Die seltsamen Fälle des Gregory Low – Das Medaillon /Leseprobe | Ein Wort zu viel - Der Story Blog

Die seltsamen Fälle des Gregory Low – Das Medaillon /Leseprobe

Das Medaillon

Es ist die Wahrheit. Sie muss endlich ausgesprochen werden und ans Licht der Öffentlichkeit. Sie sind unter uns…

Ich warf noch einen Blick auf das Schmierblatt am Kiosk und schüttelte den Kopf. Diese Reporter wurden immer schlechter. Sie sind unter uns. Wer von denen wusste schon, was das bedeutete.
Ich kaufte mir eine Schachtel Zigaretten und ging den Boulevard hinunter. Es war Anfang Oktober, der Himmel war grau und verhangen, ein Tag ohne Sonne. Ich trug meinen besten Anzug, grau mit dunkelgrauem Hemd, Schlips und einem Einstecktuch in der Brusttasche. Dazu schwarze Sportschuhe mit schwarzen Wollsocken. Ich war sauber, rasiert und nüchtern. Auch wenn es außer mir keinen scherte. Ich wollte einen guten Eindruck hinterlassen und aussehen, wie man sich einen gut gekleideten Privatdetektiv vorstellt. Denn heute erwartete ich eine Klientin.

Ich erreichte das zehnstöckige Bürohaus, in dem ich zwei Zimmer im fünften Stock gemietet hatte. Ein Büro und ein Vorzimmer, das als Empfangsraum diente und dessen Tür nie abgeschlossen war. Falls sich ein Klient zu mir verirren sollte und ich nicht anwesend war, konnte er zumindest Platz nehmen und auf mich warten. Ich trat aus dem klappernden Aufzug, ging um die Ecke und stand vor der Tür, auf der mein Name stand: Gregory Low. Darunter hatte einst ein weiteres Schild gehangen, mit dem Text: Ermittlungen natürlicher und übernatürlicher Art. Keine Schecks. Leider hatte es irgendein Witzbold vor einiger Zeit geklaut und ich hatte bisher weder Zeit noch Lust gehabt, es zu ersetzen. Als ich das Vorzimmer betrat, war meine Klientin bereits da.
Sie war blond und ein paar Jahre über dreißig. Ihr Gesicht schien über ihre beste Zeit hinaus zu sein. Ihr Körperbau war kräftig aber vorzüglich geformt. Sie trug von Kopf bis Fuß schwarz, ihre Locken waren allerdings nach neuester Mode hochgesteckt und wurden von einem kleinen, randlosen Hut mit einem kurzen Gitternetz-Schleier bedeckt. An den freiliegenden Ohren baumelten runde, schwarze Jet-Ohrringe. Sie erhob sich von meinem alten, roten Ledersofa, umrundete den kleinen Lesetisch mit den beinahe antiken Zeitschriften und der leeren Wasserkaraffe darauf, die ich vergessen hatte nachzufüllen. Die weitere Einrichtung bestand aus einem harten Stuhl, verblichenen Netzgardinen mit braungelben Vorhängen und einer verwelkten Topfpflanze, für die jeder Leichenbeschauer sofort einen Totenschein ausgestellt hätte.

