Drachenfeuer – Der letzte Kreuzzug | Ein Wort zu viel - Der Story Blog

Drachenfeuer – Der letzte Kreuzzug

Inhaltsverzeichnis zum aufklappen


1) Am Euphrat, 1144 n.Chr.

Während die Dämmerung heranzog, spähte der Kommandant die Klippe zum Fluss hinunter. Ein leichter Nebel bedeckte den Euphrat, breitete sich von beiden Seiten des Ufers aus und verschluckte die wenigen Bäume, die entlang des Flusses wuchsen. Der gesamte Anblick erinnerte an einen glatten, glänzenden Schlangenleib. Bei diesem Gedanken sträubten sich Hauptmann Heinrich von Babenberg die Nackenhaare. Er konnte Schlangen nicht ausstehen. Er zog seinen Mantel aus Wolle enger um die Brust, kniff die Augen zusammen und blickte auf das Land, das sich auf der anderen Seite des Flusses ausbreitete: das Gebiet der Sarazenen. Es war fast fünfzig Jahre her, dass die Grafschaft Edessa von den Kreuzfahrern gegründet worden war. Seitdem spielten die christlichen Grafen, Kreuz- und Ordensritter mit den Reichen der Araber, Seldschuken, Armeniern und Byzantinern ein gefährliches Spiel, um Macht und Einfluss. Durch wechselnden Bündnisse, Feldzüge, Mord und Bestechung hatte man seine Grenzen bis an den Euphrat ausgeweitet, und es bestand kaum Zweifel, dass die brodelnden Feindseligkeiten schon bald zu einem offenen Konflikt ausarten würden. Als sie aus den Toren Edessas marschiert waren, hatten sich die Truppen dort bereits zu einem Feldzug vorbereitet. Bei diesem Gedanken verfluchte Heinrich erneut den Befehl, seine Kompanie und eine Hilfstruppe aus Bauern, Hörigen und Handwerkern durch die Wüste zu führen. Um ausgerechnet hier auf den Felsen über dem Euphrat ein Kastell zu errichten. Die Burg Turbessel lag sechs Tagesmärsche entfernt im Westen, erst dort waren die nächsten christlichen Soldaten stationiert. Noch nie in seinem Leben hatte sich Heinrich so einsam und isoliert gefühlt. Trotz seiner zweihundert Männer. Sie befanden sich am äußersten Rand des Kreuzfahrerstaates und waren hier stationiert, um Alarm zu schlagen, sobald feindliche Truppen den Fluss überqueren wollten. Nach einem anstrengenden Marsch durch die kahle, felsig harte Wüste hatten sie ihr Lager an einer Anhöhe aufgeschlagen und die Arbeit am Kastell begonnen. Dort würden sie sich verschanzen, bis ihr Befehlshaber im fernen Edessa entschied, sie ablösen zu lassen. Auf dem Marsch hatte die Kolonne tagsüber unter der sengenden Sonne gelitten. Nachts, wenn die Temperaturen schlagartig fielen, hatten sich die Männer frierend in ihren Mänteln verkrochen. Das Wasser war streng rationiert und als sie endlich den großen Strom erreichten, der die Wüste wie eine Sichel durchschnitt, stürzten sich die Männer ausgelassen in das flache Wasser, um ihren Durst zu löschen. Nur mühsam hatten die Offiziere wieder Ordnung herstellen können. Heinrich hatte drei Jahre in Tripolis gedient, wo es schöne bewässerte Gärten und all die Freuden des Fleisches gab, die ein Mann mit zu viel Sold und Langweile sich wünschen konnte.

Daher betrachtete er diesen Auftrag mit wachsenden Entsetzen. Irgendjemanden musste er sich zum Feind gemacht haben. Seine Truppe hatte die wenig glorreiche Aufgabe, Monate, wenn nicht Jahre in diesem abgelegen Winkel der Welt zu verbringen. Die Araber, Seldschuken oder Armenier würden sie bestimmt alle umbringen, wenn sie nicht zuvor an Hitzschlag oder am Müßiggang starben. Sobald sie eine Stelle auf dem Felsen gefunden hatten, von der aus man die Furt und die hügeligen Weiten des Landes gut überblicken konnte, hatte der Hauptmann deshalb seine Männer zur Arbeit an den Befestigungen angetrieben. Heinrich wusste, dass ihre Anwesenheit dem Emir von Damaskus nicht lange verborgen bleiben würde, und es war von entscheidender Bedeutung, dass seine Einheit bis dahin eine starke Befestigung errichtete, bevor man sich entschloss, gegen sie vorzugehen. Fast eine Woche hatten sie geschuftet und geschwitzt, um den Boden einzuebnen und die Fundamente für die Mauern und den Turm des neuen Kastells zu legen. Dann hatten Steinmetze eilig Felsbrocken behauen, die mit primitiven Wagen von den rundherum eingerichteten Steinbrüchen hergeschafft worden waren. Die Stützmauern waren bereits hüfthoch, die Zwischenräume wurden mit Geröll und Schutt verfüllt. Als er im dunklen Rot des abnehmenden Lichts über die Baustelle blickte, nickte Hauptmann Heinrich von Babenberg zufrieden. Es würde zwar keine der mächtigen Burgen aus dem Heiligen Römischen Reich werden, so wie er sie aus seiner Heimat kannte, aber in fünf Tagen wären die Verteidigungsmauern schon hoch genug, um das Lager in das neue Kastell zu verlegen. Bis dahin würden die Männer aber jede Stunde Tageslicht zur Arbeit nutzen. Die Sonne war vor einer Weile untergegangen, am Horizont schimmerte nur noch ein schwacher Lichtstreifen. Heinrich wandte sich an Lois von Toulon, seinem Stellvertreter. „Es wird Zeit, für heute Schluss zu machen.“ Lois nickte, holte tief Luft und brüllte mit an den Mund gelegten Händen über die Baustelle. „Werkzeuge beiseite und zurück zum Lager!“ Überall auf dem Bauplatz sah Heinrich die undeutlichen Schemen der müden Männer, die Hacken, Schaufeln, Hämmer und Körbe aufeinanderstapelten, bevor die Soldaten unter ihnen die Schilde und Speere an sich nahmen und sich vor der Mauerlücke, die für das Haupttor vorgesehen war, schwerfällig und missmutig aufstellten. Er hatte von seinem Vater, der dem Herzog von Bayern diente, Gehorsam und Disziplin gelernt. Das gleiche verlangte er von seinen Männern, selbst wenn er sich dadurch unbeliebt machte. Als der letzte endlich seinen Platz eingenommen hatte, wehte aus der Wüste ein heftiger Windstoß heran, der seine Tunika flattern ließ. Mit verkniffenen Augen sah Heinrich im Westen eine dichte graue Staubwolke, die sich stetig auf sie zu bewegte. „Ein Sandsturm“, bemerkte Lois, der neben Heinrich stand, und knurrte. „Wir müssen im Lager sein, bevor er uns erreicht.“ Lois nickte beipflichtend. Er hatte den größten Teil seines Lebens im Heiligen Land gedient und wusste nur zu gut, wie schnell man die Orientierung verlieren konnte, war man erst einmal vom erstickenden, schmirgelnden Sand umgeben, den die Stürme dieser Region mit sich führten. „Diese Glückspilze unten im Lager müssen sich darüber keine Sorgen machen.“ Heinrich nickte kurz. Zwanzig Mann waren zur Bewachung des Lagers zurückgeblieben, während ihre Kameraden oben auf dem Felsen schufteten. „Also gut, dann lass mal uns die Männer in Bewegung setzten.“ Er gab den Befehl zum Abmarsch. Sie stapften den gewundenen Pfad hinunter, der zu ihrem provisorischen Lager führte, das gut eine Meile vom Kastell entfernt lag. Der Wind legte inzwischen an Stärke zu, ließ die Umhänge der Soldaten peitschend flattern und das Dämmerlicht wurde immer düsterer, während sie den mit Steinen übersäten Pfad hinabstiegen. „Wenn ich diesen verdammten Posten verlasse, werde ich ihm keine Träne nachweinen“, knurrte Lois und spuckte Sand aus. „Ich habe leider keine Ahnung, wie lange wir hier bleiben müssen“, entgegnete Heinrich. Seit er im Heiligen Land diente, war sein französisch fast perfekt geworden. „Das hängt alles davon ab, was die hohen Herren in Tripolis, Antiochia und Edessa entscheiden. Und was unsere Freunde in Damaskus und Aleppo vorhaben. Und die Seldschuken.“ „Verdammte Seldschuken“, fluchte Lois. „Diese Drecksäcke sorgen immer wieder für Ärger.“ Heinrich nickte bestätigend und zog sich einen Schal vor den Mund, um nicht noch mehr Sand zu schlucken. Die Kolonne marschierte den Felshang hinunter und die ersten dichten Staubwirbel zogen über den Pfad. Momente später war jede Kontur der Umgebung verschwunden, und Heinrich verlangsamte das Tempo.
Mit erhobenen Schilden und gebeugten Schultern schoben sich die Männer vorwärts, um sich dahinter vor den Sandböen zu schützen. Schließlich erreichten sie den Fuß des Abhangs, wo der Pfad endlich eben verlief. Das Lager lag inzwischen dicht vor ihnen aber der Sandsturm und die Dunkelheit verbarg es vor ihren Blicken. „Jetzt ist es nicht mehr weit“, brummte Heinrich vor sich hin und spuckte Sand aus. Lois hatte ihn gehört und kam etwas näher heran. „Sobald ich in meinem Zelt bin, spüle ich meine Kehle mit einem guten Wein aus.“ „Gute Idee. Was dagegen wenn ich dir dabei Gesellschaft leiste?“ Lois bis die Zähne zusammen und ärgerte sich, den letzten Beutel französischen Wein, den er mühsam durch die Wüste bis hierher gebracht hatte, teilen zu müssen.

