Lothus´ Weg – Der siebte Engel | Ein Wort zu viel - Der Story Blog

Lothus´ Weg – Der siebte Engel

Lothus´ Weg – Der siebte Engel
Buch 1

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1) 1: Prolog

Und als die sechs Engel der Schöpfung ihr Werk vollendet hatten, kamen sie zusammen, um sich zu vereinigen. Doch einen der ihren ließen sie außen vor, denn ihren siebten Schwesterbruder mochten sie nicht neben sich. Hatte der erste Engel Berge erschaffen, der zweite die Meere und der dritte den Himmel mit den Wolken und Sternen, so hatte der siebte doch nie etwas erschaffen. Er veränderte nur, er sorgte dafür, dass nichts so blieb wie es einmal geschaffen war. Als der siebte Engel von seinen Schwesterbrüdern abgewiesen wurde, bebte er vor Zorn. War er nicht vom gleichen Geschlecht wie sie, war er nicht ebenfalls dazu bestimmt, die Welt mit neuem Sein zu erfüllen? In seiner Wut schleuderte er einen Felsen gegen die höchsten und schönsten Berge des ersten Engels, sie wurden aus der Weltenkugel herausgerissen und bildeten fortan einen Mond. Dann ließ er alle Wasser steigen, bis viele Länder in den Fluten versanken und nur noch ein Kontinent übrig war. Die sechs Engel der Schöpfung versuchten, ihn zu halten und zu besänftigen, doch es gelang ihnen nicht. Da schuf der vierte Engel, der Schöpfer der Pflanzen, aus einer Esche ein mächtiges Zepter. Der Erste setzte seinen schönsten Stein darauf, der golden strahlte wie die Sonne selbst. Sie verkündeten, mit diesem Zepter würden sie die Macht über den siebten erlangen können, denn darin lag ein Teil der Kraft eines jeden von ihnen. Alsbald hörte ihr Schwesterbruder davon und begehrte es sehr. Er stellte den Ersten der Engel und forderte die Herausgabe, sonst würde er die Welt mit noch mehr Zerstörung überziehen. So erhielt er den Stab und erfreute sich an seinem Strahlen. Doch das Gleißen blendete ihn, es lähmte ihn und er vergaß alles um sich herum. So kamen die Engel über ihn und entwanden ihm das Zepter. Doch da er von ihrer Art war, konnten sie ihn nicht vernichten. So verbannten sie ihren Schwesterbruder, den siebten Engel, in den Nexus, die Welt zwischen den Welten, wo er keine Macht besaß. Den Stab aus Esche und Stein pflanzten sie wieder in die Erde und es wuchs ein mächtiger Baum daraus hervor. Dann vereinigten sich die sechs und gingen ihn ihren Schöpfer auf und wurden so endlich zum Einigen Gott. Doch der siebte ließ etwas zurück, den Keim des Chaos. Und seine Schwesterbrüder hatten nicht bedacht, das keins ihrer Geschöpfe auf der Erde so empfänglich dafür war, wie das jüngste: Der Mensch.

Aus den verbotenen Apokryphen Buch II, Jahr 300, geheimes Geheimarchiv von Karseth, unbekannter Verfasser

 


2) 2: Ein schöner Tag

Jeder Tag ist ein gewöhnlicher Tag, bis er interessant wird. Und Lothus Tag wurde gerade interessant, da er im besten Kerker des Fürsten saß. Der Tag hatte gewöhnlich begonnen, bis ihn die Wache auf dem Marktplatz geschnappt, ihn seiner Ausrüstung beraubt und in diesen Kerker gesteckt hatte. Wenigstens in den besten Kerker. Das bedeutete, dass das Stroh auf dem Boden nicht ganz so verschimmelt war wie sonst, die Ratten weniger dreist und das Wasser, das er in einem angeschlagenen Tonkrug bekommen hatte, sauber und trinkbar war. Also wollte man etwas von ihm, sonst hätte man ihn in irgendein Loch geworfen und dort vermodern lassen. Oder gleich aufgehängt. Die fürstliche Justiz war da sehr effektiv, was die vielen Leichen zeigten, die am Stadttor baumelten und jeden warnten, nicht die Gesetzte der Stadt zu überschreiten. Ein interessanter Tag also.

Lothus lehnte sich auf der grob gezimmerten Holzpritsche an die Wand und betastete seine Rippen. Dass man etwas von ihm wollte hielt die Kerkerwächter nicht davon ab, ihm in die Rippen zu schlagen, zu treten und Hiebe mit glatten, langen Stöcken zu verteilen. Seine Schenkel und Oberarme hatten sie damit bevorzugt behandelt. Also wollte man ihm zeigen, dass man in brauchte, allerdings nicht so sehr, als dass man ihn völlig unversehrt lassen musste. Er massierte seine Arme und seinen Nacken. Zum Glück nur blaue Flecken und Prellungen. Er hatte schon Schlimmeres erlebt. Eine dicke graue Ratte saß in einer Ecke und beobachtete ihn mit ihren Knopfaugen. Sie saß ganz ruhig da, schnupperte und sah, scheinbar, nachdenklich in seine Richtung. „Na, schöne Scheiße was? Wurdest du auch so nett eingeladen wie ich, du Viech?“ Die Ratte fiepte und rührte sich nicht weiter. „Würde gerne wissen, was seine Hoheit will. Aber das wird man mir schon irgendwann sagen. Es könnte schlimmer sein.“ Die Ratte fiepte wieder und trippelte langsam die Wand entlang, als wäre sie zum Schluss gekommen, das der neuen Einwohner dieser Zelle keine Gefahr bedeutet und zu langweilig war, um weiter Zeit bei ihm zu verplempern. Lothus schnaufte amüsiert. Die Ratte hielt vor der schweren Holztür an und schnupperte. Er hörte sich nähernde Geräusche, das helle Klimpern von Eisenschlüsseln und Stiefeln mit genagelten Sohlen. Also kommen Soldaten. Die Ratte hatte wohl gespürt dass sich jemand näherte und wartete nun geduldig vor der Türe, bis sie geöffnet wurde. Sie kannte sich hier anscheinend gut aus.

„Dann gehabt euch wohl, euer hochwohlgeboren Ratte“, sagte Lothus zu dem Tier und schloss gelassen die Augen. Jetzt sollte er wohl bald erfahren, was los war. Da war jemand sehr ungeduldig. Er zuckte die Achseln. Der Tag würde ohnehin interessant weiter gehen und er konnte eh nichts dagegen tun. Wo waren die gewöhnlichen Tage, wenn man sie brauchte? Als sich die Türe quietschend öffnete, huschte die Ratte sofort hinaus, den Tritten der Wächter gekonnt ausweichend, als hätte sie das schon hunderte Male gemacht. Schlaues Biest, dachte Lothus, als er von zwei Wächtern mit Knüppeln auf die Beine gezerrt wurde. Vier ernste schweigsame Soldaten traten ein, alle in Kettenhemden, Helmen und mit Kurzschwertern und langen Dolchen bewaffnet und nahmen ihn in die Mitte. Lothus musterte sie einschätzend. Die Ausrüstung der Männer war teilweise abgenutzt aber gut gepflegt. Alle trugen einige Narben zur Schau, vor allem an den Händen, was auf erfahrene Schwertkämpfer schließen ließ. Mit Speeren oder Langschwertern hätte man in diesen engen Verliesen auch nichts anfangen können. Wer diese Männer geschickt hatte, war nicht dumm. Und auf der Hut. Interessant, dachte Lothus. Rechnen die ernsthaft mit Widerstand?

Schweigend nahmen sie ihn in die Mitte und gingen, von einem der Kerkerwächter geführt, durch die Gänge. Sie gelangen schließlich auf den Hof und an die frische Luft. Der Himmel war grau und kalter Wind fuhr ihm durch die Tunika, die man ihm gelassen hatte. Eigentlich sollte es Frühling sein, aber dieses Jahr wehrte sich der Winter länger als sonst gegen die Wärme und Sonne. „Beschissenes Wetter“, murmelte Lothus, als sie über das Kopfsteinpflaster des Hofes gingen. Er gehörte zur Burg, die über der Stadt thronte wie eine Glucke über ihrem Nest. Aus einem offenen Gebäude nahe dem Tor erklangen die metallischen Geräusche eines Schmieds, der Geruch von Kohlefeuern wehte um seine Nase und aus einem flachen strohgedeckten Gebäude an der linken Burgmauer drang das helle Wiehern von Pferden. Gleich neben dem offenen Haupttor der Burg stand eine Ziege neben den gelangweilten Wächtern und schiss ungeniert ihre Köttel auf die schmierigen, groben Pflastersteine. Oben auf einer der Mauern blies eine Wache unbeholfen in eine Fanfare und kotzte ein Geräusch aus, welches wohl das Signal zur Mittagsstunde darstellte. Automatisch bekreuzigten sich die Wächter, marschierten aber unbeeindruckt mit ihm weiter.

