von Herrn Hut fort, »das schon, aber der Bauer ist immer noch dabei, die Scheune wiederaufzubauen, zwei seiner Schweine haben immer noch Schockstarre und eine seiner Kühe gibt nur noch saure Milch.«

»Das ist er selber schuld,« sagte die kleine dünne Hexe, »wir hatten ihm gesagt, er solle allen die Augen verbinden«.

»Jedenfalls kommt bald ein Wachtmeister aus der Stadt und wird die Räuber dingfest machen. Er ist sicher besser… «

Weiter kam er nicht und der klägliche Rest seines Selbst wünsche sich nun, ebenfalls schreiend wegzulaufen.

»Er ist besser? Besser? Worin?«, fragte die Carmelina scharf, während hinter ihr die beiden anderen Hexen die Augen aufrissen und fast synchron und ohne sich sichtbar zu bewegen einen Meter Abstand zu ihrer Kollegin einnahmen.

»Er hat das böse Wort gesagt«, flüsterte Kathamina, und Almasyna schaute ungläubig den – inzwischen kalkweißen – Herrn Hut an.

»Er hat tatsächlich besser gesagt!«

Carmelina fixierte den Bürgermeister wie eine Schlange ihre nächste Mahlzeit.

»Er ist besser als wer? Besser in was? Besser als WIR? Sind WIR etwa nicht GUT genug, hier für ORDNUNG zu sorgen? WIR? DIE HEXEN?«

Die große Frau bebte und zeigte mit einem Finger auf Herr Hut, der sich nun abwechselnd in Herrn Maus, Herrn Frosch, Herrn Schwein und Herrn Lama verwandelte. Um sie herum standen sprachlos einige Dorfbewohner, ein paar rannten davon, ein oder zwei zeigten auf sie und schauten entsetzt, während andere wiederum ihre Kumpels riefen und zusammen neugierig die Szene beobachteten, um sie später genüsslich in der Kneipe erzählen zu können. »Äh, Liebes, lass uns doch besser in die Hütte zurückgehen.« Almasyna fasste sich als erste wieder und kam zwei Schritte näher an ihre impulsive Kollegin heran. »Lass den guten Herrn… Kröte? Maus? Schwein? Äh…was ist das jetzt? Herrn Igel? Hört doch mal auf damit! Danke sehr. Lassen wir Herrn Hut seine Aufgaben erledigen, welche immer das ein mögen, und wir beratschlagen uns erstmal zu Hause.«

Carmelina senkte den Finger und funkelt die Menge um sie herum an, die sich fast Augenblicklich in einen Haufen Leute mit sehr wichtigen Geschäften verwandelte, die alle sehr weit weg von diesem Platz erledigt werden mussten.

»Vielen Dank, dass Sie uns informiert haben, Herr Hut, einen schönen Tag noch,« sagte Almasyna freundlich und zerrte ihre bebende Kollegin mit sich fort, während Kathamina dem Bürgermeister lächelnd zuwinkte. Der stand noch eine ganze Weile so am Markplatz, bis seine Frau erschien. Sie drehte ihn um, stocksteif wie er war, und schubste ihn vorwärts, nach Hause. Dabei schnüffelte sie kurz. »Die Hose können wir waschen« murmelte sie, dann schubste sie ihn weiter.


3) Kapitel 3 Ermittlungen

Mir der wutschnaubenden Carmelina an der Spitze stürmten die drei Hexen zurück zu ihrer Hütte.

»Was war dieses eine Tier gewesen, das mit dem langen Hals?« fragte Kathamina schnaufend.

»Ein Lama schätze ich«, antwortete Almasyna ebenso schnaubend.

»Bist du sicher? Kein Alpaka?«

»Nein, die haben längeres Fell«

»Ach wirklich? Oder haben die nicht diese Höcker?«

»Nein, du meinst Kamele? Da war ganz sicher ein Lama«

»Habt IHR ZWEI keine anderen Probleme als über LAMAS zu reden?« fuhr sie die große Hexe an und stürmte ins Haus. Dort hörten sie es scheppern, als ein Topf gegen eine Wand flog.

»Oder über Alpakas!« sagte Kathamina leise und wischte sich eine imaginäre Biene aus dem Gesicht. Dann folgte sie den anderen ins Haus. Dort stand Carmelina am großen Tisch in der Raummitte und beulte mit einem Zauberspruch den kupfernen Kochtopf wieder aus, den sie an die Wand geschmissen hatte.

»Nun beruhige dich wieder.« Almasyna nickte Kathamina vielsagend zu, die sich sogleich daranmachte, einen Tee zu kochen.

»Der Bürgermeister wollte uns nur schonen. Warum auch immer. Und uns nicht belästigen. Warum auch immer.«

»Du verteidigst ihn noch, Alma?«

Die große Hexe hämmerte mit der Faust auf den Tisch.

»Du weißt, dass solche Leute aus der Stadt nichts von uns Hexen halten. Wir beschützen das Land. WIR beschützen die Menschen. WIR sind es, die ihre kranken Tiere heilen, die bei ihren schwierigen Geburten helfen und WIR bringen die Dinge in Ordnung. Wenn Fremde anfangen, sich einzumischen, gerät alles außer Kontrolle. Dies ist unser Land. Das lasse ich mir nicht wegnehmen. UNS nicht wegnehmen!«

»Du hast ja recht Liebes,« sagte Almasyna und kratzte sich an der Warze, die danach einen Zentimeter nach oben rückte, von der Nasenspitze weg.

»Aber der Bürgermeister muss auch seine Leute schützen. Nur hat er keine Ahnung. Doch er hat auch nicht ganz Unrecht. Gegen die Räuber, die das Vieh stehlen und überall einbrechen, hat noch keiner erfolgreich etwas unternommen. Gestern habe ich gehört, das vom Bachlauf-Hof acht Hühner verschwunden sind, mitsamt Stall. Und vom Schinken-Hof sind vier fette Schweine verschwunden.«

Carmelina beruhigte sich etwas, setzte sich an den Tisch und nahm die Tasse entgegen, die Kathamina ihr reichte.

»Was ist das?«

»Melisse mit Honig«, antwortete die kleine Hexe. »Das beruhigt. Und wenn es hier solche Ungustln gibt, die klauen, sollten wir sie finden und bestrafen.«

»Du hast recht, Katha, ich dachte jedoch, das wäre alles nicht so schlimm«, sagte Carmelina und sog schlürfend etwas heißen Tee ein.

»Genau, wir müssen diese Räuber selber schnappen. Und wenn dieser Wachtmeister hier auftaucht, ist alles erledigt und er kann abhauen«, stimmte Almasyna ihnen zu. Sie setzten sich alle und tranken schweigen ihren Tee, während vor dem Fenster kurz eine rote, pelzige Gestalt umherhuschte und Verstecke für Nüsse suchte.

»Aber wie sollen wir diese Räuber fangen?«

Kathamina schaute über ihre spitze Nase hinweg zu ihren Mithexen und brach die Stille als Erste. Die anderen schwiegen weiter und überlegten.

»Wir müssen wie Hexen handeln«, warf Almasyna ein. »Wir haben Zaubersprüche. Wir kennen das Land. Wir können Veränderungen spüren. Hier müssen sich Fremde herumtreiben. Die müssen wir finden!«

»Hm, genau. Die finden wir und machen sie dann platt!«

Carmelina hämmerte erneut auf den Tisch und ließ die anderen zusammenfahren.

»An die Arbeit, Mädels. Wir werden es denen zeigen!«

Sie standen auf und hoben die Tassen.

»Ich gehe an die Glaskugel« sagte Carmelina.

»Ich suche nach einem Aufspürzauber in den Büchern«, rief Almasyna.

»Ich gehe Met trinken«, sagte die kleinste von ihnen und erntete böse Blicke.

»Äh, und danach horche ich ein wenig im Land herum«, beschwichtige sie und wischte einige imaginäre Bienen aus dem Gesicht.

Eine Stunde später saß Carmelina am Tisch und brütete über einer milchigen Glaskugel. Almasyna saß vor einem riesigen Folianten, leckte hin und wieder an der Fingerspitze und blätterte die großen Seiten um, während sie leise den Text vor sich her murmelte. Kathamina hatte allen noch einmal Tee gekocht, sich selbst einen heißen Met aufgesetzt und dann am offenen Fenster gestanden, um dem Wind zu lauschen.

Sie war die sensiblere der drei Hexen, sie verstand die Stimmen des Waldes und der Tiere am besten.

Carmelina fluchte.

»Diese verdammte Glaskugel. Ich sehe kaum etwas. Nur Nebel. Dabei hatte der Typ auf der Hexenmesse in Finsterwald gesagt, sie sei eine der Besten am Markt. Bestimmt ist jetzt die Garantie abgelaufen.«

Almasyna nickte nur abwesend, fuhr mit dem Zeigefinger einige Zeilen auf dem Pergament nach und fluchte ebenfalls.

»Es gibt hier einen Suchzauber, aber ich komme mit der Formel nicht klar. Irgendwas stimmt damit nicht«.

Die dritte Hexe wandte sich vom Fenster ab und seufzte.