Aber er riss sich zusammen und räusperte sich. „Es wäre mir eine Ehre.“ Heinrich lachte und schlug ihm auf die Schulter. „Guter Mann. Und wenn ich wieder in Edessa bin, geht die erste Runde Wein auf mich.“
„Das will ich doch hoffen.“ Lois blieb unverhofft stehen und spähte über den Pfad vor ihnen. Dann gab er der Kolonne mit erhobener Hand das Zeichen zum Stehenbleiben.
„Was ist los?“ fragte Heinrich, der dicht neben seinem Stellvertreter stehen geblieben war. Lois nickte in die ungefähre Richtung, wo ihr Lager liegen musste. „Ich habe etwas gesehen. Unmittelbar vor uns. Einen Reiter.“ Beide Offiziere spähten angestrengt in die Sandwirbel vor ihnen, doch niemand war zu sehen oder zu hören, weder zu Fuß noch auf einem Pferd. Man sah nur die Flecken verkrüppelter Büsche, hörte das zischelnde Pfeifen des Windes und schmeckte den trockenen Sand auf den Lippen. Heinrich atmete tief durch den Schal ein und aus und versuchte seine verkrampften Muskeln zu entspannen. „Was genau hast du gesehen?“ Lois hörte die Zweifel in der Stimme seines Vorgesetzten und sah in verärgert an. „Einen Reiter, wie schon gesagt. Ungefähr fünfzig Schritte vor uns. Der Sand hatte sich einen Moment gelichtet und da habe ich ihn kurz gesehen.“ „Bist du dir sicher? Es könnte auch einer dieser wandernden Büsche gewesen sein. Oder ein Tier.“ „Wenn ich es doch sage. Ohne jeden Zweifel ein Reiter. Bei Gott, direkt vor uns.“
Heinrich runzelte die Stirn. Sie waren beide schon zu lange in diesem Land, um sich leicht täuschen zu lassen. Er wollte etwas erwidern, als beide Männer über das Rauschen des Windes hinweg ein metallisches Klirren hörten. Das Geräusch war für jeden Soldaten sofort unverkennbar: Das Kreuzen von Schwertern. Einen Augenblick später war ein gedämpfter Schrei zu hören, ein Gurgeln, dann nichts mehr, außer dem heulenden jagenden Wind. Heinrich spürte, wie ihm das Blut in den Adern gefror. Mit gesenkter Stimme befahl er Lois: „Gib den anderen Offizieren Bescheid. Die Soldaten sollen sich in dichter Formation aufstellen, die Handwerker dahinter. Aber leise.“ Lois ging zurück, um den Befehl weiterzugeben. Während die Männer sich zu beiden Seiten des Wegs auffächerten, trat Heinrich ein paar Schritte näher an das Lager heran. Eine Laune des Windes gestattete ihm kurz, einen Blick auf das Tor zu erhaschen, wo er an den mit Dornengestrüpp umrankten Balken eine Leichte entdeckte, gespickt mit Pfeilen, deren schwarz gefiederte Schäfte im Wind vibrierten. Dann zog sich wieder ein Staubschleier über seine Sicht. Heinrich erschauerte und zog sich wieder hinter seine Männer zurück. Die Soldaten hatten sich zu drei Reihen gestaffelt quer über den Pfad aufgestellt, die schweren Holzschilde erhoben und die langen Speere nach vorn gerichtet, während sie unter ihren Eisenhelmen nervös zum Lager blickten.