Mittagsstunde, Zeit zum Beten. Schon sah er einige Leute auf dem Hof ihre Arbeiten und Beschäftigungen liegen lassen und zu der Kirche eilen, die sich an die östliche Mauer lehnte. Sie war ganz aus Naturstein errichtet, mit einem Schieferdach, damit sie bei einem Feuer nicht so leicht abbrennen konnte. Ein kleiner, etwas windschiefer Turm krönte den Giebel der Kirche, aus dem jetzt auch ein aufdringliches hohes Bimmeln erklang. Lothus hielt nichts vom „Einigen Gott“ und seiner Kirche. Und nach allem, was er bisher in seinem Leben erlebt hatte, beruhte es wohl auf Gegenseitigkeit.
Als sie ein spitzes Tor aus dunklem poliertem Holz erreichten, öffnete es sich sofort, als hätte man ihr Kommen beobachtet, und sie schritten einträchtig schweigend in den Wohnturm des Fürsten. Dieser überragte die Burg um viele Mannslängen, hatte so dicke Mauern wie die mächtige Außenmauer der Burg und verfügte über mehrere Stockwerke. Wenn man die anderen Bauten der Burg betrachtete, hatte sich der Baumeister zumindest diesmal übertroffen. Bei der Konstruktion der anderen Türme und Bauten, von denen keiner dem anderen glich, hatte er sich wohl zu viel von einer jugendlichen Gespielin oder gutem Wein ablenken lassen.
Rasch erreichten sie die hohen, mit geschnitzten Heiligenbildern verzierten Türen zum Thronsaal und zwei Wächter in sauberen Rüstungen und Langschwertern an der Seite ließen sie herein. Der Saal war hell und Sonnenstrahlen stachen durch die hohen Fensteröffnungen durch den Raum, der ansonsten von Fackeln in bronzenen Ständern erleuchtet wurde. Lothus blinzelte und hob überrascht die Augenbrauen. Man führte ihn vor den Thron und dieser war leer? Die Wachen drehten sich ungerührt um und ließen ihn stehen. Ein Mann kam hinter einem Wandteppich hervor, der verblasste Jagdszenen zeigte. Er schritt langsam auf ihn zu und Lothus erschauerte. Der Mann schritt nicht absichtlich so gemächlich auf ihn zu, denn er besaß ein verkrüppeltes Bein und konnte nicht anders. Er steckte in einer roten bodenlangen Robe aus feiner Wolle, um seine Schultern hing eine schwere Goldkette mit dem sechseckigen Symbol des Einigen Gottes. Seine Linke umklammerte einen polierten Holzstecken, auf dem er sich abstütze, während er sein Bein schlurfend nachzog. Ein kugelrunder kahler Schädel lugte aus dem roten Gewand, mit wässrigen Augen, einem schmerzhaft verzogenem kleinen Mund und einer langen wie mit dem Messer geschnittenen Nase. Sein Alter konnte man schwer schätzen, sein glattes Gesicht bot kaum Anhaltspunkte, aber Lothus wusste, dass er wohl über vierzig Jahre zählen musste. Die letzten fünf davon hatte er jetzt als Erzkaplan und Inquisitor des Fürstentums verbracht. Schnaufend kam er nun vor Lothus zum Stehen, legte beide Hände auf den Knauf des Stockes und richtete sich etwas auf. Gelenke knackten hörbar und der Mann in der Robe seufzte. Lothus hatte erwartet, vor den Fürsten geführt zu werden, dass der Erzkaplan nun vor ihm stand, überraschte ihn.

Einigermaßen neugierig sah er deshalb zu, wie sich der Erzkaplan vor ihm zurechtrückte. Er hatte einen Buckel, was ihm ein leicht geierhaftes Aussehen verlieh. „Man wird nicht jünger, nicht war Lothus?“, sagte er mit erstaunlich klarer Stimme, die nicht so ganz zu seinem gebrechlichen Äußerem passte. „Nein, Marath“, antworte Lothus, der nicht viel von Titeln hielt. Titel waren etwas für Grabsteine. „Nun ja Lothus, ich sehe du hast dich nur wenig verändert. Das Schicksal scheint es gut mit dir zu meinen, obwohl du ein hoffnungsloser Heide bist.“ Lothus zuckte mit den Schultern. „Sollte ich einmal dem Schicksal begegnen, wird es eine blutige Auseinandersetzung geben!“ Marath lachte leise vor sich hin und schüttelte seinen runden glänzenden Kopf. „Du bist ein verbitterter Mann. Aber verbitterte Männer sind manchmal nützlicher als die, die auf alles eine Hoffnung haben. Sie erledigen ihre Aufgaben gründlicher, da sie meist nichts zu verlieren haben und ihre Wut auf die Welt hält sie oft länger am Leben als andere. Das Schicksal und Gott sind unergründlich.“ „Niemand kann seinem Schicksal entkommen“, knurrte Lothus vielsagend. Marath blinzelte kurz und fuhr fort. „Nun, warum ich dich hergebeten habe…“ „Hergebeten?“ unterbrach Lothus empört und hob die Arme, damit man sehen konnte, dass er ohne seine Rüstung oder angemessener Kleidung hier stand. „Hätte ich dir einfach einen Brief geschrieben, wärst du gekommen?“ Marath klopfte bei jedem Wort mit seinem Stock auf den Boden. „Deine Sachen liegen für dich ein einem Raum hier bereit, dein Pferd ist im Stall und wird gepflegt und ein paar Stunden im Kerker haben dir bestimmt nicht geschadet. Also hör auf zu grollen und hör mir zu.“ Der massige Krieger schaute auf den Erzkaplan hinab, der in seiner buckligen Gestalt gut zwei Köpfe kleiner war und schüttelte den Kopf. Marahts Temperament war immer noch, trotz aller Krankheiten, ungebrochen. Er war ein schlauer Fuchs und nutze seine Gebrechen oft auch, um Gegner in falscher Sicherheit zu wiegen. Einen Krüppel wie ihn konnte man leicht unterschätzen. Ein Fehler, der schon manche Witwe hervorgebracht hatte. „Was wollt ihr also? Wenn soll ich für euch entführen oder umbringen?“

Er sah sich kurz im Saal um, er war leer. Keine Wachen. Also fühlte sich Marath sicher und er wollte keine Zuhörer. Jedenfalls keine Offensichtlichen. „Du kommst wie immer gleich zur Sache? Kein Freund von höfischem Gerede, du großer Krieger? Nun gut, meine Zeit ist kostbar. Du sollst jemanden in den Norden begleiten, eine sehr wichtige Person. Und da du ein Mann bist, der sich an seine Eide und versprechen hält, dazu ein erfahrener Soldat und dich im Norden wie Süden gut auskennst, habe ich dich für diese Aufgabe auserkoren.“ Lothus schnaufte abfällig. „Auserkoren? Hört sich gut an. Da will man ja kaum noch andere Pläne schmieden.“ „Du kannst dir deinen Sarkasmus sparen, Lothus, sei froh dass ich einen Heiden wie dich überhaupt in die Wahl gezogen habe.“ Er klopfte dreimal energisch mit seinem Stock auf den Boden, was wohl ein Signal sein sollte. Er legte den Kopf leicht schief und horchte. Nichts geschah.
Lothus nahm eine entspannte Haltung ein und schaut sich demonstrativ gelangweilt im Thronsaal um, wohl wissend, dass er Marath damit provozierte. Dieser klopfte noch mal energisch auf den Boden und schaute ärgerlich über die Schulter zurück, was sogleich in seinem Nacken ein hörbares Knacken auslöste. Das Geräusch lies Lothus erschauern. Ein Wandteppich an der hintern Wand raschelte und schwang, als ob sich jemand mühsam durch den Stoff kämpfen würde. Dieser Raum muss mehr Türen und Löcher haben als ein Käse, dachte sich Lothus. Ein kleines kahles Männlein in einer grauen Kutte kam hervor und führte hastig einen edel gekleideten Jüngling am Arm in den Raum. Der Junge machte sich empört von den dürren Fingern des Mannes los und schritt selbstbewusst zum Erzkaplan herüber. Er reckte das Kinn trotzig in die Höhe und ignorierte den großen Mann vor sich absichtlich. Marath zischte den Kuttenträger ärgerlich an und dieser verschwand mit rotem Kopf eilig wieder hinter den Teppichen. Das würde für das dieses Männlein auch noch ein interessanter Tag werden, dachte Lothus. Der Erzkaplan räusperte sich und legte eine Hand auf den Unterarm des blonden Jünglings, wobei dieser leicht angewidert sein Gesicht verzog. Interessant. „Dies ist Prinz Sedian, zweiter Sohn unseres geliebten Fürsten Arrian und Diener unseres Einigen Gottes und seiner Kirche“. Lothus musterte den Burschen und sah, dass er eine Art Priesterkleidung trug, aber aus teurem Stoff und besserem Schnitt als er je bei einem Geistlichen gesehen hatte. Dazu trug er um den Hals eine glänzende silberne Kette mit dem Symbol des Einigen Gottes. Außerdem sehr kurz und eckig geschnittenes Haar, wie es sonst nur bei Novizen üblich war. Der Junge mochte vielleicht sechzehn oder siebzehn sein, er hatte schon breite Schultern und lange Glieder, wie ein Junge der zum Mann wurde, aber die Proportionen passten noch nicht, außerdem hatte er keinerlei Bartwuchs am glatten Gesicht. Seine blauen Augen blickten verächtlich und seine Haltung sollte wohl Selbstbewusstsein ausdrücken. Lothus erkannte aber die Zeichen, der Junge war angespannt, wachsam und weniger sicher als er nach außen hin zeigte.

„Was soll das Theater?“ grollte Lothus in seine Richtung und das leichte zusammenzucken des Jungen bestätigte seine Instinkte. Marath tätschelte den Arm des Jungen, als ob er ein Kleinkind beruhigen wollte. „Dieser junge Mann hier“, fuhr er fort, „ist die Hoffnung unseres Herren, sich mit dem Fürsten des Nordreiches zu verbünden. Nachdem letztes Jahr einer der Söhne des Nordfürsten unsere Prinzessin Edilath geehelicht hat, der Einige Gott möge ewig seine Hand über sie halten, möchten wir nun unseren Prinzen hier auch in den Norden schicken, um unsere Verbindung und den Frieden weiter zu festigen. Da er sein Noviziat nun so erfolgreich beendet hat, soll er der neue Hofkaplan des Nordfürsten werden.“ Lothus entging nicht das leichte zögern, als Marath erfolgreich beendet gesagt hatte. Wahrscheinlich war der Junge im Schnellverfahren durch das Noviziat geprügelt worden, da man etwas Spezielles mit ihm vorhatte. Es war nicht ungewöhnlich, das zweite oder dritte Söhne von Adligen in die Kirche eintraten, dort konnten sie Karriere machen und waren den Erstgeborenen aus dem Weg, die schließlich die Nachfolge ihrer Väter antreten wollten, ohne aufmüpfigen Brüdern die Kehlen durchschneiden zu müssen. Meistens jedenfalls.