„Mr. Low?“ fragte sie, ich nickte.
„Mrs. Thursby nehme ich an.“ Sie war nur dezent geschminkt und ihre leicht geröteten Lippen lächelten zaghaft. Ich ergriff den Knauf meiner Bürotür und öffnete.
„Kommen sie doch herein.“
„Danke schön“, sagte sie leise und folgte mir in mein Büro. Es war ein gewöhnliches Büro mit einem gewöhnlichen rotbraunen Teppich, außerdem drei grünen Aktenschränken, einer davon mit Akten, zwei mit Luft gefüllt. Ferner waren da zwei Stühle, einer aus Eiche, der andere fast aus Nussbaum, der übliche Schreibtisch mit der üblichen grünen Schreibunterlage, eine Messinglampe mit Glasschirm, ein Aschenbecher voller Zigarettenstummel, ein Telefon und der übliche quietschende Drehstuhl. Ich deutete mit einer Verbeugung auf ihre Seite des Schreibtischs, und sie setzte sich auf den Rand des harten Eichenstuhls. Ich sank auf meinen Drehstuhl und lächelte höflich. Meine Klientin saß auf der äußersten Kante, die Füße flach auf den Boden gepresst, als wollte sie jeden Moment aufspringen und fliehen. Ihre behandschuhten Hände umklammerten eine flache, schwarze Handtasche mit Messingschließe in ihrem Schoß. Ich wippte etwas in meinem Stuhl zurück, was ihn natürlich quietschen ließ, und fragte: „Nun, was kann ich für Sie tun, Mrs. Thursby?“
Sie hielt kurz den Atem an und zerdrücke fast ihre Handtasche.
„Ich dachte – ich – das heißt…“ Sie schluckte und bearbeitete ihre Unterlippe mit kleinen, schimmernden weißen Zähnen.
„Wie wär´s, wenn Sie mir alles von Anfang an erzählten, Lady?“
Ihre dunklen Augen huschten über meinen vollen Aschenbecher, blieben kurz auf dem Werbekalender einer Zigarrenfirma hinter mir hängen, um dann meine Krawatte zu fixieren.
„Nun – wissen Sie – wie ich am Telefon schon sagte, mein Mann ist vor zwei Wochen verstorben.“
Ich runzelte mitfühlend die Stirn und presste die Lippen zusammen.
„Ich kann es immer noch nicht glauben. Er war ein gesunder Mann, wir waren seit fünf Jahren glücklich verheiratet, bis…“
„Was war die Todesursache?“
„Ein Herzschlag, sagte man mir. Er lag einfach so im Wohnzimmer, tot. Sein Gesicht…“ Sie schluckte und rang nach Fassung, hatte sich aber schnell wieder im Griff.
„Sein Gesicht war ganz verzerrt, eine Hand hielt noch sein Hemd in der Brustgegend fest.“
„Ich verstehe“, antwortete ich, beugte mich etwas vor und verfluchte den Stuhl, der wieder ein durchdringendes Geräusch von sich gab. „Der Leichenbeschauer – hat er ebenfalls einen Herzschlag festgestellt?“
„Ja, es steht auf dem Totenschein“, sagte sie leise.
„Aber sie haben Zweifel?“ Ich beobachtete, wie sie leicht zusammenzuckte, sich aber sogleich wieder straffte. Diese Frau hat Mumm. Immerhin ist sie hier.
„Ich finde seinen Tod zu…“, sie rang nach den richtigen Worten, „Er war zu plötzlich. Mein Mann war nie krank, keinen Tag, seit wir uns kennen. Und jetzt soll er einfach so umgefallen sein? Er war noch keine vierzig.“
„Was ist denn Ihre Meinung?“
„Ich – ich denke, da war etwas anderes im Spiel.“ Da war er, der Punkt, der den Klienten meist am schwersten fiel. Darüber zu reden, dass es vielleicht etwas außerhalb der bekannten fleischlichen Welt gab.
„Wie kommen Sie darauf Mrs. Thursby?“
„In der Woche vor seinem Tod – es war alles so seltsam. Im Haus herrschte plötzlich eine Atmosphäre… Jed, mein Mann, war nervös und schlief schlecht, ich ebenso.“
„Noch etwas? Fühlten Sie weitere Veränderungen?“ Ich stützte mich mit den Ellenbogen auf der Schreibunterlage ab und hoffte, professionell und interessiert auszusehen.
Ich wusste, dass mein zerknautschtes Gesicht mit den tiefen Falten für viele eher griesgrämig aussah, selbst wenn ich gut gelaunt war. Sie dachte kurz nach und biss sich wieder auf die Unterlippe.