»Der Wald ist wie immer, es scheint nichts Besonderes zu passieren, zumindest nichts, was ihn interessiert. Du siehst gar nichts in der Kugel, Lina?«

Die große Hexe lehnte sich ärgerlich zurück und sog die Luft ein, sodass sich das enge Sommerkleid gefährlich über den entsprechenden Körperstellen spannte.

»Das einzige was ich immer sehe ist ein Raum voller leerer Flaschen. Was soll mir das sagen? Hunderte leere Flaschen. Hm, wartet mal«.

Sie beugte sich wieder über die Kugel und wischte mit einer Hand darüber. »Sieht ein wenig aus wie unser Schuppen«.

»Oh, das ist sicher Unsinn. Die Kugel ist wirklich kaputt. Verflixtes Ding.«

Kathamina warf einen kurzen, besorgten Blick aus dem Fenster zum Schuppen, in dem sie ihre Met-Vorräte lagerte – die meistens nicht lange vorhielten.

»Hm, ich glaube ich kann ein Etikett erkennen. Ist alles so unscharf. Ist das eine Biene? Hmm …«

»Äh, da siehst du es Lina, total hinüber das Ding. Wir sollten uns beim Händler beschweren. Wie hieß der noch gleich?«

»Irgendwas mit Azimandias Azamonien oder so. Ich schaue mal auf die Rechnung, dann hexe ich ihm Hasenohren an«.

Carmelina stand auf und ging zu einer Truhe an der Wand.

»Verflucht, hilf mir mal Katha«, sagte die ältere Hexe und deutete auf den Folianten. Gemeinsam beugten sie sich über die Seite.

»Hm, das ist in austerranisch geschrieben«, bemerkte die kleine dünne Hexe. »Hier ist ein Artikel falsch. Dieses Wort kenne ich nicht und hier an der Stelle mit den Zutaten ist ein Adjektiv falsch. Es sollte nicht scharfe Hirschhoden heißen, sondern falsche. Das ist ein Pilz«.

»Ah, das kam mir gleich seltsam vor«, murmelte die grauhaarige Hexe und rieb an ihrer Warze, die kurz zur Seite sprang und es sich auf dem Nasenrücken bequem machte. Carmelina stand über die Truhe gebeugt, hatte beide Arme darin versenkt und erzeugte einen gewaltigen Lärm, als würde sie in einem Meer kleiner Murmeln rühren.

»Was machst du da, Lina?«, fragte Almasyna genervt.

»Ich suche die Rechnung!«

»Und warum ist das so laut?«

»Weil die verdammte Truhe randvoll mit Haselnüssen ist! Frag doch Mima, wie er das wieder geschafft hat«.

Doch die anderen Hexen hörten ihr nicht mehr zu.

»Ist das der richtige Kontext?«

»Diese Zeitform ist falsch!«

»Dieses Wort macht keinen Sinn«.

»Diese Zutat ist unmöglich!«

»Was ist das eigentlich für ein Buch?«, fragte Kathamina nach Weile.

»Oma Schwarzbarts Almanach der verschwundenen Dinge«, erwiderte Almasyna.

»Das ist doch eine Kopie? Wer hat sie denn abgeschrieben?«

»Das war ich selbst. Ich war bei ihr vor vierzig Jahren in der Lehre, wie du wissen solltest!«

»Dann hast du dich verschrieben«.

»Ich? Ich habe mich verschrieben? Du bist wohl betrunken. Oma Schwarzbart hätte keinen Fehler verziehen, sie hätte mir die Ohren langgezogen. Und am Boden festgenagelt«.

»Ich und betrunken? Das ist eine gemeine Unterstellung … «

»Hört auf zu streiten, Mädels«, erklang Carmelinas Stimme. Sie hielt sich einen kleinen Zettel vor die Nase.

»Das ist eine Rechnung über eine neue Spindel. Auch von Azamonien. Hast du wieder eine neue Spindel gekauft, Alma?«

»Musste sein, die alte ist wieder kaputt, Lina«.

Almasyna spann Wolle, strickte, häkelte und filzte für ihr Leben gern. Ihre Erzeugnisse waren auch immer sehr nützlich, doch leider war sie farbenblind. Wenn sie Wolle färbte, wusste man nie, was dabei herauskam. Aber die anderen hatten sich inzwischen an die bunte Zusammenstellung gewöhnt: Da man als Hexe eh auffiel, machten rosa Socken, gelbe Pulswärmer, blaue Handschuhe und ein grün-roter Schal auch nichts mehr aus. Carmelina warf das Papier zurück in die Truhe und schloss sie mit einem Fußtritt.

»Ich habe das Gefühl, auf dieser Art kommen wir nicht weiter, Mädels. Vielleicht sollten wir es auf guter, alter Hexenart machen«. Sie stemmte die Hände in die breiten Hüften und funkelte ihre Kolleginnen unternehmungslustig an.

»Und welche Art soll das sein?«, fragte Almasyna.

»Wir gehen hin und fragen die Leute. Wenn sie ordentlich eingeschüchtert sind, erzählen sie uns alles, was sie wissen«.

»Äh, ein guter Plan«, antwortete Kathamina, doch ganz überzeugt war sie nicht. Dafür kannte sie ihre zwei Hexen einfach zu gut!


4) Kapitel 4 Ganz zufällige Besuche

Der Schmelzbach-Hof lag am gleichnamigen Bach. Die Bewohner dieser Gegend zogen einfache Namen vor, nämlich solche, die eindeutig darauf hinwiesen, wo man sich befand und wer man war. Baute man ein Haus an einem Hügel, war es eben das Hügel-Haus. Befand sich ein Bauernhof an einem Bach, nahm man dessen Namen. Wozu die Leute unnötig verwirren?

Da es noch früh und hell war, standen die drei Hexen bald vor der Tür des Haupthauses und klopften.

Oder besser gesagt, Carmelina hämmerte energisch an das Holz.

»Was ist denn los…«

Der Bauer öffnete die Tür, da er seit Sonnenaufgang auf dem Feld gearbeitet hatte. Er wollte nun in Ruhe sein Mittagsmahl einnehmen. Mit Besuch hatte er nicht gerechnet. Doch jetzt standen drei wohlbekannte Frauen vor seiner Tür und er erstarrte.

»Hallo, mein Lieber«, sagte Almasyna höflich und drängte ihre größere Kollegin etwas zu Seite, die am liebsten direkt in das Haus gestürmt wäre.

»Wir waren rein zufällig in der Gegend und dachten, schauen wir doch mal beim Schmelzbach-Hof vorbei, ob noch alles in Ordnung ist.«

»Hm-ja, äh, kommt rein.«

Der Bauer war noch zu perplex, um sie abzuwimmeln, dazu schlug seine Erziehung an, die seit Generationen den Bewohner der Gegend beibrachte: Seid höflich zu den Hexen!

Im düsteren Inneren saß die Familie des Bauern und hielt erschrocken die Luft an. Der kleine Junge am Tisch starrte die drei Frauen mit offenem Mund an, dabei waren die Reste seiner Mahlzeit gut zu erkennen. Das blonde Mädchen neben ihm hielt noch den Löffel mit Haferbrei in der Luft und sah überrascht von einer Hexe zur anderen. Die Dame des Hauses sprang vom Tisch auf, zupfte ihre saubere, aber verschlissene Wochentagsschürze zurecht und eilte den drei Besucherinnen entgegen. »Carmelina, Almasyna, was führt euch zu uns? Hallo Kathamina. Wir sind alle gesund!«

»Hallo Caroma, was macht dein Ausschlag?«

»Oh, dank deiner Honigsalbe ist er weg, schau mal!« Die Bäuerin hielt ihre nackten Arme ins Licht der kleinen Fenster und die kleine rothaarige Hexe inspizierte sie zufrieden. Almasyna ging auf den Jungen zu, hielt sein Kinn etwas in die Höhe und fragte:

»Na, was macht dein schlimmer Zahn?«

Der Junge schielte ein wenig, weil er versuchte, die dicke braune Warze auf ihrem Nasenrücken anzusehen. Dann klappte er wie eine Schnappschildkröte den Mund zu und grinste.

»Ne, tut nich mehr weh, aber ich hab´n Wackelzahn, guck mal!«

Er riss den Mund auf, griff mit zwei Fingern an einen Schneidezahn und klappte ihn fast komplett dabei um.

»Das ist aber toll«, sagte Almasyna und deutete auf seine wollenen Socken. »Und meine schönen, grünen Socken hast du ja auch noch?«

»Die sind aber blau!«

»Äh, ja, wie auch immer«.

Almasyna erhob sich und sah zu, wie Carmelina Bauer und Bäuerin zwischen sich nahm und beiden eine Hand auf die Schultern legte.

»Leute, ihr müsst nicht gleich panisch werden, wir waren nur zufällig in der Gegend und wollten mal nach unseren Patienten sehen«.