„Das ist ja schön und gelobt sei wer auch immer“, sagte Lothus in Richtung des Jungen. Der zuckte bei dieser Lästerung nicht mal mit einer blonden Augenbraue, im Gegensatz zu Marath. „Was habe ich damit zu tun?“

 

3) 3: Im Graben

Kerrian lag im Graben und fror. Neben ihm lag Signar der Nordmann und blies ihm seinen nach Knoblauch stinkenden Atem ins Gesicht. Er versuchte das Klappern seiner Zähne zu unterdrücken, um nicht vor dem stinkenden Nordmann als Weichling da zustehen. Signa schien die Kälte wenig aus zu machen. Sie lagen zu acht in diesem beschissenen Graben neben dem Pfad der sich durch diese Gottverlassene Gegend schlängelte. Sie waren getarnt mit Flechtwerk, Blättern, und Büschen, um wie ein Teil der Landschaft auszusehen. Allerdings dem einzigen Teil Landschaft, der sich den Arsch abfror.

Dieser lausige Frühling war der kälteste, seit er zurückdenken konnte und seine Mannschaft stimmte ihm voll und ganz zu. Was die Aufgabe nicht sonderlich einfacher machte. Um beweglich zu bleiben mussten sie auf dicke warme Kleidung verzichten. Andererseits lähmte die Kälte so weit, dass sie wahrscheinlich alle blau und steif gefroren aus dem Graben stolpern würden. Eine alte Frau mit einem Besen würde dann genügen, um sie alle zu verprügeln. Er fluchte und blies seinen Atem nach oben an seine Nase um sie etwas zu wärmen und den Gestank von Knoblauch zu vertreiben. Es nützte nichts. Der Nordmann brummte etwas Unverständliches vor sich hin. Wahrscheinlich Flüche, dachte Kerrian. Man hatte ihnen gesagt, ihre Beute würde gegen Mittag diese Stelle erreichen. Jetzt war es später Nachmittag und die Sonne ging bald unter. Und dann wurde es erst richtig kalt. Er blies etwas warmen Atem auf deine Fingerspitzen und robbte etwas nach oben um besser über den Weg schauen zu können. Irgendwo vorne hinter einer Kurve lag ihr Späher in seinem Versteck und würde sie benachrichtigen, sobald sich etwas regte. Er hoffte, dass er nicht eingeschlafen oder erfroren war, sonst konnte es knapp werden. Da sich der Weg aus einer Senke herauf schlängelte, würde man von ihrer Position einen Reisenden erst sehen, wenn er wenige Meter vor ihnen war. Dafür konnte er sie auch erst entdecken, wenn es zu spät war. Das hofften sie jedenfalls. Wenigstens hatte der Späher keinen stinkenden Nordmann neben sich, dachte Kerrian. Er pflegte sein Kettenhemd mit Schweinefett einzureiben um es vor Rost zu schützen und es stank nach einiger Zeit erbärmlich, sogar in dieser Kälte.

„Hrugar avalt?“ Sagte Signar. Kerrian sah ihn an und schüttelte den Kopf. Er hatte keine Ahnung, was der Kerl gesagt hatte. Keiner verstand das Kauderwelsch des Nordmanns und er konnte ihre Sprache auch nicht. Das tat seiner Kampfkraft keinen Abbruch und beim Plündern und morden verstand man sich ohne Worte. „Hragar imavalt!“ sagte Signar jetzt und starrte vor sich hin. „Ja du Bastard, “ erwiderte Kerrian und lächelte freundlich, „was immer du damit meinst, du hast wahrscheinlich Recht.“ Er beobachtete wieder den Pfad und fluchte in allen Sprachen, die er kannte. Außer in nordisch.

 

4) 4: Dumme Fragen, dumme Antworten

Und was hab ich damit zu tun? Eine blödere Frage hatte er nicht stellen können, ärgerte sich Lothus. Er ritt missmutig auf seinem Pferd, Er ritt missmutig auf seinem Pferd – ein kräftiger, großer dunkler Rappen mit einem weißen Zeichen auf der Stirn. Hinter ihm ritt der Bengel, der Prinz, auf seinem dünnen braunen Zelter, einem schnellen aber nervösen Hengst. Nur wenig dahinter folgte, als ständiges Ärgernis, der Priester auf einem Muli. Ausgerechnet ein Priester. Lothus fluchte innerlich. Verdammte Götter, verdammte Priester, verdammtes Schicksal. Sie alle waren in einfache grobe Reiseumhänge gehüllt, um unauffällig zu wirken. Aber der Priester konnte nicht auf seine blöde Kutte und ständiges psalmodieren verzichten. Vielleicht gingen sie so als pilgernder Mönch mit seiner Leibwache durch. Nichts Ungewöhnliches eigentlich. Er dachte an seine Audienz zurück.

Und was habe ich damit zu tun? Hatte er den Erzkaplan gefragt. Der lachte auf diese Frage. „Du bist mir was schuldig Lothus, das weißt du. Du kennst das Land, die Wege, die kleinen versteckten Pfade. Du bist erfahren im Kampf aber auch, wie man unnötigen Kämpfen ausweicht. Du traust keinem und das macht dich vorsichtig. Außerdem sollst du es nicht umsonst tun. Wenn du mir diesen Gefallen tust, lasse ich dich gehen. Ich werde die nie mehr rufen, auch der Fürst entlässt dich aus allen Diensten, Eiden und Pflichten. Und da wären noch fünfhundert Goldstücke. Damit kannst du dir einen Hof kaufen und bis an dein Lebensende die Krähen von deinem Acker vertreiben.“ Warum so umständlich, hatte er dann gefragt. Warum bringt man den Prinzen und zukünftigen Hofkaplan nicht mit allem standesgemäßen Klimbim in das nördliche Fürstentum? Mit Wachen, Packpferden, Kutschen, Dienern, Wimpeln und Fanfarenreitern? „Weil er nicht lebend ankommen würde“, hatte der einflussreichste Geistliche des Landes entgegnet. Nicht alle waren von der Verbindung der beiden Fürstenhäuser begeistert, man fürchtete den wachsenden Einfluss des südlichen Hauses auf den Norden. Der Adel lag im ewigen Streit um Macht und Einfluss, jeder Zug und jede Tat eines der großen Häuser wurde mit Argwohn betrachtet. Mordanschläge und Überfälle waren keine Seltenheit und wurden natürlich nie aufgeklärt. Der Thron des Königs war vakant, alle beriefen sich zwar auf die königliche Ordnung und die Gesetzte, die weiterhin Gültigkeit hatten. Aber in Wahrheit machte jeder was er wollte, solange ihm keiner auf die Finger klopfte. Gängige Mittel dafür waren eine Armee oder Meuchelmörder, je nach Aufwand und Geldbörse des Auftraggebers. Entsprechend unsicher war das Land. Bauern die ihr Land verloren hatten, Söldner ohne Herr, in Ungnade gefallene Diener, verarmte Handwerker, berufsmäßige Wegelagerer, Plünderer und Mörder durchstreiften das Land und machten jede Reise zu einem Abenteuer. Händler oder wer es sich leisten konnte, reiste in großen Gruppen oder engagierte private Wachen, um lebend die Städte und Marktflecken des Reiches zu erreichen. Alle anderen konnten nur hoffen und beten.

„Und der Prinz soll nur mit mir als Leibwächter durch das Land reisen, bis hoch in den Norden?“ Hatte er ungläubig gefragt. Marath hatte bedächtig genickt und den Prinzen angesehen, der etwas unbehaglich dreinschaute. „Ihr seid schneller und unauffälliger, niemand würde damit rechnen, dass er ohne Gefolge reist. Lediglich Pater Werriand wird euch begleiten.“ „Pater wer?“ “Werriand. Der Beichtvater und Lehrer des Prinzen. Er braucht auch während der Reise einen geistlichen Beistand, außerdem ist seine geistliche Ausbildung, nun ja, nicht gänzlich beendet. Er braucht einen Berater an seiner Seite. Ihr, Lothus, seid für das Grobe zuständig. Beschützt die beiden, sucht euch sichere Wege und bringt sie lebend an ihr Ziel. Nebenbei kann seine Hoheit bestimmt noch etwas über das Leben in der Natur und den Kampf mit scharfen Waffen lernen. Das wurde bei seiner Ausbildung etwas vernachlässigt.“ „Schöne Scheiße“, hatte Lothus dazu gesagt und Marath hatte genickt und freudlos dazu gelächelt.