„Wenn ich das Haus betrat, hatte ich das Gefühl, nicht willkommen zu sein. Eines nachts, als ich nicht schlafen konnte, ging ich in die Küche, um ein Glas Wasser zu trinken. Mir war auf einmal, als wäre dort jemand, der mich hasste. Ich erschrak so sehr, dass ich schrie und mein Mann mich beruhigen musste. Als wir das Licht einschalteten, war natürlich niemand zu sehen und alle Türen und Fenster waren verschlossen. Wir schoben es auf meine Nerven, aber ich merkte, dass auch mein Mann besorgt war.“ Ich nickte verstehend, das klang alles sehr typisch.
„Und wann haben Sie darüber nachgedacht, dass das alles eine übernatürliche Ursache haben könnte?“ Sie blickte etwas verschämt zu Boden.
„Vor ein paar Tagen erst. Als ich die Schlagzeilen in den Zeitungen las. Von diesen – Phänomenen.“
„Übernatürliche Sichtungen sind längst Gegenstand wissenschaftlicher Forschung, Mrs. Thursby. Daran ist nichts Verwerfliches mehr. Die Regierung hat sogar eine offizielle Stelle gebildet, um diese Phänomene zu registrieren und ihnen nachzugehen. Das National Bureau for Paranormal Activities ist eine Bundesbehörde und dem FBI unterstellt. Haben Sie schon daran gedacht, sich an das NBPA zu wenden?“ Sie erschrak und rutschte fast von ihrem Stuhl.
„Oh nein, ich möchte kein Aufsehen erregen. Ich möchte – nur die Wahrheit. Was Jed wirklich getötet hat.“ Ich atmete lange ein und lehnte mich wieder zurück. Sie wollte vor allem nicht für verrückt gehalten werden, wenn die Nachbarn die weißen Lastwagen der NBPA entdeckten.
„Die Zeitungen übertreiben oft, aber es gibt gewisse Phänomene, denen ich nachspüren kann, Mrs. Thursby. Davon lebe ich. Und es kostet fünfundzwanzig Dollar pro Tag plus Spesen.“ Sie setzte sich etwas zurück und entspannte ein wenig.
„Das kann ich mir leisten, Mr. Low. Mein Mann hat mir genug hinterlassen.“

Sie griff mit ihren langen schlanken Fingern in ihre Handtasche und zog einen elfenbeinfarbenen Umschlag heraus. Sie schob ihn zu mir über den Tisch und ich nahm ihn in die Hand, linste mit einem Auge hinein und stieß einen Pfiff aus. Fünf Zwanzig-Dollar-Noten lächelten mich darin an. Damit wäre meine Miete für diesen Monat gesichert. Bevor ich etwas sagen konnte, schob sie mir noch etwas über den Tisch. „Ein Schlüssel?“
„Von unserem Haus. Damit Sie sich dort umsehen können.“
„Sie möchten also wirklich, dass ich den Job übernehme? Auch wenn ich vielleicht nichts herausfinde?“
„Ich möchte Gewissheit, sonst nichts, Mr. Low. Gehen Sie in das Haus und schauen Sie sich um.“
„Sie kommen nicht mit?“ Sie zuckte zusammen und schluckte. „Ich möchte dieses Haus nie wieder betreten. Ich habe mitgenommen, was ich für mich persönlich brauche, alles andere ist noch wie es immer war. Aber ich betrete es nie mehr. Dieses Gefühl dort – der Tod meines Mannes – ich kann es nicht mehr ertragen. Könnten Sie sich denn darum kümmern? Auch wenn es für Sie vielleicht kein so wichtiger Fall ist, aber…“
„Aber natürlich, Lady, ich werde mich persönlich so diskret wie möglich um Ihr Anliegen kümmern.“
Mrs. Thursby stand auf und streckte mir impulsiv die Hand entgegen. „Vielen Dank!“ rief sie erleichtert, schüttelte meine Hand und wiederholte: „Vielen Dank!“
„Keine Ursache“, sagte ich mit einem schiefen Lächeln, „ist mir ein Vergnügen.“

Ende der Leseprobe  – die komplette Story könnt ihr als Ebook in allen bekannten Shops herunterladen

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