Der Bauer machte ein zweifelndes Gesicht. Hexen tauchten nie auf, weil sie zufällig in der Gegend waren. Sie waren nie irgendwo – zufällig. Er hatte gemischte Gefühle. Er war den drei Hexen dankbar, sie hatten seinen Sohn gerettet, als ein Fieber ihn fast gerötet hätte. Seine Tochter hatte mit Almasynas Hilfe das Licht der Welt erblickt und seine beste Kuh gab nur noch Milch, weil die kleine Kathamina ihre entzündeten Euter behandelt hatte. Aber irgendwie fühlte es sich nie richtig an, sich von ihnen helfen zu lassen. Man konnte sich nicht erklären, wie sie es taten, sie machten einfach etwas und es half. Seine Mutter und seine Großmutter hatten ihm beigebracht, Respekt vor diesen Frauen zu haben, und den hatte er. Und er wusste auch, tief in seinem innersten, das er all das, was sie für ihn und andere taten, nie wirklich vergelten konnte. Die wenigsten Leute hatten Geld, die meisten gaben den Hexen, was sie entbehren konnten. Wolle, einen Schinken, ein Suppenhuhn, einen Korb Äpfel… Und das bereitete ihm Sorge. Doch er sorgte sich eh immer, egal ob der Mond aufging oder unter, ob die Sonne schien oder ob es regnete. Das Leben eines Bauern war eine einzige Sorge. Und jetzt standen in seinem Haus auch noch alle drei Hexen auf einmal.

»Was wollt ihr denn?«, brachte er mühsam heraus und seine Frau sah ihn ärgerlich an. So wie immer, wenn er etwas Dummes sagte, was in Gesellschaft anderer erstaunlich oft geschah. Die große Hexe im bunten Kleid drückte seine Schulter und lachte.

»So gefällst du mir, mein Lieber. Immer gleich zur Sache kommen, kein langes rumdrucksen. Ich hoffe, er ist auch bei anderen Gelegenheiten so zielstrebig, nicht wahr, Caroma?«

Das anzügliche Blinzeln ließ den Bauern leicht erröten, während seine Frau nur mit den Schultern zuckte.

»Man kommt schneller zum Schlafen«.

»Gesunder Schlaf ist wichtig. Habt ihr von den Einbrüchen und Diebstählen hier in der Gegend gehört? Schlimme Sache, was?«

»Ja haben wir, aber Herr Hut lässt einen Wachtmeister aus der Stadt kommen, der wird den Räubern den Garaus machen, hat er uns erzählt«.

Ein kurzes Schweigen entstand, während die Bäuerin ihren Mann blitzende Blicke zuwarf. Da hatte er wohl wieder etwas Dummes gesagt!

»Ja, das haben wir auch gehört und wir haben Herrn Hut darin zugestimmt, so eine kluge Entscheidung getroffen zu haben.«

Überrascht sahen sich alle im Raum an, selbst die beiden anderen Hexen, während Carmelina fortfuhr: »Und wir helfen ihm, wo wir können, nicht wahr Mädels. Trotzdem schauen wir uns ein wenig um, vielleicht finden wir ja Hinweise, die wir dem Wachtmeister übergeben können«. Sie lächelte breit und falsch und der Bauer schluckte.

»Na ja, bei uns ist bisher nichts passiert, wir hatten Glück«.

»Nein, einmal schlug doch Blutwurst an, er war total aus dem Häuschen, weißt du nicht mehr?«, warf seine Frau ein.

»Ach ja, das war letzte Woche? Ja, kann sein. Der Hund spielte verrückt und wir sind alle aus dem Bett gefallen. Aber ich konnte nichts und niemanden sehen, es war auch stockdunkel. Und Blutwurst ist kein Hund, der grundlos anschlägt. Jedenfalls fehlt bei uns nichts und ich schlafe jetzt mit meinem scharfen Messer unter dem Kopfkissen«.

»Ach, das ist dieses Ding, das du im Bett versteckst und nicht zeigen willst?«

Seine Frau stemmte die Arme in die Hüften und der Bauer schluckte. Das würden heute noch einige Standpauken für ihn geben.

»Nun gut, dann ist ja alles bester Ordnung. Euer Hund hat sich einen extra Knochen verdient, was? Kommt Mädels, wir haben noch äh irgendwelche Angelegenheiten, die wichtig sind. Wir müssen leider weiter«.

Die drei Hexen verabschiedete sich vom erleichterten Bauern und verließen hintereinander das Haus. Sie entfernten sich einige Schritte und berieten sich.

»Nun, hier werden wir nicht fündig. Vielleicht haben es die Räuber versucht und wurden durch den Hund abgeschreckt?«

»Ist möglich, Lina«, sagte Almasyna. „Aber dies ist nur einer von vielen Höfen. Der Wald ist nicht weit, darin kann sich jemand gut verstecken. Wie sollen wir da etwas herausfinden?«

»Efeu«, sagte Kathamina und lächelte verträumt.

»Wie bitte?« Fragte Almasyna.

»Da liegt Efeu im Gras. Es ist schon etwas trocken. Als hätte jemand einen Kranz daraus gebunden, auf dem Kopf getragen und wieder verloren«

»Ja, das ist sicher von den Kindern, Katha. Wir sollten aufbrechen«. Almasyna nickte, dass der spitze Hut nur so wackelte. Sie nahmen ihre Besen, die am Stall lehnten, und klemmten sie sich zwischen die Beine.

»Auf geht’s«, rief Carmelina, drückte sich den Hut etwas fester auf die langen, braunen Haare und hob mit einem schwungvollen Bogen vom Boden ab. Almasyna stieg mit einer sehr eleganten Kurve auf. Die dritte im Bunde klemmte sich, wie die anderen, den langen Reisigbesen zwischen die Beine, legte aber so fest wie es möglich war die Hände an den Stiel, schloss die Augen und sprach das nötige Zauberwort. Sofort schoss der Besen wie der Korken einer Sektflasche in die Höhe und die kleine Hexe kreischte: »Aihhuuu!«.

Sie war einfach zu leicht für den Hexenbesen, der immer eine Weile brauchte, um sich ihr anzupassen. Als sie zu den anderen aufgeholt hatte, hörte sie Carmelina rufen:

»Huhu, passt auf ihr da unten, schaut besser nicht rauf, ich habe heute keinen Schlüpfer an!« Dann lachte sie schallend und beschleunigte. Almasyna sah zu ihrer Kollegin und schüttelte den Kopf.

»Sie hat heute aber besonders gute Laune!«

»Ja, das fürchte ich auch«, antwortete Kathamina, drückte ihren Hut etwas fester auf die roten Haare und genau wie Almasyna duckte sie sich über den Besenstiel, um schneller zur dritten Hexe aufzuholen.

Der nächste Hof, den sie aufsuchten, lag zehn Flugminuten entfernt, in der Nähe des Waldrandes. Sie landeten neben einer wackeligen Scheune aus groben Brettern und stellten die Besen ab.

»Meinst du, sie hat wirklich keinen … du weißt schon«, flüsterte Kathamina ihrer Kollegin zu.

»Hör bloß auf damit, ich möchte darüber keine Bilder im Kopf haben!«

»Möchtest du auch Met, wenn wir zurück sind?«

»Unbedingt. Einen ganzen Krug«.

Carmelina schritt gut gelaunt auf das Bauernhaus zu, das verwahrlost aussah. Der Speckler-Hof zählte nicht zu den schönsten im Land, doch sein Schweinefleisch war überall begehrt. Als sie klopften, öffnete ein vierschrötiger Kerl in schmutziger Arbeitskleidung. Schmutz war eigentlich nicht der treffendste Ausdruck. Der Dreck war so dick, man hätte ihn in Scheiben von Hose und Kittel des Mannes schneiden und damit eine Straße pflastern können. Der Geruch, der ihn umgab, war so intensiv, das er Adjektive beanspruchte, die es noch in keiner Sprache der Welt gab.

»Was is´?«, fragte der Mann und musterte Carmelina von oben bis unten. So viel sauberes Fleisch sieht er sicher nicht alle Tage, dachte Almasyna, die sich hinter ihrer Hexenschwester aufbaute.

»Du kennst uns sicher, daher will ich es kurz machen«, begann Carmelina während sie dachte: Allzu lange kann ich nicht die Luft anhalten.

»Wir haben gehört, das du bestohlen wurdest?«

Plötzlich kam leben in das stoische Gesicht des Mannes, er zog die Stirn in Falten und zog die Mundwinkel nach unten, was eine kleine Staubwolke von seiner Haut löste. »Ich wurde beklaut, jo. Wenn ich die krich, die hau ich kaputt, jawoll«.

»Äh, nun, sicherlich haben diese Leute jede Strafe verdient, Meister Speckler. Können Sie uns sagen, was gestohlen wurde und wie?«

»Kommse«, antworte er einsilbig und ging langsam um das Haus, gefolgt von seinem Geruch, der langsamer hinterher schlenderte. Dort stand eine kleine Hütte mit einem Schornstein. Sie gingen um sie herum und betrachten gemeinsam die Rückseite, die offen war.

»Da«, sagte der Bauer und hob eine schmutzige Hand, um auf den leeren Schuppen zu deuten.

»Tja, ich möchte ja nicht kleinlich sein, mein guter Mann«, sagte Almasyna vorsichtig, »aber wenn das Ding hinten offen ist, macht es Dieben nicht grade viel Mühe, hier etwas zu klauen«.

Kathamina konnte sich eben noch ein Kichern verkneifen, während Carmelina den Hut abgenommen hatte und sich am Kopf kratzte. »Da hat sie nicht ganz unrecht …«

»Ach was, ´türlich war da ne Wand. Das is mein Räucherschuppen. Hatte vier Wände. Bis ich ihn morgens aufmachte und statt auf Würste auf den Wald dahinten schaute. Alles war futsch. Sogar die Rückwand. Einfach mitgenommen!«

»Äh …«, sagte Carmelina und sah ihre Kolleginnen an.