Nun ritten sie durch diese Gottverdammte Gegend, einem schmalen Pfad abseits der gepflasterten Königsstraße, die zu wählen allzu offensichtlich gewesen wäre. Dieser Weg hier wurde meist nur von Jägern oder Hirten benutzt und schlängelte sich zuerst mehr nach Osten statt nach Norden,
aber das war Lothus recht, er hoffte damit Verfolger abzulenken. Außerdem war es noch weit bis zum nächsten Dorf in den Hügeln von Erianth, also würden sie lange Zeit keiner Seele begegnen. Drei Tage waren sie schon unterwegs und ritten durch die einsame Landschaft. Er versuchte auf etwaige Verfolger zu achten, machte nur nachts kleine verdeckte Feuer, versuchte alle Spuren ihrer Lager hinterher zu beseitigen und beobachte ständig misstrauisch die Landschaft. Wurden irgendwo Vögel aufgeschreckt? Gab es frische Spuren auf dem Weg vor ihnen? War Rauch von Lagerfeuern zu sehen oder zu riechen? Er spürte sehr gut, wenn sich in der Natur im ihn herum etwas veränderte, auf seine Instinkte hatte er sich immer verlassen können. Es hatte Zeiten gegeben, wo er alleine die Wildnis durchstreift hatte und nur von dem gelebt hatte, was er hatte finden, jagen oder stehlen können. Davor hatte er noch als ehrbarer Ritter im Dienste der hohen Häuser und der Kirche gestanden. Dann hatte er seine Privilegien verloren… Es schien ihm ewig lange her zu sein, dabei hatte er gerade erst sein dreiunddreißigstes Jahr überschritten.
Momentan schien aber alles ruhig und normal zu sein. Der kalte Wind rauschte über Bäume und Büsche, Vögel zwitscherten dem kalten Wetter zum Trotz aufgeregt um sie herum. In der Höhe kreiste ein einsamer Raubvogel und stieß ab und an seinen Schrei aus. Ein Milan, schätze Lothus und blickte mit zusammen gekniffenen Augen kurz in den Himmel. Dichte Büsche und kleine krumme Laubbäume umrahmten den Pfad, hier und dort vom ersten blühenden Ginster unterbrochen. Dieses Jahr blühte alles später und langsamer, gelähmt vom hartnäckigen Winter, der einfach nicht weichen wollte. Misstrauisch spähte er auf den Weg voraus, als er hinter sich ein leises „Ho“ hörte. Aus dem Augenwinkel sah er den Priester von seinem Muli gleiten und im Gebüsch verschwinden. Die magere Verpflegung am Lagerfeuer, Eintopf mit Dörrfleisch und Bohnen, schienen ihm nicht sonderlich gut zu bekommen.

Lothus seufzte und hielt sein Pferd mit kurzem Schenkeldruck an. Er hatte es seit sechs Jahren und sie waren gut aufeinander eingespielt. Der Prinz hielt neben ihm und verzog angewidert das Gesicht, als ein Stöhnen und einige unschöne menschliche Geräusche aus dem Gebüsch drangen. Er schlug die Kapuze seines Reisemantels zurück und blinzelte in den Himmel, wo der Raubvogel weiter seine Kreise zog. Sie hatten seit ihrem Aufbruch nicht viel geredet. Lothus hielt nicht viel von dem Jungen und machte keinen Hehl aus seiner Abneigung. Der Bengel machte ebenfalls den Eindruck als wäre es unter seiner Würde, mit jemanden unter seinem Stand zu sprechen. Beim rasten waren er und sein Anhängsel auch keine Hilfe. Lothus bezweifelte das einer von ihnen überhaupt Feuer machen konnte. Dafür waren sie gut darin ihn aufzuhalten. Abends, statt Feuerholz zu suchen oder das Lager aufzuschlagen, gab Pater Werriand seinem Schüler Lehrstunden in Kirchenlehre oder Politik, was dieser meist gelangweilt über sich ergehen ließ. Und Lothus hatte die ganze Arbeit. Das würde er sich bei Gelegenheit aber ändern, dachte er, es war Zeit andere Seiten aufzuziehen. Aber dieser verflixte Werriand musste, wenn er nicht grad scheißen war, an jeder Wegkreuzung oder bei jedem Stein anhalten, sich bekreuzigen, etwas über die Wunder Gottes schwafeln oder irgendwelche Besonderheiten der Natur beschreiben. Er bezeichnete sich selbst als eine Art Forscher der Werke Gottes und war entzückt, als er einmal einen Vogel zirpen hörte, der wohl sehr selten in dieser Gegend war. Alles nur reiner Blödsinn. Wahrscheinlich wären sie schneller, wenn er ihm einfach die Kehle durchschneiden würde, dachte er. Allerdings würde es das Marath wohl nicht sonderlich gefallen, wenn er den Lehrer des Prinzen umbrachte. Langsam keimte in ihm der Verdacht, dass der Erzkaplan diesen komischen Pater einfach loswerden wollte.

An ihrem ersten Reisetag, noch in Rufweite der Burg, war er plötzlich vom Muli gesprungen, an einem Wegestein auf die Knie gegangen und hatte laut und lange gebetet. In den Mannshohen Granitblock war ein verwittertes Bild eingemeißelt mit einer Moosbewachsenen Inschrift darunter. Das Bildnis sollte einen Heiligen der Kirche darstellen, der irgendwann hier gewirkt haben sollte. Lothus war schon hunderte Male hier vorbeigekommen und hatte noch nie darauf geachtet. Der Pater achtete aber umso mehr auf solch Stellen und fiel noch zweimal auf ihrer Reise auf die Knie, um für irgendeinen Heiligen Wundertäter am Wegesrand zu beten. Das hatte sie schon mindesten einen halben Tag gekostet und falls der Mann weiter Verdauungsprobleme hatte, würde es sicher noch mehr werden.
Nachdem der Pater sein Geschäft erledigt hatte, ritten sie müde weiter. Keiner sagte etwas und Lothus studierte missmutig den Weg. Er wand sich jetzt kurvig zwischen Felsen und dichten Büschen, stieg aus einer Senke leicht bergauf und beschrieb dazu einen leichten Bogen. Sie trotteten langsam den Pfad hinauf da ihnen der sandige Boden daneben für einen schnelleren Ritt gefährlich war. Reittiere waren teuer und empfindlich.

Plötzlich wackelte sein Rappen mit den Ohren und stellte sie auf. Lothus war sofort wachsam, sein Nacken kribbelte und alles Sinne waren angespannt. Er vertraute auch den Sinnen seines Pferdes. Waren die Vögel nicht etwas leiser als vorhin? Der Wind hatte gewechselt und kam direkt von vorne. Also hatte sein Pferd etwas gewittert? Der Milan in der Luft war verschwunden. Selbst das Licht schien plötzlich anders, die Farben Landschaft erschien kontrastreicher als zuvor. Lothus kannte diese Warnzeichen und lockerte unauffällig den Dolch im Gürtel. Das Langschwert hatte er immer griffbereit in der gefetteten Scheide am Sattel. Er ließ sich nichts anmerken, damit seine Gefährten sich nicht verrieten. Womit musste er rechnen? Konnte er sich aus dem Sattel fallen lassen? Wenn ja wohin? Oder im Galopp losreiten und alles Riskieren, auch das die Pferde stolperten und sich die Beine brachen? Oder Anhalten und alle Waffen ziehen und abwarten? Umdrehen auf dem engen Pfad wäre schwierig und hätte sie aufgehalten. Er hatte seinen Begleitern zwar gesagt, was sie im Falle eines Überfalls zu tun hatten, aber er vertraute nicht darauf, dass sie etwas Sinnvolles taten. Der Junge hatte keine Erfahrung und der Priester war ein Idiot. Vertrauen konnte er nur seinem Schwert, seinen Dolchen und seinem Geschick. Verlasse dich auf Niemanden, sonst bist du verlassen. Daran hatte er sich immer gehalten.
Sedian trottete mit seinem braunen Hengst hinter dem großen Krieger her, der abrupt angespannt wirkte und steifer im Sattel saß. Dumm war der Prinz nicht, wie andere vielleicht dachten, und er spürte, dass sich etwas verändert hatte. Er blickte kurz über die Schulter und sah seinen Lehrer, der im Sattel schwankte und döste. Plötzlich fiel Lothus vor ihm nach rechts aus dem Sattel und fiel in ein Gebüsch. Er zügelte sofort sein Pferd und blickte überrascht auf das Buschwerk, aus dem es raschelte. Aber nichts und niemand war zu sehen. Trotz der Kälte brach im Schweiß aus und ihm wurde ganz warm. Der Rappen stand mit wackelnden Ohren und schlagendem Schweif wachsam auf dem Weg und das Muli des Priesters blieb brav von selber stehen. „Was ist?“ Fragte Werriand schläfrig und bemerkte erst jetzt das reiterlose Pferd. Da brach Lothus aus dem Gebüsch, klopfte sich Äste und Laub von der Kleidung und steckte seinen Dolch in das Gras um Blut davon abzuwischen. Blut! Lothus sah den Prinzen ernst an, legte einen Finger auf die Lippen und bedeutete ihm, still zu sein. Als er den Dolch einsteckte, ging er zum Prinzen und
legte eine Hand an den Sattelgurt, wie um ihn zu prüfen. „Im Gebüsch war ein Späher,“ raunte er ihm zu. „Er ist tot. Er war nicht sehr gut, sein Geruch und das hier hat ihn verraten.“ Er hielt Sedian seine offene linke Hand hin, darin funkelte ein kleiner goldener Ohrring, mit einigen Spritzern Blut darauf. „Die Sonne spiegelte sich darin. Sollte man nicht tragen, wenn man sich verstecken will.“
Der Prinz schluckte und ihm wurde übel, als er das Blut sah.