Lois erwartete seinen Hauptmann bereits an der rechten Flanke neben einem Armbrustschützen, neben ihnen lag der Abhang, ein Gewirr aus gesprungenen Felsen und trockenem Gestrüpp. „Hast du irgendwas gesehen?“ fragte Lois. Heinrich nickte und trat dicht neben seinen Stellvertreter. „Das Lager ist angegriffen worden“, sagte er leise. Lois pfiff durch die spröden Lippen. „Verdammt. Von wem? Den Seldschuken?“ „Von wem sonst?“ Lois spuckte Sand aus und lockerte sein Schwert in der Scheide. „Was jetzt?“ „Ich vermute, sie sind immer noch in der Nähe. Denk an den Reiter, den du gesehen hast. Wir müssen das Lager zurückerobern, sie vertreiben und das Tor dann geschlossen halten. Das ist unsere beste Wahl.“ Lois nickte und lächelte grimmig. Aus Resten von Bauholz hatten sie ein stabiles Tor gezimmert und das Lager mit einem Gewirr aus dornigem Gestrüpp umgeben, von dem es hier Unmengen gab. Man konnte es nicht überspringen und es hielt alle Raubtiere ab, da die harten Dornen dieser Sträucher fast so lang wie ein Finger werden konnten. „Unsere einzige Wahl, wolltest du wohl sagen.“ Heinrich erwiderte nichts, sondern warf sich seinen Umhang über die Schultern zurück und zog sein Schwert. Er streckte es in den Himmel und blickte die Formation entlang um sicherzugehen, dass alle sein Signal gesehen hatten. Heinrich hatte keine Ahnung, mit wie vielen Gegnern sie zu tun hatten, aber wenn sie kühn genug waren, das befestigte Lager anzugreifen, mussten sie über eine gewisse Stärke verfügen. Der Sandsturm musste die Angreifer verborgen haben. Immerhin bot er ihnen jetzt Deckung, während sie sich dem Lager nährten. Langsam senkte er das Schwert und vollführte damit einen Bogen in Richtung des Lagers. Andere Offiziere wiederholten das Signal, damit jeder trotz des Sandes und des Windes wusste, was zu tun war. Er blickte kurz auf Lois, dessen Schwert am Rand seines Schildes ruhte, und auf den Armbrustschützen, der bei diesem Wind wenig treffen würde, aber zuversichtlich seine Waffe gespannt in der Armbeuge hielt. Was blieb ihm auch anderes übrig. Heinrich hielt sein Schwert fest in der Hand, zu fest, wie er an seinen weiß hervortretenden Knöcheln bemerkte, und marschierte los. Seine Truppe folgte ihm Schritt für Schritt und marschierte über den unebenen Felsboden auf das Lager zu. Das Tempo, von den Offizieren vorgegeben, war langsam genug, um die Reihen geordnet zu halten. Auf der Suche nach einem Hinweis auf den Feind spähte Heinrich mit zusammengekniffenen Augen und zusammengepressten Lippen gespannt nach vorn. Dann entdeckte er das Tor, das sich im wirbelnden Sand abzeichnete. Der Umriss der Palisaden und Dornbüsche trat zu beiden Seiten deutlich hervor, als sie sich dem Lager immer mehr näherten. Abgesehen von der Leiche am Torpfosten war niemand zu sehen, weder tot noch lebendig. Heinrich bekreuzigte sich, als er den Toten besser erkennen konnte. Vier Pfeile steckten in seiner Brust, einer im linken Oberschenkel. Zu seiner rechten hörte er unvermittelt Hufschläge. Heinrich drehte sich genau in dem Moment um, als einer der Soldaten am Ende der Reihe mit einem panischen Aufschrei nach dem Pfeil tastete, der sich in seinen Hals gebohrt hatte. Undeutliche Gestalten näherten sich durch den Schleier des Sandsturms. Mehrere berittene Bogenschützen der Seldschuken galoppierten auf die Soldaten zu und spickten die von Schilden ungeschützten rechten Seiten der der Männer mit Pfeilen. Fünf wurden getroffen und taumelten zu Boden, ein weiterer wurde getroffen, blieb aber auf den Beinen und versuchte den Pfeil zu ignorieren, der in seinem rechten Arm steckte. Die Reiter rissen ihre Pferde herum und stürmten in vollem Galopp davon, während die überrumpelten Soldaten ihnen entsetzt nachstarrten. Beinahe unmittelbar danach ertönte ein Schrei auf der linken Flanke. Der Feind griff nun auf dieser Seite an. „Bewegung! Bewegung!“ rief Heinrich, der hörte wie sich weitere Reiter von hinten näherten. „Lauft, Männer!“ Die vormals geordneten Reihen lösten sich zu einem Durcheinander von Menschen auf, die auf das Haupttor zueilten, Heinrich mitten unter ihnen. Dann sah er, wie sich das Tor schloss und auf der Palisade und hinter den Büschen Gesichter mit spitzen Helmen auftauchten. Kurze Bogen wurden angelegt, Pfeile schwirrten durch die Luft, weitere Soldaten wurden niedergestreckt. Hilflos kam die Truppe vor dem Lager zum Stehen. Der Pfeilhagel wurde stärker. Trotz des Windes klapperten die Geschosse auf ihre Schilde und Helme oder gruben sich schmatzend in ungeschütztes Fleisch. Von allen Seiten ertönten Schreie, voller Schmerz oder Wut oder beides. Heinrich wurde klar, dass das Schicksal seiner Männer besiegelt war, wenn er nichts unternahm. „Zu mir! Versammelt euch!“ schrie Heinrich so laut er konnte über den Sturm hinweg. „Versammelt euch um mich!“ Eine Handvoll Männer befolgten den Befehl. Sie hoben die Schilde um Heinrich und reckten die Speere in die Höhe. Nach und nach schlossen sich weitere Männern an und verstärkten den Schildwall, darunter auch der Junge Soldat, der das Banner mit den Farben des Grafen Joscelin II. von Edessa trug. Selbst Lois fand sich ein und wurde von Heinrich in die richtige Gefechtsposition gestoßen. Einige Männer in der zweiten Reihe ließen ihre Speere fallen und hoben mit beiden Händen die Schilde über den Kopf, um den Pfeilhagel für ihre Kameraden abzuhalten. Als die etwa fünfzig Männer einen Kreis gebildet hatten, brüllte Heinrich einen Befehl und ließ sie sich über den Pfad zum Felsen zurückziehen. Langsam, Schritt für Schritt, wichen sie in die Dämmerung zurück, an verletzten Kameraden vorbei, die ihnen verzweifelt nachriefen. Heinrich spürte sein Herz pochen als würde es zerspringen.


2) Rückzug

Es gab nichts, was er für die Verwundeten tun konnte. Der einzige Schutz, den sie noch hatten, war das unfertige Kastell oben auf dem Felsen. Wenn sie es erreichen konnten, hatten sie eine bessere Ausgangslage für das letzte Gefecht, das unweigerlich kommen würde. Seine Truppe war dem Tode geweiht, aber bei Gott, sie würden so viele Seldschuken wie möglich mit sich nehmen. Um sie herum liefen schreiende Menschen, wiehernde Pferde, Freund oder Feind waren nicht zu unterscheiden. Sie trampelten über einen toten Handwerker, der mit eingeschlagenem Kopf auf dem Bauch lag, eine Axt noch in der rechten Hand. Ein reiterloses Pferd lief so nah an ihnen vorbei, dass Heinrich die Hitze des Körpers durch seine Rüstung zu spüren glaubte. Einige Meter weiter lag ein toter Seldschuke verdreht auf dem Rücken, mit einem ungläubigen Gesichtsausdruck, der aufgerissene Mund voller gelbem Sand, das Blut aus seinem aufgerissenem Bauch versickerte bereits im trockenen Boden. Anscheinend hatten einige Männer noch Gegenwehr geleistet. Die kleine Truppe erreichte glücklicherweise den Fuß der Anhöhe, noch bevor der Feind ihre Absicht durschaute und die Verfolgung aufnahm. Reiter preschten wild schreiend aus der Dunkelheit heran, schossen Pfeile ab, zügelten dann ihre Pferde, als sie begriffen, dass der Vorteil der Überraschung nicht mehr auf ihrer Seite war. Während sich die Gruppe Soldaten wie ein schwerfälliger Tausendfüßler den Pfad hinaufbewegte, bot sie dem Feind ein nur wenig lohnendes Ziel; eine Wand aus Schilden und Helmen schütze die kleine Schar von Überlebenden. Die Seldschuken folgten ihnen nun so dicht, wie sie es wagen konnten und schossen ihre Pfeile ab, sobald sie zwischen den Schilden auch nur die kleinste Lücke vermuteten. Als sie bemerkten, dass dies keinen Erfolg brachte, änderten sie ihre Taktik und schossen auf die ungeschützten Beine, wodurch sich Heinrichs Truppe gezwungen sah, so tief in Deckung zu gehen wie möglich. Dadurch kamen sie nur noch mühsam voran. Fünf weitere Männer wurden verwundet, ehe die kleine Truppe aus Edessa den Rand des Felsplateaus erreichte. Hier oben wehte der Wind noch immer heftig, aber mit weniger Sand und Staub und ihre Sicht wurde besser. Heinrich ließ Lois als Befehlshaber der Nachhut zurück und führte seine Gruppe durch das halbfertige Tor. Die bereits errichteten Mauern waren viel zu niedrig, um die Feinde abzuwehren. Der einzige Ort, an dem die Soldaten sich dem Feind entgegenstellen konnten, war der beinahe fertiggestellte Wachturm des Kastells, am hinteren Ende der Mauer, unmittelbar vor dem Abgrund der Klippe. „Hier entlang, folgt mir!“ rief Heinrich mit rissiger Stimme und hastete durch das Labyrinth aus behauenen Felsen, Werkzeugen und gezogenen Linien aus kleinen Steinen, die die Grundrisse der späteren Gebäude darstellen sollten. Vor ihnen ragte der dunkle Wachturm vor dem Nachthimmel auf. Sterne funkelten prächtig am schwarzen Himmel und ließen den Euphrat darunter wie geschmolzenes Silber glänzen. Doch dafür hatte Heinrich jetzt keinen Blick. Er erreichte das Holzgerüst, das den Turm am Fuß noch umspannte und winkte seine Männer hinein. Zwanzig waren es noch und sie konnten sich glücklich schätzen, wenn sie den Sonnenaufgang noch erleben würden. Heinrich schlüpfte als letzter durch den Torbogen und befahl seinen Männern, die Aussichtsplattform und die Schießscharten im ersten Stock zu besetzten. Er selbst behielt vier Soldaten bei sich, um den Eingang zu bewachen. Dann warteten sie auf Lois und die Nachhut. Es dauerte nicht sehr lange, dann rannten mehrere undeutliche Gestalten durch das unfertige Torhaus und stürmten auf den Wachturm zu. Gleich darauf tauchte eine Horde Seldschuken auf, jagte mit Triumphgeschrei hinter ihnen her. Heinrich legte beide Hände an den Mund. „Sie sind direkt hinter euch, lauft!“ rief er und winkte dann hektisch. Die erschöpften Männer der Nachhut, die schwer an ihren Rüstungen zu tragen hatten und ermüdet waren von einem langen Arbeitstag, stolperten durch das unfertige Kastell. Einer der Männer stürzte und hielt sich das Bein, aber keiner seiner Kameraden ging zurück und half ihm. Jeder wollte nur noch überleben. Gleich darauf liefen einige Seldschuken über den Gestürzten hinweg und schlugen mit ihren eigentümlichen krummen Klingen auf ihn ein. Allerdings erkaufte sein Tod seinen Kameraden die Zeit, die sie benötigten, um den Wachturm zu erreichen. Sie drängten sich hinein, senkten die Schilde, warfen die Helme weg und schnappten keuchend nach Luft. Es stank nach Schweiß, Kotze und Urin. Lois kam hinterher gestolpert, orientierte sich kurz und kam auf Heinrich zu. Er befeuchtete sich die rissigen Lippen und erstattete heftig keuchend Bericht. „Drei Mann habe ich verloren. Den letzten grade eben.“ „Das habe ich gesehen.“ „Was jetzt?“ „Wir kämpfen, solange es uns möglich ist.“ „Und dann?“ Heinrich grinste schräg. „Dann? Dann sterben wir. Aber vorher schicken wir noch mindestens vierzig von diesen Heiden in den Tod. Jeder von uns wird genug Ziele zum Töten finden, sie aber haben viel weniger.“ „Toll, ein echter Nachteil für die.“ Heinrich zuckte mit den Schultern und schnaubte. Dann zwang er sich zu einem optimistischen Grinsen, weil sein Männer alles mit anhörten. „Da kommen die Schweine.“ rief jemand vom Eingang. Lois hob seinen verschrammten Schild auf und Heinrich griff sich den Schild eines der Verletzten. „Wir halten sie auf. Formiert euch!“ Lois stellte sich neben ihn. Die vier Männer hinter ihnen hoben die Speere, um über die Köpfe ihrer Offiziere hinweg auf ihre Feinde einstechen zu können. Vor dem Turm stürmten die Seldschuken in einer dunklen Masse über den geröllübersähten Boden und warfen sich mit gebleckten Zähnen gegen die großen Holzschilde, die die Tür blockierten. Heinrich hatte nur einen Herzschlag Zeit, sich zu wappnen, als der Gegner das Holz gegen ihn presste. Er grub seine eisenbeschlagenen Stiefelsohlen in den Felsboden und hielt mit aller Kraft dagegen. Die scharfe Speerspitze eines Soldaten jagte über seine Schulter hinweg in ein dunkles Gesicht vor ihm und ein Schmerzensschrei ertönte. Als der Speer zurückgerissen wurde, spritze ein warmer Sprühregen von Blut über seine Augen und ein Gegner hielt sich kreischend das Gesicht, fiel dann nach hinten und außer Sicht.