»Die nehmen die Rückwand ab und klauen alle Würste und Sie haben nichts bemerkt?«

»Ich hab nix gemerkt, niemals nich. Schlafe wie ein Stein«.

Almasyna sah sich die Holzwände genauer an. Im Gegensatz zum Haupthaus waren sie ordentlich aneinandergefügt und fest vernagelt worden. Im Bereich der Rückwand waren alle Nägel sorgfältig entfernt worden.

»Erstaunlich«, murmelte sie und rieb sich den leichten Damenbart am stoppeligen Kinn. »Das war gute Arbeit«, sagte sie zu ihren Mithexen.

»Das waren meine Würste auch«, erwiderte der Bauer missmutig. Sie verabschiedeten sich schnell wieder – vor allem, um endlich wieder durch die Nase atmen zu können – sprangen auf ihre Besen und besuchten auf die gleiche Weise bis zum Nachmittag sechs weitere Gehöfte sowie einen Schäfer, dem vier Böcke fehlten.

Allen war auf geheimnisvolle Weise etwas abhandengekommen, nie alles, aber immer mit einem gewissen Wert. Sie beschlossen, zurück zu kehren und etwas zu essen.

»Was haben wir noch da?«, fragte Carmelina, während sie nebeneinander flogen.

»Nüsse«, antwortete Almasyna.

»Honig!«, sagte Kathamina.

»Was? Wieso nur das?«, rief Carmelina entsetzt.

»Wir waren nicht auf dem Markt heute, schon vergessen?«

»Ja aber Alma, wenn ich noch mal was mit Nüsse auf dem Teller habe, spieße ich Mima auf einen Stock und grille ihn höchstpersönlich«.

»Was kann der denn dafür? Was wäre, wenn wir das Hexenkessel-Dienst beschwören?«

»Dafür brauchen wir einen sauberen Kessel, sonst schmeckt alles nach deinen komischen Zauber-Zutaten. Und das letzte Mal gab es so seltsame Fladen, die mochte ich nicht«.

»Du meinst diese Piffa?«

»Pizza«, warf Kathamina ein und leckte sich über die Lippen. »Das hieß Pizza. Ich fand es lecker!«

Sie landeten vor ihrer Hütte und stellten ihre Besen neben den Eingang. Carmelina betrat ihre Hütte – die natürlich offen war, eine Hexe brauchte nie abzuschließen, denn niemand war so dumm, freiwillig eine Hexenhütte zu betreten – und sah eine rotbepelzte Gestalt aus dem Fenster springen.

»MIMA«, rief die große Hexe und warf ihren Hut auf den Tisch. »Was hat er nun wieder angestellt?«

Die beiden anderen drängten herein und sahen sich um, konnten aber nichts Ungewöhnliches entdecken. Auf dem großen Tisch in der Mitte des Raumes lag neben Carmelinas Strohhut eine Haselnuss, noch mit einer grünen Kappe und etwas Blattwerk, daneben eine grüne Eichel.

»Ui, er hat uns etwas geschenkt«, rief Kathamina erfreut, während Carmelina ärgerlich das Gesicht verzog.

»Lecker. Eine Fleischwurst wäre mir lieber gewesen. Vielleicht sollten wir ihm zeigen, wie man Würste findet, statt Nüsse, das wäre einmal was Nützliches«.

Almasyna nahm die Haselnuss in die Hand und zog die Augenbrauen zusammen. »Ja, das ist es. Der Wald«, sagte sie dann und umschloss die Nuss mit der Faust.

»Oh, da kommen Eicheln und Nüsse oft her«, spotte Carmelina und griff in ihr langes, braune Haar. »Ich glaube, den Geruch vom Speckler-Hof bekomme ich nie mehr aus den Haaren«.

»Ich glaube ich weiß, was du meinst«, sagte da Kathamina und nahm die Eichel in die Hand. »Alle Höfe, die wir besuchten, lagen in der Nähe des

Waldes«.

»Genau, Katha, der Schäfer hatte seine Herde auch in Waldnähe, wegen der Kräuter. Carmelina, wir brauchen dich!«

Doch die üppige Hexe war nicht im Raum, Dafür erklang ein Schrei aus der Nebenkammer. Die beiden Hexen sahen sich an und liefen zu ihr. Dort stand die Hexe vor ihrem Bett und zeigte auf den Bode.

»Fussel«, rief sie, »überall Fussel!«

Der Boden war voller kleiner Fussel, Wollmäusen und kleiner, haarigen Knäuel in rotbrauner Farbe. Almasyna zuckte schuldbewusst zusammen. Sie hatte hier gefärbte Wolle gesponnen, dafür hatte sie auch die neue Spindel gebraucht, leider fielen dabei immer wieder einige Fasern zu Boden und sie hatte noch nicht zusammengefegt.

»Das war sicher Mima. Ich glaube, er ist im Fellwechsel«, sagte sie und biss sich auf die Unterlippe.

»Wenn ich den erwische, braucht er kein Fell mehr«, sagte Carmelina und schnaubte.

»Wir brauchen dich und deine Fähigkeiten, Lina«, lenkte Almasyna sie schnell ab. »Wir haben vielleicht eine Spur«.

»Ach ja? Haben wir? Und ich habe Hunger, nur um es noch einmal zu erwähnen«. Sie gingen alle zurück zum großen Tisch, räumten ihn leer und Carmelina stellte sich an ein Kopfende.

»Und jetzt?«

»Manchmal erkennt man Probleme besser, wenn man sie sich vor Augen führt«, sagte Almasyna. »Kannst du uns den großen Wald zeigen?«

Die Hexe schnaubte und wischte mit einer Hand durch die Luft, genau über den Tisch. Dort wuchs unvermittelt ein klitzekleiner, grüner Wald aus der Mitte: Kleine Bäume, dicht an dicht, so groß wie Fingernägel. Er hatte in etwa die Form einer Niere und hatte in Wirklichkeiten einen Durchmesser von vielen Meilen. Langsam wurde der kleine Wald von rosa sprenkeln überzogen, die vom Rand her rasch ausbreiteten.

»Was ist das?«, fragte Kathamina.

»Blumen. Ich dachte, ich mache es etwas hübscher und überziehe alles mit Blumen«.

»Lass den Unsinn, Lina. Wir brauchen es realistisch. Füge doch bitte unser Dorf hinzu, mit der richtigen Entfernung«.

Eine Handbreit unterhalb der dicksten Stelle des Waldes erschien ein kleines Dorf. Winzige Spielzeughäuser reihen sich um einen kleinen, freien Platz in der Mitte. An einer Straße, etwas abseits, stand ein einzelnes Haus, aus dessen Schornstein es rauchte: Ihr Hexenhaus!

»Hübsch, nicht? An diesem Rauch habe ich lange geübt, damit es echt aussieht«.

»Sehr schön«, sagte Almasyna nachdenklich und rieb sich über die Warze, die erschrocken ein Stück auf den linken Nasenrücken sprang.

»Weißt du, wo alle Höfe liegen, die wir besucht haben? Und der Schäfer?« »Natürlich. Ich kenne das Land. Ich bin hier schon herumgeflogen, als ihr … Äh, na lassen wir das. Wartet kurz«.

Sie konzentrierte sich, zeigte mit einem Finger auf verschiedene Stellen auf dem Tisch und kurz darauf erschien ein Miniatur-Bauernhof nach dem anderen auf der Tischplatte. Die beiden anderen Hexen sahen gespannt zu, wie vor ihnen die Illusion der der Landschaft entstand, die sie eben noch bereist hatten. Am Ende erschien ein kleiner wuseliger Haufen Schafe, keins größer als ein Stecknadelkopf, die in einem kleinen Kreis vor dem Wald herumwanderten. Kathamina beugte sich darüber und hielt ihr Ohr näher an den Tisch, und tatsächlich, sie hörte ein leises »Mäh«.

»Seht ihr auch was ich sehe?«, fragte Almasyna in die Runde.

»Ja, die Schafe sind total süß. Kann ich die haben?«

»Katha, nicht die Schafe. Das … andere hier!« Almasyna wedelte ungeduldig mit der Hand über den Tisch und Carmelina beugte sich etwas vor.

»Hmm, es sieht aus wie ein Bogen, der genau vor diesem Stück des Waldes liegt«, meine sie nach einigen Atemzügen.

»Genau, Lina. Das fällt doch auf, oder? Und wisst ihr, was das bedeutet?«

»Ich bekomme die Schafe nicht?«

»Nein, Katha. Du meine Güte. Es bedeutet, die Diebe müssen sich genau in diesem Stück des Waldes verstecken. Alle Orte, die bestohlen wurden, und auch der Schmelzbach-Hof, liegen in diesem Einzugsgebiet«.

Almasyna zeigte auf ein Stück des Miniaturwaldes. »Von dort aus kann man alle diese Höfe in einer Nacht erreichen«.

»Genial«, sagte Kathamina. »Und was machen wir jetzt?«

»Na das ist doch klar«, sagte Almasyna und rief: »Auf in den Wiewunderwald!«


5) Kapitel 5 Waldspaziergang

»Willst du wirklich so in den Wald?«, fragte Kathamina. Carmelina sah an sich herab.