5) 5: Ein schlechter Tag

Als Kerrian angestrengt den Weg hinab spähte, sah er etwas kurz in der Sonne blitzen. Dann rollte ein kleiner Gegenstand über die harten Fahrspuren im Weg und hüpfte über einige Steine, bevor das Ding provozierend langsam drehend zu liegen kam. Kerrian kniff die Augen zusammen um das glitzernde Ding besser zu erkennen. War das Gold? Der Nordmann neben ihm knurrte etwas Unverständliches und packte seine Axt, um sich zu erheben. Irritiert erkannte Kerrian, dass der Gegenstand vor ihm aussah wie einer der Ohrringe die Hugalf, ihr Späher, immer getragen hatte. Dieser eitle Idiot! Er reckte den Hals und erkannte frische Blutflecken am goldenen Ring. Der Nordmann neben ihm hatte es wohl auch gesehen. Er erhob sich, schüttelte seine Tarnung ab wie ein Bär, der nach langem Schlaf sein Winterfell abwerfen will. Kerrian wollte ihn aufhalten, doch er stürzte bereits aus dem Graben, laut irgendeinen nordischen Kampfschrei brüllend. Scheiße, dachte Kerrian, als auch die anderen seiner Leute aus langsam dem Graben kletterten und sich zornig nach Rache brüllend auf den Weg stellten. So eine Scheiße!
Ruhig ging Lothus den Pfad hinauf, nachdem er sein Schwert und seinen langen Dolch gezogen hatte. Er wartete kniend, etwas unterhalb der Steigung, damit man ihn von der anderen Seite nicht sofort sah. Ein großer, wild aussehender Kerl kam den Pfad entlang auf ihn zu gerannt, laut brüllend und eine nordische Kampfaxt in der erhobenen Hand. Lothus ließ ihn kommen. Sollte er ruhig laufen, brüllen und sich schon mal etwas verausgaben. Konzentriert studierte er die Bewegungen seines Gegners, bis dieser heran war und die Axt schwang. Er rollte sich über die Schulter ab und schlug mit der Rückhand auf den Rücken des Feindes. Er spürte wie sein Schwert auf Widerstand stieß und abrutschte. Der Kerl trug ein Kettenhemd unter seinen Lumpen. Er sprang rückwärts, um aus der Reichweite des großen Mannes zu kommen und machte sich bereit, den nächsten Schlag der Axt zu parieren. Der Hieb kam wie erwartet, prallte auf sein Schwert und Schmerz fuhr in seine Arme und Schultern wie ein Blitz. Der Mann war stark, dass würde nicht so einfach wie er gehofft hatte. Er täuschte mit einer Finte einen Angriff vor und versuchte zu erkennen, wie sein Gegenüber parieren wollte. Er spuckte aus und packte seine Waffen fester. Manchmal waren die einfachen Methoden die Effektivsten. Hinter sich hörte er bereits Schreie weiterer Gegner. Er schnaufte laut und stieß mit dem Schwert auf den Kopf des Nordmanns zu. Dieser ging instinktiv mit dem Oberkörper zurück, holte mit seinem Arm aus und ließ mit einem kräftigen Schwung die Axt durch die Luft pfeifen. Der Hieb hätte Lothus Kopf sicher vom Rumpf getrennt, wenn er sich nicht auf die Knie hätte fallen lassen um mit seinen Waffen auf die Beine seines Gegners zu zielen.

Er spürte den Luftzug der Axt über seinen Kopf, als er seinen Dolch in den linken Oberschenkel des Mannes stieß. Sein Schwert hackte auf rechten Knöchel ein und schnitt durch den billigen Stiefel. Der Krieger brüllte vor Schmerz und taumelte rückwärts. Lothus nutze die Ablenkung und stieß mit seinem Schwert aufwärts in den nun ungeschützten Schritt des Mannes. Dieser heulte auf und schwang wieder die Axt in Lothus Richtung. Er lenkte den Schlag mit dem Dolch klirrend ab, was ihn für ein paar Sekunden seine Hand betäubte. Dieser Kerl hat immer noch zu viel Kraft. Er riss seine Klinge hoch und schnitt ihm in der Rückwärtsbewegung in den Oberarm. Blut strömte sofort aus der klaffenden Wunde seinen Arm hinab. Vor Wut und Schmerz brüllend hob der Nordmann nun mit beiden Händen seine Axt. Darauf hatte Lothus gewartet. Er machte einen schnellen Ausfallschritt, stieß die Schwertspitze in die freie Achselhöhle, spürte wie die Klinge durch Sehnen und Muskeln schnitt und über Knochen schrammte. Er ließ sich sofort fallen und zog damit gleichzeitig die Klinge wieder aus dem Körper. Der Nordmann stöhnte und schwang die Axt nur noch mit der linken, trat gleichzeitig mit dem unverwundeten Bein zornig nach seinem Gegner. Er wich aus, täuschte einen Schlag auf den Kopf an, ließ sich wieder fallen, rollte sich hinter den Nordmann und schnitt in die Kniekehlen seines Gegners. Er fiel überrascht grunzend auf die Knie, als Lothus aufsprang und ihm anschließend mit aller Kraft beidhändig das Schwert in den Nacken hieb. Der Nordmann hatte noch versucht sich zu drehen und die Axt nach ihm zu werfen, aber nachdem das Schwert in seiner Wirbelsäule steckte, fiel ihm die Waffe kraftlos aus der Hand und landete dumpf auf dem Boden.

Blut brodelte aus seiner Schulter und mit einem gurgelnden Stöhnen kippte er nach vorne, blieb dann zuckend liegen. Lothus setzte schnell sein Schwert an den Nacken des Mannes, stieß mit seinem ganzen Gewicht entschlossen zu und beendete sein Leiden fast augenblicklich. Schnaufend, mit Blut und Dreck beschmiert, stand er auf, zog seinen Dolch aus dem Bein des Toten und lief schnell ein Stück den Weg hinunter. Geschafft, dachte er, ich lebe noch. Der erste Gegner war immer der schwerste. Derjenige, der zuerst zuschlug und als Erster tötete, gewann meistens, jedenfalls seiner Erfahrung nach. Und da er in der Unterzahl war, musste er so schnell und brutal wie möglich zuschlagen, sonst hatte er gar keine Chance. Er hockte sich sofort auf den Weg, versuchte gleichmäßig durch den Mund zu atmen um wieder Luft zu bekommen. Er sortierte kurz die Gegenstände, die er vorhin hier hatte fallen lassen. Jetzt kam es drauf an. Inzwischen kamen die Kumpel dieses Nordmannes brüllend die Straße hinab. Sie hatten ihren Kameraden sterben sehen. Würde es ihre Wut anstacheln oder sie verunsichern? Lothus leckte sich über die rissigen Lippen. Er schmeckte Blut. Seines oder das des Toten? Keine Zeit, darüber nachzudenken. Blut würde heute schließlich noch genug fließen. Von wem auch immer.

 

6) 6: Scharmützel

Kerrian lief hinter seinen schreienden Leuten her und dachte fieberhaft nach. Er brüllte dabei nicht, das kostete nur unnötig Luft und Kraft. Als er sah wie der Nordmann fiel, lief er sofort langsamer, um Zeit zu gewinnen. Auch einige seiner Männer liefen nun etwas weniger stürmisch, warfen sich verwunderte Blicke zu. Einer blieb jetzt stehen und nestelte einen Pfeil aus seinem Köcher. Es war Burrup, ihr Bogenschütze. Gut so, dachte Kerrian, ein Paar gut gezielte Pfeile können einem viel Arbeit ersparen. „Teilt euch auf“, rief er ihnen zu, „nehmt ihn in die Zange.“ Wenn sie von zwei Seiten angriffen hatten sie bessere Chancen, diesen übereifrigen Kämpfer zu erledigen. Es war allerdings irritierend, das er keine Anstalten machte, wegzulaufen oder sich mit seinen beiden Gefährten zu vereinigen. Er hockte nur auf dem Weg, starrte ihnen konzentriert mit zusammengekniffenen Augen entgegen. Der Schütze spannte jetzt seinen Bogen, legte den schlanken Kriegspfeil auf die Sehne und zielte. Dann zuckte er, ließ den Pfeil kraftlos von der Sehne fallen und ging stöhnend in die Knie. Sein Oberköper schwankte, bis er zusammenbrach und rückwärts umfiel. Kerrian blieb stehen und sah einen kurzen braunen Stock aus Burrups linkem Auge ragen. Ein Pfeil? Nein, ein Bolzen! Kerrian lief es eiskalt den Rücken herunter.. Mit so was hatte er nicht gerechnet.