Er blinzelte, während ein Schwert auf den beschlagenen Rand seines Schildes krachte und eine Kerbe in Eisen und in der Klinge hinterließ. Der Handwerker dieses Schildes hat seine Arbeit gut gemacht, schoss es Heinrich durch den Kopf. An seiner Seite drängte sich Lois und hackte grimmig mit seinem Schwert auf jede Stelle ungeschützten Fleisches ein, die er zwischen Schild und Türstock erreichen konnte. Solange die beiden Männer die Stellung hielten und durch die Männer dahinter mit ihren Speeren unterstützt wurden, konnten die Seldschuken nicht durch den Eingang dringen. Einen Augenblick lang erfasste Heinrich neuen Mut, den zum ersten Mal schien sich das Glück zu ihren Gunsten zu wenden. Von oben warfen die Männer Steinbrocken auf die Feinde und aus den Schießscharten fielen ebenfalls Geschosse auf die leichten Helme der Angreifer. Aus einer Schießscharte flog ein einzelner Bolzen und bohrte sich neben einen Seldschukenkrieger in den Boden. Ihr einziger verbliebener Armbrustschütze lud bereits rasselnd seine Waffe nach. Zu spät bemerkte Heinrich die Bewegung am Boden, als einer der Angreifer sich vor den Eingang kauerte und mit seinem Schwert nach den Beinen der Verteidiger stach. Die Schneide schnitt durch Leder, Fleisch und Sehnen und der beißende Schmerz durchzuckte kalt seinen Fuß, als wäre er in seiner Heimat durch die Eisdecke eines gefrorenen Sees getreten. Vor Schmerz und Wut schrie er auf und taumelte zurück. Lois blickte rasch zur Seite, hieb auf die Finger eines Gegners und sah seinen Kommandanten neben dem Eingang zusammenbrechen. „Der Nächste zu mir! Hierhin“ rief er. Tief geduckt, um seine Beine zu schützen, lief ein Soldat nach vorne an Lois Seite, während seine Kameraden mit groben Speerstichen versuchten, die Feinde vom Eingang zu vertreiben. Da ertönte ein Warnschrei in der Dunkelheit, und ein schwerer behauener Baustein aus der Brüstung des Turmes stürzte krachend vor dem Tor auf den Boden. Heinrich, der sich krümmte, um durch das Gewimmel am Tor zu spähen, sah wie der Brocken auf die Seldschuken niederfiel und einem Mann den Schädel einschlug. Weitere schwere Steine krachten von oben auf ihre Feinde nieder und töteten oder verstümmelten einige von ihnen, bevor sie sich in sicherer Entfernung zurückziehen konnten. Von oben zischte ein Bolzen heran und erwischte einen er fliehenden am Bein, schreiend fiel er der Länge nach hin und ließ dabei sein Krummschwert fallen. Ein weiterer Stein von der Turmspitze traf ihn im Rücken, er zappelte eine Weile und blieb dann still liegen. „Wunderbar, bei Gott. Jetzt spüren die Bastarde mal am eigenen Leibe wie es ist, getroffen zu werden und sich nicht wehren zu können, “ knurrte Lois und wischte sich mit seinem Ärmel über das verschwitzte Gesicht. Als der Feind außer Wurfweite war, ließ der Steinhagel nach. Der Kampflärm wich augenblicklich dem Triumphgeschrei der Soldaten im Wachturm und dem Stöhnen der verwundeten und sterbenden vor dem Eingang. Lois warf einen letzten Blick nach draußen, dann winkte er einen Mann zu sich, um seinen Platz einzunehmen. Er lehnte den ramponierten Schild gegen die Wand und kniete sich hin, um Heinrichs Wunde im matten Licht des durch den Eingang leuchtenden Mondes und der Sterne zu begutachten. Er tastete die Wunde mit den Händen ab uns spürte Knochensplitter im Fleisch. Heinrich, der mit Tränen in den Augenwinkeln dagegen ankämpfte, laut aufzuschreien, holte tief Luft und biss knirschend die Zähne zusammen. Lois sah mit seinem verschwitzen Gesicht zu ihm auf. „Ich muss dir leider sagen, dass deine Tage als Soldat gezählt sind.“ „Sehr lustig“, zischte Heinrich und verkniff sich einen Fluch. „Ich werde die Blutung stoppen, gib mir bitte deinen Schal.“ Heinrich riss sich den Schal vom Hals und reichte ihn Lois. „Das wird jetzt wehtun. Bist du bereit?“ „Mach einfach.“