»Wieso, was stimmt denn nicht? Ist mein Kleid schmutzig?«

»Nein … Aber hoffst du, dort einen Mann kennen zu lernen?«

»Warum nicht? Man weiß nie, wen man alles trifft. Der Wald ist groß und es sind immer viele Leute unterwegs«.

»Aber du hattest doch schon drei Ehemänner!«

»Und wenn schon, was kann ich dafür, wenn die Männer heutzutage nicht länger durchhalten?«

»Ja, eine Schande«, sagte Almasyna trocken. Sie schüttelte den Kopf und nahm ihren Hut ab, damit er nicht dauernd an Ästen hängen blieb. Sie standen am Waldrand in der Nähe der Schafherde und blickten auf eine Wand aus Büschen, Laub – und Nadelbäumen. Insekten und Vögel schwirrten umher und störten sich nicht an den drei Gestalten. Lediglich einige vorwitzige Mücken bezahlten mit ihrem Leben, als sie Carmelinas Beine inspizieren wollten und unter Flüchen erschlagen wurden.

»Verdammte Biester. Blutsauger, Elende«.

»Sag nichts gegen Blutsauger, einer meiner Vettern ist einer«.

»Welcher, Alma, der mit der Glatze und den Augenringen?«

»Ja genau der«.

»Entschuldigt, Mädels, aber wenn wir den Wald gehen, was mache wir dann eigentlich?«, mischte sich die Dritte ein und sah besorgt aus.

»Was sollen wir schon machen? Wir suchen nach Spuren der Diebe. Und falls uns ein gut gebauter Holzfäller begegnet, der mit zufällig nacktem Oberkörper seiner harten, körperlichen Arbeit nachgeht, dann überlasst ihn mir! Ich meine, ich frage ihn dann aus«.

»Ein Holzfäller mit nacktem… ?«

»Frag besser nicht, Katha«, raunte ihr die ältere Hexe zu und rollte mit den Augen.

»Aber vielleicht sollte man den armen Mann warnen?«

»Da muss er durch, wenn er ein äh ganzer Kerl ist«. Sie hob ihre Stimme. »Vergesst nicht, wir sind Hexen. Niemand legt sich mit uns an!«

»Genau Alma, wenn uns jemand in Quere kommt und unhöflich wird, zeigen wir ihm, wozu echte Hexen imstande sind. Ich habe meine Magie!«, rief Carmelina und hob drohend die Hände.

»Ich habe Zaubertränke und Blitzpulver!« Rief Almasyna und hob eine kleine Glasphiole in die Sonnenstrahlen.

»Und ich habe…« Kathamina kramte in einer ihrer Rocktaschen und hielt ebenfalls einen Gegenstand in die Höhe. »Ich habe Met!«

»Du hast deinen Flachmann mit Met mitgenommen? Was hast du vor, die Diebe zu einem Umtrunk einladen?«

»Da ist Honig meiner Bienen drin«, verteidigte sich die kleine Hexe. »Damit kann ich jederzeit und überall Bienen herbeirufen«.

»Na Prima. Also auf geht’s Mädels, ab in den Wald, den Diebesgesindel zeigen wir es!«

Carmelina klatsche in die Hände und stapfte entschlossen in das grüne Buschwerk.

»Genau, wir sind die Hexen, wir räumen hier auf!«, rief Almasyna und marschierte mit dem Hut in der Hand hinterher.

»Ja, wir sind die Besten, wuhu!«, rief Kathamina aufgeregt und folgte den beiden in den tiefen, grünen Wiewunderwald.

Keiner von ihnen bemerkte das kleine, rothaarige Wesen, das ihnen huschend durch das tiefe Gras folgte. Eine Stunde später marschierten sie immer noch im Wald herum, folgten einem Wildwechsel und jammerten.

»Ich muss mal«. »Meine Füße tun weh!« »Mir ist heiß«.

»Wir haben noch überhaupt keine Spur von irgendjemanden«, klagte Almasyna. »Ich dachte hier wimmelt es von Leuten? Holzfäller zum Beispiel?«

»Das habe ich so nie gesagt«, verteidigte sich die große Hexe und wedelte ich mit ihrem Hut Luft zu. »Ich hatte es lediglich … gehofft«.

»Jetzt meckert nicht wieder. Zu denken, wir stolpern direkt in das Lager der Diebe, war doch etwas unrealistisch«, sagte Kathamina und blickte sich immer wieder um. Seit geraumer Zeit hatte sie das Gefühl, beobachtet zu werden, konnte aber nie einen Hinweis entdecken. Es war nur ein Gefühl, aber als Hexe hörte man auf seine Gefühle.

»He, sagt mal, habt ihr nicht auch…«, begann sie, wurde jedoch gleich durch Almasynas Ruf unterbrochen.

»Seht mal, ein Bach! Der ist sicher schön erfrischend und ich kann meine müden Füße etwas abkühlen!«

»Abkühlen klingt gut«, sagte Carmelina und fächelte ihrem verschwitzen Dekolleté etwas Luft zu. Wenig später saßen sie an einer flachen Stelle am Bach, hielten ihre Füße in das kühle Wasser und diskutierten.

»Wenn ich ein Dieb wäre, würde ich mich tief genug im Wald verstecken, das mich niemand findet, aber auch nicht so tief, das sich stundenlang wandern muss. Vor allem nachts ist das nicht einfach«.

»Ja, Alma, das klingt logisch. Aber der Wald ist groß und wir sind in der Richtigen Entfernung. Dachte ich jedenfalls. Aber wir wissen ja nicht, wie weit wir nach Norden oder Süden müssen. Wenn diese dämliche Glaskugel funktionieren würde…«

»Vielleicht müssen wir noch ganz oft wiederkommen«, meinte Kathamina und wackelte mit den Zehen im klaren Wasser. Diese Aussicht stimmte sie nicht eben froh, daher zogen sie ihre grellbunten Wollsocken wieder an, die Almasyna ihnen gestrickt hatte, und zogen schweigend weiter. Kurz darauf deute Carmelina neben ihren Trampelpfad.

»Seht, da sind Fliegenpilze«. Gleichzeitig hob Alma eine Hand und zeigte nach vorn: »Seht mal, dort bei den Tannen wird es lichter, vielleicht machen wir dort noch eine Pause?«

Und Kathamina hob ebenfalls einen Arm, zeigte auf einen Baum und rief: »Seht doch, ein Eichhörnchen!«

»Ein Eichhörnchen?«, riefen die beiden anderen Hexen gleichzeitig und schauten auf den Baum vor ihnen, an dem hektisch ein kleines, pelziges Wesen mit buschigem Schwanz auf und absprang.

»Vielen Dank, aber wir haben schon ein solches Viech, Katha«, sagte Carmelina abfällig. »Eins von dieser Sorte reicht vollkommen!«

»Aber sehr ihr denn nicht? Das ist Mima!«

»Mima?«, riefen die Hexen wieder im Chor und sahen, wie das Eichhörnchen den Baum hochkletterte, auf halber Höhe innehielt und den Kopf mit den spitzen Ohren in ihre Richtung drehte. Dann sprang er hinab und hüpfte einige Meter vom Baum weg.

»Was macht Mima hier, und vor allem, wie kommt er hierher?« Almasyna kratze sich am Kopf und zuckte zusammen, als über ihr am Baum plötzlich ein Specht in wildem Stakkato zu klopfen anfing.

»Vielleicht gibt es hier die fettesten Nüsse«, spekulierte Carmelina. Die kleinste Hexe der drei schüttelte ihre roten Haare.

»Ich glaube, er will das wir ihm folgen. Seht ihr nicht? Er hüpft immer in die gleiche Richtung, kommt dann zurück, sieht uns an als wären wir total blöde und springt wieder weg«.

»Das mit dem blöd will ich überhört haben«, sagte Almasyna. »Aber ich glaube, du hast recht, Katha. Er findet auch seltene Kräuter und Pilze. Vielleicht hat er eine gute Stelle entdeckt, dann war unser Ausflug wenigstens nicht umsonst«.

»Jaja, na gut, dann folgen wir eben dem Eichhörnchen«, maulte Carmelina und stieg mit gerafftem Kleid über eine Wurzel. »Ich laufe im Wald einem Eichhörnchen mit Nusswahn hinterher, ich glaube es nicht«.

In der Tat lief Mima ihnen voran und blieb immer wieder stehen, um auf die drei Frauen zu warten. Dann sprang er unvermittelt den Stamm einer Tanne hoch und stieß ein helles Pfeifen aus. Almasyna blieb vor dem Stamm stehen, beschattete die Augen und sah nach oben.

»Was hat er denn jetzt?«

»Ich sage euch doch, er ist verrückt nach Nüssen oder Tannenzapfen«, schimpfte Carmelina. »Die kann er schön selber nach Hause schleppen. Ich laufe doch hier nicht durch den Wald…«

»Aber schau doch mal, da oben…«

»Nein, ich schaue jetzt nicht nach oben. Ich habe in meinem Leben schon genug Nüsse von unten sehen müssen und…«

»Carmelina! Sie nach oben!«, rief nun auch Kathamina, zeigte den Stamm der Fichte hoch und legte den Kopf in den Nacken. Alle drei Hexen schauten nun den Stamm entlang und Carmelina entdeckte Mima, der spiralförmig in der Höhe um den Stamm herum kletterte und dabei aufgeregt fiepte. Dort oben hingen Säcke in den Ästen, an langen Seilen befestigt.