Zwei Männer hatten Burrup fallen sehen und rannten zu ihm zurück, die anderen aber stürmten weiter, bis der vorderste stolperte, hinfiel und zuckend liegenblieb. Blut spritze aus einer Halswunde, in der ebenfalls ein kleiner Bolzen steckte, und vergeblich versuchte der Mann seine Wunde mit den Händen zu verschließen. Aber das Blut strömte unaufhaltsam zwischen seinen Fingern auf den Pfad und sein Leben verrann ebenso. Die restlichen Männer blieben nun stehen und sahen entsetzt zu ihren sterbenden Kameraden. „Nehmt ihn endlich in die Zange ihr Idioten“, rief Kerrian noch mal. Die zwei neben der Leiche blieben unschlüssig geduckt stehen, sie befürchteten weitern Beschuss. Doch zwei seiner härteren Männer näherten sich mit vorgestreckten Waffen ihrem Feind. Einer ging nach rechts, der andere nach links. Den zwei Männern, die neben dem toten Bogenschützen standen, befahl Kerrian, ebenfalls anzugreifen. Er selbst zog seine Wurfdolche und ging vorsichtig etwas näher heran. Ihr Gegner erhob sich plötzlich, warf etwas und ging zwei Schritte rückwärts. Der Mann, der ihn von der linken Seite angreifen wollte, ging schreiend in die Knie und fiel vornüber, einen Wurfdolch in der Brust. Die anderen zuckten einen Schritt zurück, als der Fremde wieder etwas Warf und ein weiterer Mann zu Boden sank. Kerrian fletschte die Zähne. Wurfdolche! Das waren eigentlich seine Waffen. Aber vor allem waren es keine Waffen eines ehrbaren Ritters. Jetzt waren noch vier seiner Männer kampffähig und er selbst. Und keiner von ihnen trug eine nennenswerte Rüstung. Er fluchte. So hatte er sich diesen Überfall nicht vorgestellt.
Lothus wartete. Je länger ihm diese Gauner Zeit ließen umso besser. Schweiß rann ihm den Rücken herunter. Seine Gegner waren ausreichend verunsichert und würden nun nicht einfach drauflos stürmen und ihn überrennen. Der Prinz und der Priester, die versteckt hinter der Biegung im Gebüsch lagen, hätten keine Chance gehabt. Allerdings hatte ihm das seine besten Wurfdolche und zwei Bolzen seiner kleinen Bogenschleuder gekostet. Leider hatte er nicht mehr Munition zur Verfügung, der Rest war noch in seiner Satteltasche, sodass er die nutzlose Waffe fallen ließ. Er hatte jetzt nur noch einen Wurfdolch, seinen langen Kampfdolch, das Schwert und ein paar kleine Überraschungen im Gras vor sich. Lauernd kamen wieder zwei dieser Handlanger näher. Gespannt wartete er und achtete dabei auf ihre Schuhe. Einer trug dreckige Halbstiefel aus billigem Leder, der andere spitze hirschlederne Halbschuhe, ebenfalls verdreckt und schlecht gepflegt, die er bestimmt einer wohlhabenderen Person gestohlen hatte. Pech nur, das die Sohlen nur wenig Widerstand boten, als sich die spitzen rostigen Dornen der Krähenfüße in sie hinein bohrten. Schreiend fingen beide an zu hüpfen. Dem einen steckte eine metallene Spitze noch in der Schuhsohle, aus der dünnes Blut tropfte. Gut, dass er von diesen gemeinen Dingern immer einige dabei hatte. Gegen Pferde und Menschen mit dünnen Sohlen wirkten diese Fußfallen immer wieder Wunder. Die verwirrten Männer waren eine leichte Beute für sein Schwert, bald lagen beide vor ihm und bluteten in das dünne Gras. Wieder zwei weniger!

Die letzten beiden starrten ihn wütend an, schwangen drohend die Waffen und fluchten, aber keiner traute sich einen Schritt näher. Der dritte, ein dünner Kerl mit schlecht rasierter Gaunervisage und zwei Wurfmessern, stand hinter ihnen und knurrte unzufrieden. Dies schien ihr Anführer zu sein, entweder der fieseste Schläger oder der schlaueste Mistkerl in dieser Truppe. Einer der beiden Wegelagerer, ein schmieriger hagerer Glatzkopf mit einer eisenbeschlagenen Keule, machte plötzlich einen Ausfallschritt, während der andere, ein rothaariger Schlägertyp mit tief liegenden Augen und einem vor Fett glänzendem Speer, mit seiner Waffe ausholte und in seine Richtung stach. Dabei grinste er gehässig und entblößte schwarze Stummel abgefaulter Zähne. Na wenigstens pflegt er seine Waffe ordentlich, dachte Lothus, als der die glänzende Speerspitze mit dem Schwert parierte. Der Glatzkopf kam nun brüllend angerannt. Er wich zur Seite aus, stach ihm seinen langen Dolch mitten ins Gesicht. Die lange Klinge fuhr in die eine Wange hinein und an der anderen wieder hinaus. Das Brüllen des Mannes verwandelte sich in ein panisches Kreischen. Er ließ die Keule fallen und stolperte mit hervorquellenden Augen davon. Der Speerkämpfer zuckte nicht mit der Wimper, sein Kamerad war ihm wohl egal. Lothus warf aus dem Handgelenk seinen letzten Wurfdolch auf ihn. Der wich aus, der Wurf war auch schlecht gezielt, aber er erfüllte seinen Zweck und lenkte ihn lange genug ab, sodass er am Speer vorbei in seine Hüfte stechen konnte. Blut lief sofort über das Bein und er schwankte. Er trat den Speer beiseite, schlug ihm hart eine Faust ins Gesicht und den Schwertknauf an die Schläfe. Ächzend ging der Mann in die Knie, dann bekam er das Schwert in den Nacken. Dem Glatzkopf lief immer noch Blut aus dem Mund und er hatte beide Hände an die Wangen gelegt, um den roten Strom wenigstens etwas zu stoppen. Blind vor Schmerz irrte er am Versteck von Prinz Sedian und Pater Werriand vorbei. Lothus trat ihm schnell von hinten in die Kniekehlen. Dann spaltete er ihm mit einem Schwerthieb krachend den Kopf. Aus Gebüsch drangen erschrockene Laute, dann übergab sich jemand lautstark. Lothus schnaufte, drehte sich um und sprang seitwärts in die Sträucher.

 

7) 7 Mäntel und Kutten

Kerrian stand in einem halbdunklen Raum, spärlich von alten Kerzenstumpen erhellt. Schatten tanzten über Boden und Decke und machte die verhüllte Gestalt vor ihm unkenntlich. Es war alles wie immer! Eine Hand erschien grau im bleichen Licht und warf ihm einen Beutel mit klimpernden Münzen zu, den er geschickt auffing und unter seinem Gürtel verstaute. Natürlich trug sein gegenüber einen Kapuzenmantel. Oft trugen seine Auftraggeber eine Kutte, oder man stand hinter einem Paravent, sodass nur eine behandschuhte Hand zu sehen war. Auch sehr dramatisch. Außer man vergaß dummerweise, vorher seinen fetten, deutlich sichtbaren Siegelring abzunehmen. Einer hatte sich sogar mal als Frau verkleidet, ein anderes Mal eine Frau als Mann. Solche Spielchen gehörten halt zum Geschäft und waren Bestandteil der Erwartungen der Leute. Er hatte nichts gegen die Marotten der Auftraggeber, solange sie ihn ordentlich bezahlten. „Willst du nicht nachzählen?“ erklang die nur schlecht verstellte Stimme aus dem Mantel gegenüber. Wenn man die Herstellung von Kutten und Kapuzenmänteln verbieten würde, könnte man nicht allein damit die Verbrechensrate im ganzen Weltenrund um die Hälfte reduzieren? Kerrian schüttelte den Kopf. „Wenn es nicht stimmt, komme ich halt wieder und töte dich.“ Der Kapuzenmantel schwieg eine Weile und räusperte sich dann. „Nun… gut zu wissen. Es ist nützlich alle, ähem, Optionen zu kennen.“

Er deutete mit seinem Kapuzenärmel auf die Landkarte, die vor ihm auf dem staubigen Tisch ausgebreitet lag. „Ich denke…“, begann der Mantelträger, dann hustete er übertrieben. Er hatte vergessen, seine Stimme zu verstellen, und fing noch einmal in anderer, höherer Stimmlange an. „Ich denke, dieser Ort ist am besten geeignet.“ Er hustete wieder. „Ich habe alle Informationen die ich über den Leibwächter bekommen konnte abgewogen und bin zu dem logischen Schluss gekommen, diese Stelle ist am besten geeignet“. Kerrian nickte und schaute gelangweilt auf die Karte. Er kannte das Land wie seine löchrige Hosentasche, mit gemalten Linien auf Pergament konnte er nur wenig anfangen. „Solange es bei nur einem einzigen Wächter bleibt, kein Problem.“ „Er ist ein abgehalfterter ehemaliger Ritter. Ich bin sicher du wirst deinem Ruf gerecht werden.“ Daran dachte Kerrian, als er nun auf dem staubigen Pfad stand, als Letzter seiner Truppe. Ja, sein Ruf. Den hatte er sich sorgsam aufgebaut. Je übler der Scheißkerl, desto besser die Bezahlung, hieß es. Meistens genügte schon die bloße Überzahl seiner grimmig aussehenden Männer, um jeden Widerstand zu brechen. Oder reichlich verspritztes Schafs- oder Ziegenblut. Der Anblick seiner bluttriefenden johlenden Truppe ließ dann die reichen Damen und Herren schnell reihenweise in Ohnmacht fallen, und jeden unerfahrenen Wächter die Waffen strecken. Echte Auseinandersetzungen mied er so weit wie möglich. Tote und Verletzte waren letztendlich schlecht für das Geschäft. Doch diesmal schien alles anders.