Der Franzose wickelte den Schal aus dünner Wolle um die Wunde und band ihm über dem Knöchel fest zusammen. Der schneidende Schmerz war schlimmer, als Heinrich befürchtet hatte und trotz der kalten Nacht schwitzte er heftig. „Ihr müsst mich aufrecht gegen die Treppe nach oben lehnen, wenn es soweit ist. Im liegen kann ich nicht kämpfen.“ Lois nickte und blickte ihn ernst an. „Ich sorge dafür.“ Beide Männer dachten kurz schweigend über die letzten Worte nach, jetzt, wo sie das Unvermeidliche akzeptiert hatten, spürte Heinrich, wie sich die Sorge um das Wohlergehen seiner Männer legte. Trotz der Schmerzen, die seine Wunde ihm bereitete, war er nun von einem Gefühl schicksalsergebener Gelassenheit erfüllt und fest entschlossen, im Kampf zu sterben. Lois spähte durch die Tür und sah ihre Feinde in Gruppen um den Turm herum stehen, außer Reichweite der Wurfgeschosse von der Turmspitze. „Was haben sie nun vor?“ überlegte er laut. „Wollen sie uns aushungern?“ Heinrich schüttelte den Kopf. Dafür kannte er die Natur seiner Feinde zu gut. Er hatte lange genug hier im Osten gedient. „Darauf werden sie nicht warten. Das bringt keine Ehre. Und so viel Geduld haben sie auch nicht.“ „Was dann?“ „Das werden wir schon bald genug erfahren. Je länger sie warten, desto besser für uns.“ Eine Weile trat Stille ein, dann wandte sich Lois vom Eingang ab. „Was meinst du, womit haben wir es zu tun? Ein Überfall oder der Beginn eines neuen Krieges?“ „Spielt das eine Rolle?“ „Ich würde gerne wissen warum ich sterbe.“ Heinrich setzte sich etwas bequemer hin und kräuselte nachdenklich die Lippen. „Es könnte ein einfacher Überfall sein. Vielleicht betrachten sie den Bau dieses Kastells als eine Provokation. Obwohl es nicht auf ihrem Land liegt. Oder sie beabsichtigen einer Armee den Weg über den Euphrat zu bahnen, um die Kontrolle über Edessa zu erlangen.“ Seine Gedanken wurden von einem Ruf von draußen unterbrochen. „Christen. Hört mich an, “ rief eine Stimme auf Griechisch. „Der große Emir Zangi, Herrscher von Mossul, fordert euch auf die Waffen niederzulegen.“ „So ein Blödsinn!“ schnaubte Lois laut und spuckte auf den Boden. Der Mann in der Dunkelheit ging nicht auf den Ausruf ein und fuhr mit gleichmütiger Stimme fort. „Mein Kommandant fordert euch auf, euch zu ergeben. Wenn ihr die Waffen niederlegt, werden wir euch verschonen. Darauf gibt er sein Ehrenwort.“ „Verschonen?“ wiederholte Heinrich leise, bevor er auf Griechisch seine Antwort rief. „Ihr verschont uns und gestattet uns, nach Edessa zurückzukehren?“ Es folgte eine kurze Pause, bevor die Stimme wieder antwortete. „Ihr bleibt am Leben, wir werden euch aber trotzdem gefangen nehmen.“ „Sklaven werden wir sein“, zischte Lois und spuckte wieder auf den Boden. „Die Eier werden sie uns abschneiden und wer das überlebt wird als Sklave verkauft. Bevor ich ehrlos lebe, sterbe ich lieber.“ Er wandte sich an Heinrich. „Was sollen wir also tun?“ „Sag ihm, er soll zur Hölle fahren.“ Lois nickte schmallippig und wandte sich dem Eingang zu. „Wenn ihr unsere Waffen so gerne wollt, dann holt sie euch!“ rief er in die Dunkelheit. „Nicht grade originell, aber trotzdem gut gesagt“, lachte Heinrich bitter. Die beiden Männer grinsten sich an und die anderen im Raum lächelten nervös. „Nun gut. Dann wird dieser Ort euer Grab sein, “ rief die Stimme wieder. „Oder besser euer Scheiterhaufen.“ Dann waren Schritte zu hören und die Gruppen der Feinde um den Turm lösten sich auf. „Was machen die jetzt?“ fragte Lois und spähte neugierig um den Türpfosten. In der Ferne war ein brandroter Schein zu sehen, der sich rasch näherte, so als ob ein Reiter mit einer großen Fackel angaloppiert kam. „Ich denke, sie wollen den Turm niederbrennen. Gott sei uns gnädig.“ Heinrich bekreuzigte sich und einige der Männer taten es ihm nach. Er wusste dass sie kein Wasser zum Löschen hatten und schüttelte bedauernd den Kopf. „Gegen Feuer sind wir machtlos. Lois, ruf die Wachen vom Turm herunter.“ Als die letzten Überlebenden sich kurz darauf in dem kleinen Wachraum drängten, stützte sich Heinrich mit Lois Hilfe an der Wand ab und richtete sich auf. Er sah seinen Männern ernst in die Augen. „Es ist vorbei. Entweder wir bleiben hier und verbrennen bei lebendigem Leib, oder wir gehen jetzt da raus und nehmen so viele dieser Bastarde mit in die Hölle wie es geht. Mehr können wir nicht tun. Wir haben sie sicher schon länger aufgehalten als sie geplant hatten und werden ihnen nun Verluste beibringen, mit denen sie nie gerechnet haben. Wenn ich euch den Befehl gebe, folgt ihr Leutnant Lois hier aus dem Turm. Rennt sie über den Haufen, bleibt immer dicht beieinander und metzelt sie nieder. Verstanden?“ Ein paar der Männer nickten, andere brachten bestätigende Worte hervor. Der Armbrustschütze fluchte auf Griechisch und hielt seine letzten beiden Bolzen in der Hand, während der junge Soldat mit dem Banner des Grafen von Edessa nur blass und zitternd vor sich hin starrte.