»Was ist das denn? Sammelt da jemand Tannenzapfen?«

»Lina, ich glaube, da sammelt jemand etwas Anderes«, flüsterte Almasyna ihrer Kollegin zu.

»Meint ihr, das gehört den Dieben?«, fragte Kathamina.

»Ich fresse meinen eigenen Besen, wenn nicht. Wie kommen wir da ran? Wir hätten die Besen mitnehmen sollen«.

»Also ich klettere da nicht rauf«, winkte Carmelina sofort ab.

»Ich ruiniere mir doch nicht mein Kleid an diesem Stamm, der ist voller Harz. Nein Danke«.

»Hm, wäre sicher ein interessanter Anblick gewesen. Aber ich denke, wir können das Mima überlassen«.

Almasyna deutete auf ihren Gehilfen, der auf einen der Äste gehüpft war und eifrig an einem der Seile knabberte. Sie traten einige Schritte zurück, während das rote Eichhörnchen eifrig seine Zähne in das Seil schlug. Wenig später fiel der Sack wie eine reife Frucht zu Boden und landete mit einem dumpfen Aufschlag.

Eine Hexe hatte immer ein scharfes Messer dabei, daher versammelten sie sich um den Sack aus dunkler Jute und Almasyna schlitze ihn von oben nach unten mit ihrem Kräutermesser auf. Kathamina sah, dass das Seil nicht aus Hanf, sondern aus Schlingpflanzen und Efeuranken zusammengedreht worden war.

»He seht mal, so eine Efeuranke habe ich beim Bauern am Schmelzbach auf der Wiese gesehen«.

»Dann scheint es ja zu stimmen«, sagte Almasyna und risse den Sack auf. Zum Vorschein kamen drei große, schwere Schinken und mehrere geräucherte Würste.

»Das scheint mir der Inhalt von Specklers Räucherkammer zu sein«, bemerkte Carmelina und kniete sich neben den Sack. »Seht mal, hier in diesem Tuch sind einige silberne Löffel eingeschlagen, außerdem gute Messer und ein Paar nagelneue Werkzeuge!«

»Und seht mal hier, die Käselaibe«.

»Das ist sicher alles Diebesgut. Und habt ihr jetzt auch Hunger?«, sagte Kathamina.

»Was machen wir jetzt? Wir können es kaum dort oben wieder aufhängen«.

»Ich könnte es mit einem Schwebezauber versuchen«, sagte Carmelina und breitete die Arme aus.

»Nein, lass doch«, bemerkte Almasyna. »Wenn Leute hier auftauchen und sich ärgern, das einer der Säcke fehlt, wissen wir, dass es die Diebe ein müssen. Und keine zufälligen Wanderer«.

»Ja, solche wie wir. Wir sind die einzigen, die hier unbedarft herumlaufen, glaube ich«

»Und wenn wir uns verstecken und ihnen auflauern? Diebe lassen doch sicher nicht lange ihre Beute alleine?«

»Das ist eine gute Idee Katha!«, rief Almasyna. »Dort, hinter diesen Büschen, verstecken wir uns und warten, bis die Diebe auftauchen. Und dann machen wir ihnen die Hölle heiß!«

»Oh ja, die können was erleben!« Carmelina schlug kräftig eine Faust in die Handfläche und Mima flitzte sofort den Baum wieder hoch, bis in den Wipfel. Bei diesen Hexen war es gesünder, möglichst viel Abstand zu halten. Vor allem, wenn sie zu allem entschlossen waren.


6) Kapitel 6 Der Herzog der Diebe

Ravenlo Dunkelnacht schlich durch die Nacht.

Nun, Nacht war eigentlich nicht richtig, es war nur eine sehr dunkle Stelle im Wald, wo er sich gerade befand. Und schleichen konnte man auch nicht direkt sagen. Er ging sehr leise. Aber schleichen, das war schwer in einem Wald, der einem mit Wuzeln, trockenen Ästen, Löchern und Dornen das Fortkommen erschwerte. Doch seine Fuß -und Schuhsohlen hatten sich durch jahrelanges, geräuschloses klettern auf Dächern, Balkonen und Fenstersimsen eine gewisse Leichtigkeit zu eigen gemacht, die ihn auf jeden Fall leiser machte als einen normalen Menschen. Er war nicht umsonst ein Meisterdieb. Der Herzog der Diebe nannte man ihn! Oder besser gesagt, er nannte sich meistens so. König der Diebe wäre etwas zu hoch gegriffen gewesen, da der echte König ihn sofort aufgefordert hätte, seine Fähigkeiten im Luftanhalten zu beweisen: Mit schweren Steinen in den Taschen auf dem Grund des Flusses!

Auch der zweitbeste, der Diebesfürst, war kein Mann, den man reizen sollte. Er hatte nervöse Finger, was in Verbindung mit einem Dutzend scharfer Messer, die er stets in seinem Gürtel trug, alle Gespräche meist sehr kurz werden ließ. Nein, mit Herzog der Diebe war er vollkommen zufrieden. Und seit der die Stadt verlassen und das Landleben entdeckt hatte, schien er eine Glücksträhne zu haben. Noch nie war es einfacher gewesen, Beute zu machen. Die Leute hier waren allesamt verrückt. Ließen ihre Türen und Fenster unverschlossen. Manche hatte noch nicht mal eine Vorrichtung für ein Schloss! Höchstens einen Riegel, den er selbst mit auf dem Rücken festgebundenen Händen öffnen konnte.
Nein, diese Landleute waren verrückt und ein Segen. Er fand zwar nur selten Gold oder Silber, aber oft Dinge, die sich teuer verkaufen ließen. Hier auf dem Markt bekam man für ein Huhn oder einen Ring geräucherter Wurst ein paar Pence. In der Stadt kostete ein Huhn, tot oder lebendig, ein bis zwei Dollar. Das waren gewaltige Gewinnspannen, vor allem, da er alles umsonst bekam. Er brauchte nur noch eine Fuhre an seinen Mittelsmann in der Stadt fertig zu stellen, und bald würde er ein reicher Mann sein. Hätte er nur früher geahnt, wie es auf dem Land zuging…

Da knallte er gegen einen Baum. Fluchend taumelte er rückwärts, er hatte in Gedanken versunken nicht mehr auf den Weg geachtet. Verdammte Bäume, überall standen diese Dinger herum und versperrten einem den Weg. Zu groß geratenes Unkraut waren sie, er konnten diesem ganzen Grünzeug einfach nichts abgewinnen. Er rieb sich die knubbelige Nase und duckte sich unter einem Ast hindurch. Wobei er sich nicht viel ducken musste. Ravenlo war sehr klein, er konnte mühelos unter einem größeren Pferdefuhrwerk hindurch laufen, ohne den Kopf einziehen zu müssen. Man hatte ich auch schon oft mit einem Zwerg verwechselt, was für seine Geschäfte durchaus nützlich war. Wenn er mit einem wilden Bart angeklebt und zwei scharfen Äxte in der Hand auftauchte, schauten die Leute nicht mehr so genau hin. Und behielten lieber die Äxte im Auge.

In Wahrheit wuchs ihm gar kein Bart, nicht mal ein Flaum, dafür schienen seine Augenbrauen diese Funktion übernommen zu haben, sie wucherten dicht und schwarz über seinen stechenden kleinen Augen. Er griff an seinen Gürtel und nahm einen Schluck Branntwein aus seiner Feldflasche. Auf seinen geliebten Diebesumhang hatte er verzichten müssen, er verfing sich einfach zu oft in Ästen und Sträuchern. Daher hatte er einem Wildhüter oder Baumfäller – oder was immer diese Verrückten hier im Wald trieben – seine Sachen geklaut, die Ärmel und Beine gestutzt und sah nun aus wie ein kleiner, moosgrüner Herzog des Unterholzes. Er seufzte, schulterte den Sack mit seiner letzten Beute, einem riesigen Schweineschinken, und schlich – oder besser gesagt ging sehr leise – weiter durch den Wald.

Bald wurde es lichter und heller, er hatte das Stück mit den dicht stehenden Tannen hinter sich gebracht und immer mehr Sonnenstrahlen durchbrachen das Dickicht, was seine Laune wieder anhob. Bald hatte er sein Lager erreicht, würde die Beute in den Baumwipfeln verstecken und sich seinen nächsten Raubzug überlegen. Vor sich, von einem Sonnenstrahl eingerahmt, sah er plötzlich ein rotes Viech auf einem Baumstumpf sitzen. Es starrte ihn aus schwarzen Knopfaugen gehässig an und hatte den buschigen Schwanz über den Kopf erhoben. Für Ravenlo schauten ihn alle Tiere immer irgendwie gehässig an. Als würden sie sich über ihn Lustig machen, weil er nicht so war wie die großen, starken Menschen. Er hob einen Stein, der vor seinen Füßen gelegen hatte, und war ihn nach dem Vieh. Er landete auf halbem Weg mit einem dumpfen „Plonk“ auf dem Boden. Das Biest mit den Knopfaugen drehte sich einmal um sich selbst, stieß keckernde Laute aus, als wolle es ihn auslachen, und flitze dann in hohem Tempo davon.