Ein Schauer lief ihm über den Rücken. Er hatte in jeder Hand zwei Wurfmesser und war bereit, diese auch zu benutzen. Als er gehört hatte wie hinter der Biegung sein letzter Mann gefallen war, das Geräusch seines zerspringenden Schädels ließ ihn bittere Galle hochwürgen, hatte er unwillkürlich einige Schritte zurückgemacht. Er war kein sehr mutiger Mann, aber auch kein Feigling. Zumindest war er nicht wahnsinnig wie dieser Leibwächter, der einfach alle seine Männer getötet hatte! Und als Ersten den Nordmann. Nie wieder würde er sein verrücktes Kauderwelsch hören und Entsetzen schnürte ihm den Magen zu. Ein plötzliches Rascheln hinter ihm ließ ihn zusammenzucken und fast seine Messer verlieren. Aber da war niemand. Schweiß sammelte sich an seinem linken Augenlid und brannte im Auge. Er blinzelte, wagte aber nicht, sich zu bewegen. Er starrte nervös in die Umgebung, blickte dann hektisch um sich und drohte der Luft mit seinen Messern. Wieder niemand. Eine Hummel brummte. Wind strich über den Pfad. In der Ferne wieherte irgendwo ein Pferd. Vom Blut angelockte Schmeißfliegen summten hektisch herum und in der graublauen Höhe ertönte der lang gezogene Schrei eines Raubvogels. „Schöner Tag heute, nicht wahr?“ Die Stimme ertönte heiser und kehlig direkt hinter seinem Kopf. Er erstarrte und die Härchen in seinem Nacken richteten sich auf. „Etwas windig vielleicht“, krächzte er mit trockenem Mund. Anscheinend hatten sich eben alle seine Körperflüssigkeiten zu einem Eisklumpen verschmolzen, der sich nun um sein Herz legte. Eine kalte, harte Spitze kitzelte seinen Rücken. „Hm, war schon schlimmer“, brummte die Stimme. „Und jetzt zeig mal deine Waffen her, aber schön langsam.“

Mit zwei Lederriemen Band Lothus Kerrians Hände auf dem Rücken zusammen, zog ihm seinen Gürtel aus und band ihn um die Beine. Dann flocht er ein altes Tau um die Handfesseln und drückte es entschlossen Werriand in die Hand. „Was soll das?“ fragte er Lothus entsetzt. Er war immer noch etwas grün im Gesicht und hatte sich, erst nachdem der letzte Wegelagerer überwältigt war, aus dem Unterholz hervor gegraben. „Ich muss die Pferde holen, ihr paßt auf den Dreckskerl hier auf. Wir müssen ihm anschließend ein paar sehr gute Fragen stellen. Ein Seil werdet ihr wohl doch halten können, oder?“
„Na… natürlich“, stotterte der Pater und fühlte sich sichtlich unwohl. Der Gefangene starrte nur resigniert auf den Boden. Prinz Sedian stand noch etwas abseits am Wegesrand und stieg vorsichtig über einen der Toten hinweg. Er wagte es nicht, genauer hinzusehen und war immer noch kalkweiß im Gesicht. Lothus ging zu ihm und packte ihn am Arm. Der Prinz zuckte zurück. „Ich gehe die Pferde suchen, bleibt ihr bei eurem Lehrer und paßt zusammen auf den Gefangenen auf.“ Sedian sah ihn an, als hätte er kein Wort verstanden. Plötzlich ertönte ein spitzer Schrei hinter ihnen. Lothus lief fluchend mit gezogenem Schwert zurück. Werriand lag rücklings auf dem Boden, das Tau noch in der Hand und versuchte sich aufzusetzen. Lothus zog den dicken Pater grob hoch und fauchte ihn an. „Was habt ihr gemacht?“ Werriand schnappte nach Luft und zitterte. „Er warf sich plötzlich gegen mich. Ich lag auf dem Boden, dann war er irgendwie verschwunden.“ „Verdammter Narr.“ Lothus sah sich suchend um, Spuren führten über den Pfad ins Unterholz. Er hieb ein paar Mal mit dem Schwert in die Büsche, scheuchte aber nur ein Paar Vögel und Mäuse auf, die panisch davon huschten. Niemand war zu sehen oder zu hören, keine brechenden Äste, das Schnaufen eines rennenden flüchtenden Mannes oder Rascheln von Buschwerk, weil jemand hastig hindurch brach. Aber nichts. Als hätte der Erdboden ihn verschluckt.

 

8) 8 Bittere Erfahrungen

Mit einem leisen Schmatzen entfernte Lothus seinen Bolzen aus dem Auge des Toten vor ihm. „Ein guter Schuss“, meinte Pater Werriand kleinlaut, der ihn beobachtete. Wegen der Flucht des letzten Räuberhauptmanns hatte er ein schlechtes Gewissen, was aber Lothus überhaupt nicht interessierte. „Kein guter Schuss, ich hatte auf die Brust gezielt. Die Sehne muss feucht geworden sein oder ich habe zu sehr gezittert.“ Lothus zog ärgerlich seine Wurfdolche aus dem nächsten Mann. „Das war nicht sehr ritterlich. Messer und Bolzen, “ kommentierte Sedian diesmal, der in eine Decke gehüllt daneben stand und angeekelt das Gesicht verzogen hatte. „Nun eure Hoheit“ erwiderte Lothus finster, „ihr könnt ja das nächste Mal, wenn eine Horde Wegelagerer auf euch zu gerannt kommt und ihre Äxte schwingt, sie höflich darum bitten, euch doch bitte auf ritterliche Weise den Bauch aufzuschneiden und die Gedärme raus zu reißen.“ Wütend stapfte er auf den nächsten Toten zu und stieß ihn mit dem Fuß an. Er erkannte den Bogenschützen. „Im Turnier, da gibt es Regeln“, schimpfte er weiter, „in der Schlacht gibt es keine. Nur Leben, Verkrüppelung oder Tod. Das sind die Regeln des Lebens, Prinz. Du oder der andere. Mehr nicht.“

Er kniete sich neben den toten Bogenschützen und durchsuchte seine Kleider. „Was macht ihr da, etwa plündern?“ Sedian war entsetzt. Lothus rollte mit den Augen und seufzte. „Erstens, diese Burschen hier brauchen ab jetzt weder Geld noch Proviant, wir schon. Zweitens könnten wir Informationen darüber finden, wer sie waren und wer sie beauftragt hat, uns aufzulauern. Und drittens ist plündern das verbriefte Recht des Soldaten. Euer Herr Vater, Fürst und Oberbefehlshaber, hat persönlich eine Bulle dazu verfasst. In dieser ist genau aufgeführt, wie viel einem Soldaten, Korporal, Hauptmann oder General von den Ergebnissen einer Plünderung, Beschlagnahmung, Enterung oder Eroberung zusteht. Selbst der Fürst bekommt von allem seinen festgelegten Anteil. Hier.“ Er warf Sedian eine angelaufene Kupfermünze zu. „Das steht euch als sein Vertreter zu.“ Angeekelt ließ der Junge die Münze fallen und marschierte Wortlos zu seinem nervös wartenden Pferd. „Er ist noch jung“ versuchte der Pater einzulenken. „Der Zweitgeborene. Sein Bruder ist der Soldat in der Familie. Lasst ihm doch etwas Zeit.“ „Was habt ihr ihm eigentlich beigebracht?“ herrschte Lothus ihn an. „Ihr wollt, dass dieser Vogel fliegt, erzählt ihm aber weder etwas über Flügel noch über die Luft. Außerdem haben wir keine Zeit. Er muss schnell Erwachsen werden, sonst wird es schwer hier draußen. Es war auch nicht meine Idee, den Jungen einfach drauflos in den Norden laufen zu lassen. Packt bitte mit an, Pater.“

Gemeinsam zogen sie die Leiche an den Füssen über den Pfad, bis in den nächsten Graben abseits der Böschung. „Was tun wir?“ Schnaufte Werriand fragend mit hochrotem Gesicht. Lothus richtete sich auf und bog stöhnend den Rücken durch. „Wir schleppen alle Toten in den Graben, damit sie zumindest vom Weg runter sind. Dann sprecht ihr ein schnelles unverdientes Gebet für sie und danach reiten wir was das Zeug hält.“ „Wir begraben sie nicht?“ Lothus wischte sich die Stirn mit seinem Ärmel und schmierte sich Blut und Dreck auf die Haut. „Natürlich würde ich ihnen allen ein schönes Begräbnis mit einem stattlichen Grabstein zukommen lassen. Leider haben wir es eilig, und ich bin Soldat und kein Steinmetz!“ „Warum denn diese Eile?“ „Falls dieser Dreckskerl denn ihr dankenswerterweise habt entkommen lassen, hier noch weiter Freunde hat, vielleicht Wachen die auf Proviant aufgepasste haben, oder noch mehr Männer in einem entfernten Unterschlupf, dann sollten wir machen das wir hier wegkommen, bevor sie hier ankommen und nach uns und ihren toten Kameraden suchen. Auf diesen Pfad kommt nur alle paar Monate jemand vorbei, also waren sie entweder sehr dumme und erfolglose Räuber oder gekaufte Mörder. Da sie nicht verhungert aussahen, denke ich Letzteres.“ Sie räumten gemeinsam mühsam die Toten beiseite und ritten den ganzen restlichen Tag, bis es zu dunkel wurde. Lothus blieb die ganze Zeit auf der Hut, sah sich immer wieder um und ritt mit der Hand am Schwertgriff, die Bolzenschleuder Schussbereit. Sie schlugen ein schnelles Lager auf und machten nur ein kleines verdecktes Feuer. Allen saßen die Erlebnisse des Tages noch in den Knochen und keiner murrte. Da es zu dunkel wurde, um Sedian noch zu unterrichten, saßen sie nur stumm um das kleine glimmende Feuer und froren, obwohl diesmal die Nacht nicht so kalt war wie die letzte. Werriand bot sich überraschend als Freiwilliger für die erste Wache an und setzte sich mit einer Decke an den Rand des kleinen Wäldchens, in dem sie lagerten.