Lois räusperte sich und alle Augen ruhten nun auf ihm. „Und was ist mit euch, Herr Hauptman? Ihr könnt nicht mit uns kommen.“ „Ich weiß.“ Heinrich deutete auf seinen blutigen Fuß. „Ich bleibe hier und kümmere mich um das Banner unseres Herrn Joscelin. Wir dürfen nicht zulassen, dass es dem Feind in die Hände fällt.“ Er hielt dem jungen Soldaten die Hand hin. „Hier, gib sie mir.“ Der Soldat zögerte einen Moment, dann trat er vor und reichte seinem Kommandanten die Flagge. „Ich habe gut auf sie aufgepasst, Herr Hauptmann.“ Er sprach mit normannischem Akzent und Heinrich bedauerte, dass er nicht mal seinen Namen kannte. „Ich werde ebenso darauf achtgeben.“ Heinrich packte die Flagge fest und stützte sich darauf, um sein Bein zu entlasten. Um sie herum war unheimliche Stille eingetreten, nicht einmal der Wind rauschte noch um die Mauern, selbst die allgegenwärtigen Zikaden hatten ihr Zirpen eingestellt. Ein brandrotes Licht erleuchtete die Erde rings um den Wachturm. Heinrich humpelte zu der schmalen Holztreppe in der Ecke. „Wenn ich auf dem Dach bin, gebe ich den Befehl zum Angriff. Sorgt dafür, dass jeder Speerstoß sitzt und jeder Schwerthieb trifft, Männer.“ „So soll es sein“, erwiderte Lois und einige der Männer riefen ebenfalls „So soll es sein“ um sich Mut zu machen. Heinrich nickte, umfasste kurz den Arm seines Stellvertreters und stieg dann mit zusammengebissenen Zähnen die Holztreppe zum Dach hinauf. Licht schien warm durch die Schießscharten und erhellte die Holzdielen. Als er schnaufend oben angekommen war, sah er dutzende von Seldschuken, die mit Fackeln in der Hand um den Turm herum standen. Kurz fragte er sich, warum sie nicht endlich die Fackeln warfen oder mit Brandpfeilen auf sie schossen. Dann schwenkte er die Fahne und holte tief Luft. „Leutnant Lois von Toulon. Jetzt! Zum Angriff!“ Unten im Turm ertönte ein Chor von Kriegsschreien. Heinrich sah, wie die Seldschuken nach oben starrten und ihre Bögen gesenkt hielten. Verwirrt runzelte er die Stirn, dann humpelte er an die halbfertige Brüstung und sah, wie sich die kleine dicht gedrängte Truppe seiner Männer aus dem Turm ergoss und auf die Feinde zustürmte. Da schienen die Seldschukenkrieger plötzlich wie aus einem Traum erwacht und rannten in alle Richtungen davon. Verblüfft sah Heinrich, wie die Feinde liefen und Lois, der ganz vorne seine Männer anführte, erwischte sogar einen langsamen Gegner mit einem Schwerthieb im Rücken. Röchelnd fiel der Mann nach vorne und die Gruppe um Lois blieb verwirrt stehen, da keine weiteren Feinde mehr zu sehen waren. Eine kalte Windböe erfasste Heinrich und ließ sein Banner knatternd im Wind flattern. Dann eine weitere Böe, die ihn fast umwarf. Ein Schatten verdeckte einen Bereich des Himmels, alle Sterne schienen verschluckt. Fassungslos starrte Heinrich auf diese Dunkelheit, die sich rasch ausbreitete und weitere Windböen aussandte. „Nein, das kann nicht sein“, murmelte er und fasste an den kleinen vergoldeten Kreuzanhänger, den er stets um den Hals trug und einst in Tripolis gekauft hatte. Die Männer unten vor dem Turm schlossen sich wieder zu seinem Schildwall zusammen, mit Lois in der Mitte, der aber mit gesenktem Schwert dastand, als wäre alle Kraft aus seinen Gliedern gewichen. Heinrich konnte von seinen Lippen ablesen, „Nein“, sagte Lois, und „Nein“ kam auch aus seinem Mund. Die Schwärze am Himmel wurde nun von einem orangroten Feuerschein durchbrochen, wie ein glühendes Auge, das vom Himmel herab starrt. Das Glühen pulsierte und wurde heller, wie in einem Schmelzofen und Heinrich, der so etwas ähnliches schon einmal gesehen hatte, zuckte davor zurück. „Das kann nicht sein. Die können das nicht tun, “ flüsterte er und humpelte mit dem Banner von der Brüstung weg. Dann gewann der Schatten am Himmel Kontur, wie ein großes mächtiges Kreuz, senkte sich herab und ein Fauchen erklang, so gewaltig wie tausend gleichzeitig angefachte Schmiedeöfen. Ein Feuerstrahl durchbrach wie ein Blitz den Himmel glitt über den Fuß des Turms. Goldene Flammen und glühende heiße Luft waberten um das Bauwerk und Heinrich blieb fast der Atem stehen. Er blinzelte und roch verbanntes Fleisch, verbrannte Haare. Er starrte nach unten, auf den Platz vor den Turm. Seine Männer glichen verkohlten Ästen. Alles brannte, einige geschwärzte Gestalten lagen in einem Kreis und rauchten. Einer der Männer lebte wohl noch und hob zuckend einen glühenden Schild. Dann fiel der Arm kraftlos herunter und bewegte sich nicht mehr. In der Mitte, kaum zu erkennen, musste Lois liegen, verkohlt wie der Holzscheit eines alten Lagerfeuers. Heinrich beobachtete es mit bitterer Enttäuschung. Der Angriff, ihr letzter Angriff, war nutzlos gewesen. Schwer auf die Stange des Banners gestützt, humpelte er zur anderen Seite der Plattform und blickte die Klippe zum Euphrat hinunter. Weit unten hatte sich der Nebel verzogen, sodass sich milchiges Mondlicht unregelmäßig im Wasser brach, das dort um die Felsen floss. Heinrich legte den Kopf zurück, blickte in die gleichgültigen Tiefen des Himmels und sog tief die Nachtluft ein. Auf der anderen Seite des Turms krachte es plötzlich und ein Stein der Brüstung fiel herab. Heinrich blickte sich um und begriff, dass ihm nur noch wenig Zeit blieb, wenn er dafür sorgen wollte, dass das Banner seines Herrn nicht in feindliche Hände fiel. Er starrte es kurz an und bemerkte, dass eine Ecke leicht versengt war. Trotzdem würden sie es nicht bekommen. Durch die wabernden Schleier von Flammen und Rauch sah er, dass die Seldschuken zurückkehrten. Ein dumpfer Knall, wie von einem Aufprall eines Katapultgeschosses, ertönte. Etwas großes Schwarzes befand sich auf dem Platz vor dem Turm und die Seldschuken bildeten respektvoll einen Kreis darum. Das dunkle Wesen erhob seinen langen schwarzen Hals in den Himmel und ließ einen schrecklichen misstönenden Schrei heraus. Heinrichs Herzschlag beschleunigte sich und eine natürliche Angst beschlich ihn. „Feuerdrachen. Sie fliegen nicht. Sie konnten noch nie fliegen.“ Er schüttelte sich und spürte eine Träne seine Wange hinab laufen. Bald schon würde Feuer und Zerstörung über die Wüste hinwegstürmen und die Reiche im Heiligen Land bedrohen. Er konnte niemanden mehr davor warnen. Heinrich umklammerte den Schaft des Banners fest mit beiden Händen und humpelte an den Rand der Plattform. Nach einem letzten tiefen Atemzug biss er die Zähne zusammen und stürzte sich in die Tiefe der Schlucht.


3) 1143 Regensburg, 1 Jahr zuvor

„Hau ab, verdammt noch eins“, schallte es laut aus der Kammer. Überrascht blieb Leopold im Türsturz stehen und sah sich blinzelnd in dem nur mäßig beleuchteten Raum um. Agnes stand vor einem Wandregal voller dicker Folianten und wedelte aufgeregt mit den Händen in der Luft herum. Sie drehte ihm den Rücke zu und hatte sein Eintreten noch nicht bemerkt. „Fluchen geziemt sich nicht für eine Dame“, bemerkte er in süffisanten Ton und grinste sie breit an, als sie herumfuhr und ihn ärgerlich anfunkelte. Ihre langen Zöpfe schwangen wie Seile herum während sich ihre dunklen braunen Augen verengten. Sie presste die ohnehin schmalen Lippen zusammen und drohte ihm mit einem Finger. „Du hast mir grade auch noch gefehlt. Außerdem bin ich keine Dame.“ „Ich weiß, für den Hof bist du eher ein Skandal. Was treibst du hier?“ In diesem Moment raschelte es hinter ihr und sie fuhr herum. Ein dunkelgrünes etwas, ähnlich einer großen Fledermaus, kletterte ungeschickt das Regal hinauf. Ein langer geschuppter Hals bog sich nach hinten und ein winziges Echsengesicht mit gelben Augen wand sich ihnen zu. Das Wesen öffnete das kleine Maul und krächzte, was sich wie ein halskranker Rabe anhörte. Dabei löste sich ein Tropfen Speichel und fiel auf den Dielenboden. Es rauchte und zischte sofort. „Ist das der junge Säurespucker, der deinen Vater verletzt hat?“ fragte Leopold fasziniert und musterte das kleine Tier, das sich nun daran machte, sich mit zwei krallenbewehrten Pfoten zur nächsten Regalebene vorzutasten. Agnes knurrte und wedelte vor dem kleinen Drachen mit den Händen. „Ja, das ist er. Kusch, lass endlich los, du versengst noch alle Bücher.“ Sie versuchte das Tier am Nacken zu packen, aber es wich ärgerlich zischend aus und hangelte sich an einem Buchrücken weiter nach oben. „Das sollte einem herzoglichen Draco Alchemysten eigentlich nicht passieren.“ „Hör auf zu reden sondern hilf mir lieber.“ Leopold seufzte und duckte sich unter dem Türsturz hindurch in den Raum, der als Studierzimmer diente. „Was soll ich machen, ihn mit einem Kerzenständer da herunter schlagen?“ Er deutete auf einen großen Ständer aus Eisen, dann auf den kleinen Drachen, der widerspenstig über das Regal kletterte und ärgerlich fauchte. „Untersteh dich Leo. Diese Drachen sind lästig, aber wertvoll. Leider sieht mein Vater nicht mehr so gut wie du weißt und hat das Ei mit dem eines harmlosen Saphirdrachen verwechselt, denn beide sind grün. Jetzt ist dieses kleine Biest im falschen Gehege geschlüpft und entkommen.“ Er näherte sich vorsichtig dem Regal, vor dem Agnes hin und her tänzelte und auf die Bretter klopfte, um das Tier von den besonders wertvollen Folianten abzuhalten.

„Husch,“ rief sie, was den Drachen nicht weiter kümmerte. Leopold nahm sein rotes Barret ab und hielt es unauffällig hinter dem Rücken bereit.  Er pirschte sich näher an das Regal heran und warf schwungvoll seine Kopfbedeckung. Der junge Drache kreischte, ließ los und fiel mit dem Barret zusammen auf den Boden. „Na also,“ rief Leo triumphierend und wollte nach dem Stoff greifen, unter dem das Tier begraben lag. Doch eine kleine Rauchwolke quoll hervor und ein Loch entstand in der Oberseite. „Pass doch auf, er hat schon viel Säure,“ rief Agnes, stieß ihn grob beiseite und stülpte einen großen Glaszylinder über das Wesen. Sie setzte einen Pfopfen auf das Glas und hielt den Zylinder weit von sich weg. Am oberen Ende waren Luftlöcher eingelassen und im inneren flatterte aufgregt der kleine Drache herum, wie eine Spatz in einem Vogelkäfig. Agnes pustete sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und sah Leopold empört an. „Einen Säurespucker mit einer Mütze fangen. Also wirklich, Leo.“ „Ich hatte nichts anderes. Und es hat ja geklappt.“ „Ich bringe ihn besser zu meinem Vater, das Glas hält die Säure eine Weile aus“. Die junge Frau stürmte durch die Tür und Leopold folgte ihr nach kurzem zögern.