„Ja genau, hau bloß ab du du… Ungeziefer!“, rief er hinterher, allerdings gedämpft, schließlich wollte er nicht auffallen, hier, alleine im tiefsten Wiewunderwald. Angeblich gab es hier Faune, Einhörner, Feen, riesige Eber und Hexen. Alles Ammenmärchen, das wusste er, er hatte nie etwas anders als allerlei unnütze Viecher und dumme Bauern gesehen. Er hielt kurz an, duckte sich und sah sich um. Er war nicht der Herzog der Diebe geworden, wenn er unvorsichtig gewesen wäre. Voraus sah er die Baumgruppe, die er als Beuteversteck benutzte, und beobachtete sie eine Weile. Aber nichts Auffälliges tat sich. Um ihn herum flatterten nichtsnutzige Vögel herum und piepsten vergnügt, um Gebüsch raschelte ab und an irgendein Viech, der Wind war flau und trug keine verdächtigen Geräusche an ihn heran. Die Luft war rein, trotzdem blieb er auf der Hut und schlich – diesmal wirklich – durch den Wald. Aber nichts geschah.

Als er den ersten Baum erreicht hatte, warf er seinen Sack auf den Boden und löste die Steigeisen vom Gürtel. Er würde auf den Baum klettern, dort eines der Seile lösen…

In diesem Moment ertönte hinter ihm eine Stimme: „Hat dir deine Mutter nie gesagt, du sollst nicht auf hohe Bäume klettern, Jungchen?“

Er zuckte zusammen. Das war kein Wachtmeister, der da drohte. Deren Art kannte er. Diese Stimme hatte vielmehr den Tonfall einer Mutter gehabt, die ihren Sohn mit der Hand in der Keksdose erwischt hatte. Er wollte sich schwungvoll umdrehen, verfing sich aber mit einem Fuß in einer Wurzel und fiel fast auf ein Knie. Als er sich aufgerappelt hatte sah er… drei seltsamen Gestalten vor sich. Eine große Frau, mit langen braune Haar, in einem geblümten Sommerkleid und einem Busen, unter dem jemand seiner Größe bei Regen einen sicheren Unterstand gefunden hätte. Dazu passten allerdings die groben Arbeiterstiefel nicht so ganz. Neben ihr stand eine kleinere, rundliche Frau mit angegrautem Haar, einer schrecklichen Warze auf dem Kinn und einem Blick aus fast schwarzen Augen, der einem bis auf die Seele ging. Selbst die Warze schien in finster anzusehen. Die kleine Frau daneben sah fast normal aus. Schmal, in schlabbrigem Kleidern, einer Hakennase und rotem Haar wie ein Fuchs. Sie sah in im Gegensatz zu den anderen eher neugierig an.

„Er sieht aus, wie ein Mooswichtel, findet ihr nicht auch?“, sagte sie gedehnt und lächelte.

„Ich bin kein Wichtel! Ich bin Ravenlo, der Herzog der Diebe!“, empörte er sich.

„Na, dann ist die Vorstellungsrunde von deiner Seite ja beendet, Schätzchen“, sagte die Vollbusige und Ravenlo biss sich auf die Lippen. Leider war er in Hinsicht seiner Größe etwas reizbar.

„Was wollt ihr? Ihr könnt mir nichts beweisen!“

„Beweisen? Über unseren Köpfen sind genug Beweise, Kleiner. Mima hat sie alle gefunden, nicht war, Mima?“

Die Grauhaarige zeigte auf eine Stelle über ihn und er hob den Kopf. Am Baumstamm, mit dem Kopf nach unten, klammerte sich das pelzige Ungeziefer mit den Knopfaugen uns sah ihn trotzig an.

„Außerdem benötigen wir keine Beweise“, sagte sie drohend. „Wir sind die Hexen vom Wiewunderwald!“

Ravenlo musste unwillkürlich lachen. „Ihr? Hexen? Ihr drei alten Landpomeranzen?“

Die drei Frauen sahen sich irritiert an.

„Was sind wir? Alt?“, fragte die im Sommerkleid empört.

„War das eine Beleidigung?“, fragte die rundliche Alte.

„Was sind Pomeranzen?“ fragte die kleine Dünne.

„Sicher war das eine Beleidung, Alma“.

„Nur, weil ich selbstgestrickte Rosa Socken trage und eine Warze habe?“

„Deine Socken sind gelb, Alma!“

„Gelb? Ich dachte sie sind rosa? Hatte ich nicht rosa Wolle gesponnen?“

„Die hattest du für den Schal benutzt, den mit den blauen Streifen dazwischen. Du siehst es doch nicht, du dumme Nuss!“

„Ich bin eine dumme Nuss? Nur wegen… einer leichten Sehschwäche bei schlechtem Licht? Zumindest laufe ich nicht wie eine Bauerndirne herum. Rosa Socken hin oder her!“

„Dirne? Eine Dirne sagst du? Nur weil ich noch Lebe und weiß, wozu ein Zauberer seinen Zauberstab benutzen kann, heißt das noch lange nicht…“

„Äh, Mädels, er ist weg“, warf Kathamina dazwischen und die Frauen verstummten. Ravenlo hatte den Disput der Frauen ausgenutzt und sie sahen nur noch, wie seine moosgrüne Gestalt über einen Baumstamm hüpfte und davonlief.

„Das habt ihr nun von eurer Zankereien. Jetzt müssen wir hinterher.“

„Also ich habe definitiv die falschen Schuhe an für sowas, außerdem möchte ich mir nach das Kleid im Unterholz zerreißen“, sagte Carmelina. „Mir tun die Füße weh. Außerdem rennen Hexen niemanden hinterher.“

„Na gut, dann mache ich das“, sagte Kathamina und seufzte.

„Aber auf Hexenhart?“

„Natürlich, Alma. Warte mal.“

Sie holte ihren Flachmann mit Met hervor, trank einen Schluck und blies dann einen langen Hauch honiggeschwängerter Atemluft in den Wald. Der Duft machte sich davon, wehte durch die Bäume und Büsche und suchte sich einen Weg, wand sich, schlängelte sich, bis er eine Eibe fand, in deren Ästen das Nest einer wilden Wespenkolonie thronte. Dort umwehte er das Nest, wand sich um die Fühler der Insekten und tanzte mit ihnen einen Tanz, der ihnen zeigte, wohin sie fliegen mussten. Dann machte sich ein Schwarm aus hunderten von Wespen zornig brummend auf den Weg, durch den Wald, wie es ihnen der Duft erklärt hatte. Wenig später ertönten Schreie aus dem Dickicht und ließen einige Vögel nervös auffliegen.

„Ahhh. Uhhh. Nein. Nein. Ahhhh!“

„Ich glaube, sie haben ihn gefunden“, sagte Almasyna süffisant und die kleine Hexe lächelte glücklich.


7) Kapitel 7 Alles im Lot – Hexengebot!

Er lag am Fuß einer Eiche, schlug schwach um sich, umschwirrt von summenden Wespen. Auf den freien Köperstellen hatten sich viele rote Pusteln gebildet. Kathamina blies ihnen ihren Atem entgegen, und vollführte mit den Händen komplizierte Gesten in der Luft. Der Schwarm schien einen Augenblick innezuhalten, schwebte regungslos wie eine Wolke über dem Dieb. Dann ertönte ein lautes Brummen und die Wespen flogen geschlossen zurück in die Richtung ihres Nestes. Ravenlo, der Herzog der Diebe, rappelte sich mühsam hoch, mit einer Hand an der Eiche hinter ihm und blinzelte den drei Frauen entgegen. Eine Wange war geschwollen, ein Augenlid ebenso.

„Was … wollt ihr?“, fragte er schnaufend und tastete mit der anderen Hand über sein Gesicht.

„Nun, Herzog der Diebe – war das richtig? – wir wollen, das du uns deine Beute und deine Verstecke zeigst. Damit wir die Sachen wieder zurückbringen können. Und das du mit uns kommst, zum Bürgermeister“. „Ihr habt ja einen Vogel“, entgegnete er ohne zu überlegen, biss sich dann auf die Unterlippe, was er sofort wieder bereute, da sie dabei war auf doppelte Größe anzuschwellen.

„Hat er gesagt, wir hätten einen Vogel?“, fragte Carmelina in die Runde.

„Ja, das hat er“, bestätigte Almasyna.

Bsssssss“, machte Kathamina leise und Ravenlo zuckte augenblicklich zusammen. Über ihn fiepte und raschelte es im Baum, aber er hatte im Moment nicht die Kraft, hinzusehen. Durch sein geschwollenes Augenlid getrübt, schaute er sich mit Diebesblicken um und versuchte, zwischen den drei verrückten Schachteln den besten Fluchtweg zu finden. Das mit den Wespen war schrecklich gewesen, aber Hexen? Was für ein Unsinn. Er war beim Laufen sicher auf ihr Nest gestoßen, ohne es gemerkt zu haben, und sie hatten ihn verfolgt, wie es solche Biester eben taten. Er würde nicht auf diese drei Vetteln reinfallen, die sich nur seine wohlverdiente Beute unter den Nagel reißen wollten. Aber nicht mit ihm, er war aus härterem Holz geschnitzt als diese Weiber glaubten, auch wenn es grade überall schmerzte. Aber er hatte noch einen Trumpf im Ärmel. Sie kannten nicht alle seine Verstecke, und wenn er erstmal entkommen war, würde er einige Nächte warten, alles abholen und sich davonmachen.