„Es ist kalt“, maulte Sedian nach einer Weile leise. „War schon schlimmer“, antwortete Lothus abwesend und ölte mit einem alten Lappen seine Wurfdolche. Der Prinz spielte gedankenverloren mit einem Ast, der zu ihrem Feuerholz gehörte, das wie immer sein Leibwächter gesammelt hatte. „Ihr habt heute viele Männer getötet.“ Fing er wieder das Gespräch an. „Jo, war schon mehr“, Lotus besah sich eine schartige Stelle an seinem Dolch und runzelte verärgert die Stirn. „Ihr könnt mir glauben, Prinz Sedian, dass es mir keinen Spaß gemacht hat.“ Lothus wandte sich ihm zu und legte die Waffen beiseite. Anscheinend wollte der Junge diesmal reden statt wie sonst nur missmutig am Feuer zu sitzen. „Es bereitet mir gar keine Freude, mein Schwert in andere Menschen zu stechen. Ob ihr es glaubt oder nicht. Aber manchmal geht es nicht anders. Wenn mich jemand mit einer Axt angreift, diskutiere ich nicht mit ihm über seine Beweggründe. Ich habe gelernt mich zu wehren und möchte nicht zuerst sterben. Und leider verstehen zu viele Menschen nur die Sprache der Gewalt“. Er nahm sich wieder einen Dolch und untersuchte ihn kritisch. „Ich bin auf dieser Reise immer in Unterzahl, daher muss ich so schnell und hart zuschlagen wie möglich, sonst habe ich keine Chance“. Sedian sah starr und nachdenklich in die Glut, während Lothus seine Klinge wieder weg legte, sich mit seinem Tischmesser ein Stück Trockenfleisch zurecht schnitt laut darauf herum kaute. Er brummte und deutete dann mit dem Messer auf den Prinzen. „Nein, töten ist keine schöne Sache. Aber ich habe Männer kennengelernt, denen es echte Freude bereitet. Sie ergötzen sich am Schmerz anderer, und solche Kreaturen verachte ich zutiefst.“ Sedian warf achtlos sein Holzstück in das Feuer und kleine Funken stoben in die wolkenverhangene Nacht. „Pass auf Junge, bei dieser Dunkelheit sieht man einen Funken meilenweit.“ Lothus sortierte seine Waffen und verstaute sie sorgfältig, die meisten an seinem Körper. „Ich habe grade mal ein Tischmesser“, bemerkte Sedian und hielt sein kleines einschneidiges Messer hoch, mit dem er aß und Fleisch oder Obst schnitt. Lothus brummte wieder, langte in die Satteltasche hinter sich und warf Sedian etwas in den Schoß. Dieser bekam einen Dolch zugeworfen, fast so lang wie sein Unterarm, mit einer einschneidigen leicht nach unten gebogenen Klinge, einem hölzernen Griff und einer kurzen Parierplatte aus Messing.

Überrascht wog es der Junge es in der Hand. „Na, das ist was Schwerer als dieses Messerchen da, was? Man nennt so was im hohen Norden einen Scramax. Man trägt es waagerecht am Gürtel, damit man es jederzeit ziehen kann. Hier, die Scheide gehört dazu.“ Der Prinz fing die mit Fell gefütterte Scheide ungeschickt auf und überlegte sogleich wie er sie befestigen konnte. „Seht immer zu, dass die Klinge gefettet ist, damit sie nicht rostet. Dafür ist das Fell in der Scheide da. Ich habe die Klinge schon lange und ihr könnt sie jetzt eher gebrauchen. Ein Schwert würde auch nichts nutzen, ihr würdet euch nur die Finger abhacken oder schlimmeres. Ich gehe dann mal Werriand ablösen.“ Der Prinz sah schweigend seinem Wächter nach, der leise durch den dunklen Wald schlich und freute sich insgeheim. Jetzt hatte er seine erste eigene Waffe und fühlte sich auch nicht mehr ganz so hilflos. So wie er sich beim Überfall gefühlt hatte.
Der Nächste Tag begann klamm und kalt, am grauen Himmel zeigte nur ein blendend heller Fleck wo sich die Sonne befand. Sedian hatte seinen Dolch am Gürtel befestigt und spielte Stolz damit herum. Werriand sah dies weniger gerne und ermahnte ihn. Schließlich sollte er ein Mann des Glaubens werden und nicht des Schwertes. Sie ritten einige Stunden, dann ließen sie die Pferde an einem Bach etwas Saufen und grasen. Bis zum Mittag gingen sie mit den Tieren an der Hand um sie zu schonen, nach einem kargen Mittagsmal aus Wasser, von Werriand begeistert gesammelten Brombeeren und zähem Trockenfleisch ritten sie wieder weiter bis zum Abend. Ständig waren alle auf der Hut, selbst Werriand blickte öfter hinter sich und hatte mehr Augen für den Weg als für die Natur am Wegesrand. Oberhalb eines Hügels mit Buschwerk und gutem Blick auf die Umgebung schlugen sie ihr Nachtlager auf. Während Werriand mit Sedian eine Theologiestunde durchführte, hielt Lothus wache und überlegte, wohin die Reise als Nächstes gehen sollte. Er musste jetzt etwas tun, was man nicht von ihm erwartete. Der Hinterhalt hatte gezeigt, dass er berechenbar gewesen war, was ihn ärgerte. Der Unterricht war wohl schon beendet, jedenfalls hörte er den Pater hinter sich schnaufend auf sich zukommen. „Da, was ist das denn?“ Rief er plötzlich. Lothus blickte alarmiert in die Richtung, in die der Pater aufgeregt zeigte. „Ein blauschwänziger Partisanenhäher. Wer hätte das gedacht, in dieser Gegend.“ Lothus atmete auf und fuhr sich mit der Hand durch das stoppelige kurze Haar. Vielleicht sollte er ihn hier irgendwo an einen Baum binden und mit dem Prinzen allein weiterziehen? Werriand sah den finsteren Blick seines Gegenübers und machte ich schnell wieder ins Lager davon. Als es dämmerte, ging Lothus ebenfalls zurück.

„Werden wir auch irgendwann in die zivilisierte Welt zurückkehren oder nur noch durch Gottes Natur ziehen?“ Wurde Lothus gefragt, als er grade beginnen wollte, sein kräftiges Pferd zu striegeln. „Oh, wir werden bald einkehren, aber ebenfalls mitten in der Natur“, antwortete er Werriand rätselhaft. „Ich schätze morgen werden wir unser Ziel erreichen, danach dauert es noch 2 Tagesreisen, bis wir ein Dorf erreichen. Dort hoffe ich noch mal Proviant fassen zu können.“ „ Ah, ein Dorf, mit einem Wirtshaus sogar? Das wäre mal eine Abwechslung. Ich werde dafür beten.“ „Vergesst den Prinzen nicht dafür“, warf Lothus ein und grinste. „Wofür?“ „Für das Gebet. Bringt es ihm bei. Ich finde, solche nützlichen Gebete wie Wirtshäuser herbeiwünschen, so etwas kann man immer brauchen“. Werriand verdrehte nur die Augen und stapfte zu seinem Schützling. „Er ist einfach unverbesserlich“, zischte er. „Müssen wir noch etwas durchnehmen?“ fragte ihn Sedian müde. „Natürlich. Der neue Ritus nach Borothon. Der ist im Norden sehr beliebt geworden.“ Der Pater plapperte noch eine Weile vor sich hin, Lothus hörte aber nicht weiter zu. Er versorgte die Pferde und das Muli, wobei ihn Sedians Vollblut dauernd beißen wollte und Werriands Tier sich einen Spaß mit ihm erlaubte indem es immer dann einen Schritt auswich, wenn er die Satteldecke abnehmen wollte. Solange es nur solche Probleme sind, geht es ja noch, dachte Lothus, als er im Wäldchen einigen Fallen aufstellte, die sie vor unliebsamen Besuchern warnen würden, legte aber auch ein Paar Jagd-Schlingen aus, um wenigstens ein Kaninchen zu fangen, um damit ihre magere Kost aufzufrischen. Dann legte er sich ans Feuer auf seine Decke und stieß Werriand mit einem langen Ast an, der sein leises Streitgespräch mit seinem Schützling verwirrt unterbrach. „Ihr müsst nichts tun. Lasst nur das Feuer nicht ausgehen. Weckt mich, wenn ihr nicht mehr könnt“. Dann drehte er sich demonstrativ um und schlief ein.

Die Nacht blieb ruhig und als Lothus bei Morgengrauen seine Fallen und Schlingen untersuchte, fand er nichts Beunruhigendes, aber leider auch kein Kaninchen. Im Lager standen seine Begleiter steif um die vergehende Glut des Feuers herum. Der Pater schaute verdrossen in den Himmel, der grau war wie Stein und mit tief hängenden nassen Wolken drohte. Sie nahmen ein kaltes Frühstück ein, dann rollte Lothus seine klamme Schlafstatt zusammen. Werriand und Sedian hocken vor der letzten Glut und versuchten noch etwas Wärme einzufangen. „Werft Sand oder Erde drauf und löscht es. Ihr könnt auch drauf pinkeln, wenn ihr könnt. Wir werden dafür kein Trinkwasser verschwenden“. „Pinkeln?“ fragte Werriand und formte das Wort als hätte er das Wort zum ersten Mal gehört. „Ja, es löscht das Feuer und erleichtert die Blase. Dann müssen wir später auch nicht so viel anhalten. Ihr könnt natürlich auch üben, vom Pferd aus zu pissen, aber dazu gehört Übung“. Lothus bepackte sich mit Decken und zwei Sätteln und ging ohne eine Miene zu verziehen zu den Pferden. Werriand schaue ihm hinterher, unschlüssig, ob dieser merkwürdige Mann eben einen Scherz gemacht hatte oder nicht. Sedian lockerte inzwischen seinen Hosenbund. „Gütiger Gott!“ Lothus hörte den Pater entsetzt rufen, als er sein Pferd sattelte. Und grinste dabei.
Als sie endlich aufsaßen, zog sich der Himmel immer mehr zu, Kälte kroch über den Boden und tastete nach ihren Beinen. Schlecht gelaunt schnaubten die Pferde, fröstelnd bliesen die Reiter ihn ihre kalten Hände. Lothus führte sie schweigend über unsichtbare Pfade durch den Wald. Nach einigen Augenblicken hatte bereits ein Vorhang aus Nebelschleiern und dünnem Regen sie verschlungen.

Wird fortgesetzt…


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