Obwohl er größer war und längere Beine hatte, fiel es ihm schwer, mit ihr Schritt zu halten. Sie wollte so schnell wie möglich zu den Drachengehegen, bevor dieser Vorfall bekannt wurde. Im herzoglichen Palast sprachen sich schlechte Dinge am schnellsten herum. Ihr Vater, der oberste Draco-Alchemyst des Herzogs von Bayern und Markgrafen von Österreich, hatte eine hohe Position inne. Nur leider war sein Ruf weniger angesehen, als es sein sollte. Sie kamen an einer offenen Galerie vorbei, die durch ihre Rundbogenfenster einen Blick auf den Hof ermöglichte. Agnes verlangsamte ihren Schritt und sah hinaus. „Wozu ist das dort?“ Sie zeigte auf ein riesiges Gespann, das von einem gutmütigen, kräftigen Steindrachen gezogen wurde. Auf der Ladefläche stapelten sich Ballen, Säcke und Fässer. Leopold blickt ebenfalls hinaus. „Das ist für die Gesandtschaft, die zu den Magyaren reist. Sie ist lange unterwegs und braucht natürlich etwas zu essen.“
Drei Fuhrleute standen auf dem Fuhrwerk und stritten sich über irgendetwas, während der Drachenführer ruhig in seinem Nackensattel saß und den Kopf des Tieres tätschelte, das nur ruhig da stand und ein wenig mit seinem stumpfen kurzen Schwanz wackelte. Agnes verzog missbilligen ihr Gesicht. „Das ist aber keiner aus unserer Zucht. Diese sandfarbenen Schuppen. So was mag man in Frankreich. Auch wurden die beiden Stirnhörner abgesägt und mit Kupferhülsen verschlossen. So etwas macht man bei uns nicht.“ Leo warf einen Blick auf das Tier. So groß wie sechs Pferde hintereinander, war es kräftig, aber nicht sonderlich schnell. Steindrachen waren friedlich und genügsam, daher sehr beliebt, vor allem zum ziehen von schweren Lasten.
Sie waren Landdrachen, liefen auf allen Vieren und hatten keine Flügel. Ein kleiner, gedrungener Kopf, keine Stacheln und lediglich zwei Hörner, die auf der Stirn wuchsen, ließen ihn nur wenig bedrohlich aussehnen. Seine Haut war mit großen, dicken Schuppen bedeckt, die sehr widerstandsfähig war, daher kam auch der Name. Eine Haut wie aus Stein. „Vielleicht sind die Französischen billiger? Er ist jedenfalls nicht größer als unsere, also mehr Last ziehen kann er nicht.“ Agnes schnaubte. „Billiger. Selbst der Kaiser ist neidisch auf unsere Züchtungen. Und denen geht es nur um Geld.“ „Nun ja, für manche ist so was wichtig, doch…“ Als Leopold sich zu Agnes umwandte, lief wie bereits wieder weiter. „Diese Frau macht mich noch mal wahnsinnig“, murmelte er und folgte ihr.

Ein Lakai öffnete ihnen eine Tür, als er sie kommen sah – sie stürmten hindurch und liefen über einen gepflasterten Platz zu den Stallungen, die sie aber links liegen ließen. Ein Gittertor trennte sie vom Bereich der Drachenställe ab, da viele Pferde Angst in der Nähe von Drachen bekamen, solange man sie nicht langsam aneinander gewöhnte. Ein Soldat in Kettenhemd und dem Wappen des Herzogs auf der Tunika öffnete ihnen das Tor und nickt respektvoll. Leopold nickte zurück, schließlich wusste er, was sich gehörte, im Gegensatz zu Agnes, die niemanden links oder rechts beachtete, wenn sie einmal wütend war. Außerdem war er der jüngste Sohn des Herzogs und hatte Manieren zu zeigen. Sie erreichten die ersten Drachengehege, gedrungene Steinbauten mit vergitterten Fenstern. Hier lebten nur die kleinsten und jüngsten Tiere, ausgewachsene Exemplare waren auf Wiesen im freien oder großen Käfigen untergebracht. Aus verschiedenen Räumen erklangen laute wie zischen, schnauben, krächzen, miauen und pfeifen. Es stank bestialisch nach faulen Eiern und ätzenden Chemikalien. Ludger, ein Gehilfe, stand mit einer eisernen Handkarre vor einem Gehege und sah sie missmutig an. „Ludger, hast du meinen Vater gesehen?“ Der Angesprochene ließ den Wagen stehen und rückte seine schwere Lederschürze zurecht. Dicke Lederhandschuhe schützen seine Hände. Der Karren war voll mit Unrat, der leicht rauchte und stellenweise seltsam zu glühen schien. Leopold vermutete, dass es sich Drachenmist handelte. „Er ist im Skriptorium, Frau Agnes.“ Er legte den Kopf schief und schaute auf das Glas in ihrer Hand. „Ist das nicht der kleine Säurespucker, der…“ Agnes unterbracht ihn unhöflich. „Ja das ist er, ich bringe ihn zu meinem Vater. Vielen Dank.“ Sie hob das Kinn uns stapfte auf das kleine Gebäude am Ende der Stallungen zu, das einzige, das nicht aus Stein, sondern aus Fachwerk war. Ludger sah ihnen nach und schüttelte den Kopf. Die Kleine mochte ja die Tochter des Hofalchemysten sein, aber irgendwann würde sie wegen ihrer Hochnäsigkeit Ärger bekommen, schätze er. Warum dieser Leopold ihr immer hinterher lief, war ihm auch ein Rätsel. Als Sohn eines Herzogs sollte er mit Prinzessinnen reden oder zur Jagd ausreiten und nicht in stinkenden Ställen herumlaufen. Dabei fiel ihm seine Aufgabe wieder ein und er seufzte. Er hatte noch ein dutzend Boxen auszumisten, was nicht immer ungefährlich war. Zum Glück hatte er eine neue Schürze bekommen, nachdem die alte von einem Feuerspeier weggebrannt worden war – seine Augenbrauen waren inzwischen auch wieder nachgewachsen. Immerhin wurde er weit besser bezahlt als die Pferdeknechte, also machte er sich wieder ans Werk.