„Nun, Herr Herzog… oder sollte ich besser sagen, Fürst der Zerstochenen? Ich denke, es ist besser, du gestehst dem Bürgermeister deine Taten, dann ist der Spuk bald vorbei und du sitzt in einem gemütlichen Stadtgefängnis. Wir lassen dich dann auch in Ruhe. Ist das nicht ein Angebot?“, fragte Almasyna ruhig und alle drei Hexen nickten dazu.

„Nein“, stieß der Dieb hervor, zog blitzschnell etwas aus seinem Ärmel, warf es vor die Füße der Hexen – es knallte laut und ein Blitz blendete die Drei – dann stieß er sich vom Baum ab und stürmte zwischen der grauhaarigen und der kleinen Hexe hindurch, so schnell er konnte.

„War das Blitzpulver?“, fragte Kathamina verblüfft.

„Ja, aber schlechtes“, antwortete Almasyna und wedelte mit der Hand die weiße, stinkende Rauchwolke beiseite, die sich um sie gebildet hatte. „Sicher in der Stadt gekauft, von einem Alchimisten. Das Zeug taugt nicht viel. Ich mag keine Alchimisten. Zucken bei jedem lauten Geräusch zusammen und kichern dauernd“.

„Oh ich kannte mal einen Alchimisten. Hatte keine Augenbrauen mehr und komisch gerochen, wusste aber sehr gut mit seinem langen, harten Kochlöffel umzugehen…“

„Lina?“

„Ja Alma?“

„Nicht jetzt“.

„Oh. Na gut. Ich glaube, der kleine Knilch ist wieder abgehauen!“

„Nicht schlimm“. Kathamina lächelte vielsagend. „Mima hat sich darum gekümmert. Habt ihr nicht gesehen, wie er vom Baum hinterher gesprungen ist?“

In diesem Moment hörten sie erneut Schreie.

„Nein, aahh, nicht!“

Als sie den Dieb erreicht hatten, lag er rücklings auf dem Boden, auf seiner Brust saß ein zorniges Eichhörnchen, die Krallen tief in den Stoff und das Fleisch darunter vergraben.

„Nehmt da Viech von mir runter, nehmt es weg“, flehte Ravenlo. Die drei Hexen sahen streng auf ihn herab.

„Oh-oh, er hat Viech gesagt. Das war nicht nett“, sagte Almasyna.

„Nein, Mima ist da empfindlich“, pflichtete Kathamina ihr bei uns sah fragend zu Carmelina. Diese stemmte die Fäuste in die Seiten und schnaufte, dass der Busen bebte wie ein Berg aus Wackelpudding.

„Du beleidigst uns, Dieb. Du bestiehlst unsere Leute. Wir wollen dich hier nicht haben. Mima, er gehört dir!“

Sie wandte sich zornig ab und ging ein Stück zu einem umgefallenen Baum und setzten sich. Die anderen Hexen folgten ihr. Hinter ihnen erklangen wieder Schreie.

Kathamina blickte interessiert zurück.

„Mima ist unter sein Hemd geklettert“.

„Neinoneinonein… aahhh!“ erklang es aus dem Wald.

„Igitt, ich hoffe der Kerl ist nicht irgendwie – unhygienisch“, meinte Almasyna.

„Argh, nein, nicht beissen, niiiiicht….“

„Mima wird´s überleben. Er hat ein dickes Fell“, antwortete Carmelina und zupfte etwas Moos vom Saum ihres Kleides.

„Ohgottogott…nicht dahin…nein…nicht dahin…“

„Jetzt ist er in ein Hosenbein geschlüpft“, sagte Kathamina mitleidig.

„Ah nein… lass das…nicht dahin…niiicht an diese Stelle… neineinein… Ahhhh!“

„Ja, armer Mima. Er opfert sich richtig für uns“, meinte Almasyna ungerührt.

„Wuah. Wuah. Wuaaaaaah!“

„Ja, alles für die gute Sache. Ich glaube, ich werde ihm ein paar Nussverstecke verzeihen“, erwiderte Carmelina.

„Gaaahhh… Wuaaaaah! Wuaaaah!“

„Für einen Dieb, der immer leise sein soll, schreit er ganz schön laut“, bemerkte Almasyna und schaute in den Himmel. „Wie lange sollen wir ihm den Spaß noch gönnen?“

„Oh, noch ein paar Minuten. Oh schau mal Alma, ist das dort ein Blutlurch oder ein rote Holzmorchel?“ Carmelina deutete auf einen rötlichen Pilz zu ihren Füssen und die drei Hexen begannen, den seltenen Pilz genauer zu untersuchen, während hinter ihnen der Fürst der Diebe auf dem Boden herumrollte und schrie wie am Spieß.

Am späteren Abend saßen die drei Hexen zusammen in ihrer Stube, tranken Kräutertee – und natürlich heissen Met – und sahen sehr zufrieden aus. In der Nähe des Gusseisernen Herdes schlief Mima, zusammengerollt in einer Kiste voller Stroh und einer dicken Haselnuss zwischen den Pfoten. Sie hatten Ravenlo Dunkelnacht dem verblüfften Bürgermeister übergeben. Der Dieb hatte ihn förmlich angefleht, ihn schnellstens in ein sicheres Gefängnis zu bringen. Mittels Mimas „Unterstützung“ hatte er auch alle seine Verstecke verraten und die drei Hexen hatte den ganzen restlichen Tag damit zugebracht, mithilfe ihrer Besen das Diebesgut den rechtmäßigen Besitzern zurück zu bringen. Jetzt saßen sie zusammen am Tisch und genossen die letzten Stunden des Abends.

„Hast du gesehen, wie er uns angesehen hat, der Bürgermeister? Ha. Als dieser kleine Tunichtgut wimmernd vor seinen Füßen landete? Ha!“ Carmelina hieb mit ihrer Tasse auf den Tisch und verspritzte damit einiges von ihrem Tee, der aber sofort wieder von selbst zurück in die Tasse kroch. In einem Hexenhause wusste man, was sich gehörte.

„Er hat ängstlich ausgesehen, oder?“, fragte Almasyna, während sie ein Wollknäuel undefinierbarer Farbe aufwickelte und über ihre Nase schielte, da sich ihre Wanderwarze mitten darauf platziert hatte.

„Respektvoll, das sage ich. Respektvoll. Wir haben hier wieder für Ordnung gesorgt. Wir, die Hexen. So wie es sein sollte. So wie es sein muss!“

„Ja, hast Recht, Lina“, murmelte Kathamina, die schon leicht vom Met benebelt war und ab und zu mit der Hand in der Luft imaginäre Bienen verscheuchte.

„Jetzt herrscht wieder Ruhe und alle wissen, woran sie sind. Ich hoffe, dieser feine Herr Grünhau hat es auch kapiert!“

„Das hat er sicher, Lina. Er ist ja fast unter seinem Hut verschwunden“, antwortete Almasyna.

„Ha! Wir haben es denen gezeigt. Wir müssen in Zukunft besser die Augen und Ohren offenhalten, damit sowas nicht wieder passiert, Mädels. Aber wir haben es diesmal hingekriegt!“

„Dank Mimas Hilfe“, warf Kathamina ein und wischte vor ihrem Gesicht durch die Luft.

„Ja, ausnahmsweise auch dank Mimas Hilfe. Wir benötigen jedenfalls dringend eine neue Glaskugel. Ach was, vielleicht sogar ein Dutzend. Damit es so bleibt wie es ist: Alles im Lot!“

„Genau, alles im Lot. Hexengebot!“, riefen die drei zusammen und hoben ihre Becher.

In diesem Augenblick öffnete sich krachend die Tür. Sie schlug an die Wand und eine Wolke aus Putz rieselte auf den Mann nieder, der so riesig war, dass er den gesamten Türrahmen ausfüllte. Durch die Abenddämmerung in seinem Rücken konnte man erkennen, dass er eine Axt am Gürtel und eine riesige Armbrust in der Hand trug. Er hatte den stiernackigen Körperbau eines Mannes, der aussah, als würde er nur zum Spaß kleine Boote oder Pferde herumtragen. Sein Kinn war eckig, seine Augen lag tief und die braunen Haare waren zu kurzen stoppeln rasiert worden.

Auf seine Stirn hatte jemand ohne Grammatikkenntnisse „Töten ich dich werde“ tätowiert. Über seiner gewaltigen Brust spannte sich eine enge Ledertunika, die krauses Brusthaar hervorquellen ließ. Die drei Hexen hielten den Atem an und Kathamina vergaß sogar, eine unsichtbare Biene zu verscheuchen. Der riesenhafte Mann kam einen Schritt ins Haus, das flackernde Licht der Kerzen und des Herdfeuers fiel auf sein kantiges, finsteres Gesicht. Da sprang Carmelina auf, stieß dabei ihren Stuhl um und rief:

„Da bist du ja wieder, Schatzimausi!“

Und der Riese entgegnete: „Ja, und wir haben ein großes Problem, Mama!“

Ende

(Freut euch auf den nächsten Teil!)

 

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