4) Drachenhüter

Leopold öffnete die schwere, eisenbeschlagene Eichentür und ließ Agnes den Vortritt. Nicht nur aus Höflichkeit – sie hätte ihn sonst aus Ungeduld einfach umgerannt. Er betrat hinter ihr den Raum und musste erst einmal blinzeln. Öllampen und Leuchter mit teuren Wachskerzen umringten einen großen Holztisch in der Mitte des Raumes. In die Tischbeine waren kunstvoll sich windende Drachen geschnitzt, die Seiten waren mit Runen bemalt und Intarsien aus Gold – die alchemystische Symbole darstellten – zierten die Tischplatte. Der Raum war voller Russ und Rauch der Lampen, es war heiß und stickig, trotzdem trug der Mann, der gebeugt über dem Tisch stand, einen dicken schwarzen Wollmantel. Er schrak zusammen, als Agnes hineinstürmte und ließ seinen geschliffenen, runden Kristall fallen, den er sich eben noch vor ein Auge gehalten hatte. „Agnes, du hast mich erschreckt“, rief Anselm, ihr Vater, und schlug den alten Folianten zu, in dem er bis eben gelesen hatte. Leopold hielt den Kopf schief und konnte auf dem ledernen Einband Zosimos von Panopolis entziffern. „Liest du wieder diesen alten Zosimos?“ fragte Agnes und runzelte missbilligend die Stirn. Ihr Vater strich sich über seinen weißen Bart und griff nach dem Kristall. „Zosimos und sein Chemeutika ist Standartwerk für unseren Berufsstand. Außerdem habe ich ein Problem…“ „Ich habe auch ein Problem, Vater.“ Agnes hielt das Glas mit dem kleinen Drachen hoch, der protestierend flatterte. Anselm blinzelte und versuchte das Tier zu erkennen. Am liebsten hätte er zum Kristall gegriffen und ihn sich vor ein Auge gehalten, aber er wollte sich vor Leopold keine Blöße geben. Das seine Augen nachgelassen hatten, war für ihn eine Schwäche, über die er nicht gerne redete, sie meist sogar ignorierte. „Ist das nicht ein grüner langschwänziger Säurespucker?“ „Ja, Vater, es ist sogar DER Säurespucker, der im Gehege der Saphirdrachen lag und sich seinen Weg hinaus geätzt hatte. Schau auf deine Hand.“ Ärgerlich wies sie auf seine Linke Hand, die von einem Verband umwickelt war. „Ach das, nur ein Kratzer. So scharf ist seine Säure noch nicht. Ich weiss auch nicht, wie sein Ei in das falsche Gehege kam. Aber diese Eier sehen sich auch sehr ähnlich aus.“ Agnes rollte mit den Augen und stellte das Glas auf den Tisch. „Vater, wir hatten doch darüber gesprochen, wenn du nicht mehr richtig sehen kannst, lass Ludger doch die Eier der Gelege kontrollieren.“ Wütend schlug Anselm auf das Buch, leider mit der linken, was er sogleich bereute. Schmerzhaft verzog er das Gesicht und schüttelte die Hand. „Ich bin seid zehn Jahren der oberste Alchemyst des Herzogs, seit vierzig Jahren studiere ich die verbreiteten Draco-Formen in allen Ausprägungen, ich weiß genau, wie sich ein Ei vom anderen unterscheidet, selbst mit verbundenen Augen.“ „Aber Vater…“ „Bringe den Drachen in sein richtiges Gehege, wir haben wichtigeres zu besprechen.“ Leopold, dem diese Unterhaltung unangenehm wurde, wollte sich verabschieden und hob seine Mütze zum Gruß. Da bemerkte er, dass sie ja ein Brandloch hatte, und steckte sie schnell in seinen Gürtel. „Ach, Leopold, mein Junge, gut dass ich dich sehe. Bleib doch hier, wir haben etwas zu besprechen. Auch mit dir Agnes, mein Kind.“ Leo mochte den alten Mann, der mit seinen schulterlangen weißen Haaren und dem Kinnbart wie ein typischer Gelehrter aussah. Er war zwar schon etwas gebeugt und manchmal etwas abwesend, aber immer noch einer der schlauesten Männer, die er kannte. Agnes hasste es, wenn er sie Kind nannte, immerhin war sie schon zwanzig, und seit dem Tod ihrer Mutter vor zehn Jahren kümmerte sie sich um ihren Haushalt. Ihr Vater konnte glatt seine Beinkleider vergessen, wenn er morgens zur Tür hinausging, oder tagelang nichts essen, wenn er über ein Problem nachdachte. Dazu kam es in letzter Zeit immer mehr zu diesen kleinen Ärgernissen, wie vertauschten Eiern, falsch geführte Bücher oder beim Verkauf an die kaiserlichen Draco-Händler, die einen Steindrachen bestellt und einen ungezähmten Wespendrachen bekommen hatten. Diese kleinen schnellen Kurierdrachen waren hervorragende Flieger, und dieser war sofort aus seiner Transportkiste davon geflogen, als man sie geöffnet hatte. Fünfzig Reichstaler hatten sich somit buchstäblich in Luft aufgelöst.

„Was ist denn so wichtig, Vater? Dieses Glas wird nicht ewig halten und ich muss noch die Fütterung der Seeschlangen überwachen.“ „Es gibt mehr als nur Arbeit auf der Welt, mein Kind. Ach, Leopold, dein Vater schickt nach dir.“ „Mein Vater? Wieso? Er hat heute Audienz und gar keine Zeit?“ Anselm schüttelte den Kopf und spielte mit dem runden Kristall in seiner Hand. „Es geht um die Gesandtschaft zu den Magyaren.“ „Was haben wir damit zu schaffen?“ fragte Agnes und rümpfte ihre etwas zu lange Nase. Leopold fand, dass sie eine sehr schöne Nase hatte. In letzter Zeit fand er eh vieles sehr schön an ihr, ihre energischen Brauen, die sich immer kritisch zusammenzogen, wenn sie der Meinung war, das etwas nicht richtig gemacht wurde. Ihre braunen Augen, die funkelten, wenn er sie neckte. Oder ihren Hüftschwung, wenn sie energisch über den Hof stapfte, um einen Gehilfen zurechtzuweisen. Das verwirrte ihn und ließ ihn manchmal befangen werden. „Was grinst du denn so komisch, Leo?“ sprach ihn Agnes an und warf ihm einen strengen Blick zu. „Äh… ich dachte nur an… äh… Drachenmist.“ „Drachenmist? Warst du zu lange an der Sonne?“ „Ich dachte nur, vielleicht können wir den an die Magyaren verschenken.“ „Was für eine komische Idee ist das denn?“ „Kinder, jetzt hört doch zu.“ Anselm hatte die Arme gehoben, sein Mantel öffnete sich rasselnd und ließ den Blick frei auf unzählige Utensilien, die an das Innenfutter befestigt waren. Zangen und Pinzetten, Phiolen mit farbigen Flüssigkeiten, ein Federkiel, ein kleines Notizbuch, Messer, eine Schere, verschiedene kleine Hämmer, ein Drudenfuß an einer goldenen Kette, kleine Ledersäckchen, leer oder gefüllt sowie ein runder Kristall in einer Bronzefassung. Dieses französische Werkzeug nannte er loupe und betrachtete damit, ähnlich wie mit seinem Lesekristall, kleinere Dinge wie Drachenschuppen oder Eierschalenreste.
„Wir haben eine Mission. Der Herzog hat mir soeben einen Boten geschickt.“ Der alte Mann hielt die Arme ausgebreitet und machte ein nachdenkliches Gesicht.
„Vater!“ „Ja, was ist?“
„Was hat der Bote gesagt?“
Anselm zuckte zusammen, er war mit seinen Gedanken kurz abgeschweift und musste sich wieder sammeln. „Wir werden ebenfalls zu den Magyaren reisen.“ „Wie bitte?“ sagten Agnes und Leopold gleichzeitig und schauten sich verblüfft an. „Ja, der Herzog möchte, das wir ebenfalls dorthin reisen. Er möchte die Beziehungen festigen und dem Fürsten der Magyaren – oder war es ein König? – ein Geschenk überreichen.“ Agnes ahnte nichts Gutes und sah Leopold an, der nur fragend die Schultern hob. „Es soll ein Golddrache sein“, fuhr Anselm unbeeindruckt fort, „wir haben ja seit kurzem dieses Ei aus dem Ausland erhalten, es war ursprünglich für irgendeinen französischen Grafen vorgesehen, ich weiß den Namen aber nicht mehr.“ „Robert Graf von Dreux“, antwortete Agnes sofort, ihr Vater sah sie nur an, als hätte er diesen Namen zum ersten Mal gehört. „Wie dem auch sein, jedenfalls soll dieses Drachenei, was einen beträchtlichen Wert hat, von mir persönlich überbracht werden, damit es auch auf jeden Fall heil ankommt. Außerdem soll ich mich mit dem Alchemysten der Magyaren treffen, um ihm bei der Aufzucht zu helfen, da man dort nur wenig Erfahrung hat.“ Agnes schnaufte und legte eine störrische Haarsträhne zurück um ein Ohr. „Und was ist mit mir?“ „Ach ja, Leopold mein Junge, euer Vater meint, das ihr alt genug seid, um die Wache der Gesandtschaft anzuführen.“ Der junge Mann öffnete überrascht den Mund – und ließ ihn offen stehen. „Mach den Mund zu Leo, sonst fliegt ein Drache rein“, sagte Agnes und rieb sich die Stirn. „Wir drei auf Reisen mit einem Drachenei. Das kann ja heiter werden.“


Neues Kapitel

Eine Woche später erreichte ein langer Zug aus Wagen, Karren, Reitern und Fußgängern die Grenze zur Mark Österreich. Leopold ritt auf einem Apfelschimmel neben dem großen Fuhrwerk her, auf dem Anselm und Agnes reissten.

to be continued

 

Lesen beenden