Wie Drachen fliegen lernen | Ein Wort zu viel - Der Story Blog

Wie Drachen fliegen lernen

 

1) Kapitel 1 Irgendwo südlich von Grautal

 

„Jetzt beil dich doch.“
„Ich tue ja schon was ich kann.“
„Ja aber dann dauert es immer sooo lange.“
„Jetzt halt endlich still, sonst bekomme ich diesen Bolzen nie los, ist total verrostet das Ding.“
„Bis du fertig bist, ist der Rest der Kette auch schon verrostet.“
„Du hast gut reden, wer ist denn in diese dämliche Falle getappt und hat eine Kette am Bein?“
„Bla bla bla. Ich habe sie wirklich nicht gesehen.“
„Weil du deinen dicken Kopf zu weit oben trägst. Jetzt halt endlich still!“
„Aua, du bist immer so grob zu mir. Jetzt ist bestimmt eine Schuppe abgebrochen.“
„Du hast genug davon, oder? Jetzt…nicht…bewegen.“ Angestrengt zog Jorn mit seiner Zange an dem Bolzen, der die Kette verankert hielt. Er schnaufte laut, dann klirrte es und alle Kettenglieder fielen lärmend zu Boden.
„Puh, dein Fuß ist nun frei, Corra.“
„Na endlich, er war fast schon eingeschlafen.“
„Dann passe ab jetzt besser auf! Die Kette des Magiers war diesmal schon stabiler als die letzte. Er lernt dazu.“
„Pah, er lernt dazu. Er hat zufällig irgendwo eine bessere geklaut als sonst.“
Jorn wischte sich den Schweiß von der Stirn und betrachtete den grün geschuppten Fuß vor sich.
„Er ist gefährlich, wir dürfen ihn nicht unterschätzen. Ich kann nicht immer auf dich aufpassen.“
„DU passt auf MICH auf?“
Ein raues Lachen erklang über ihm, aber Jorn ignorierte es und packte sein Sachen wieder zusammen. Zum Glück hatte er sein bestes Werkzeug mitnehmen können, als er Meister Gebb verlassen hatte.
„Wie ich schon sagte,“ erklärte er ohne aufzusehen, „du trägst deinen Kopf zu hoch. Daher achtest du nicht mehr auf die kleinen Dinge, die sich unter dir befinden.“
„Ach ja? Kleine Dinge wie dich vielleicht, Jorn der Schmied?“
„Sehr witzig. Fallen zum Beispiel. Jetzt lass´ uns von hier verschwinden.“
Er warf sich den Beutel mit dem Werkzeug über die Schulter und spähte, mit einer Hand über den Augen, den Pfad entlang, der vor ihnen lag.
„Wenn alles gut geht, schaffen wir den Weg in einem halben Tag und erreichen die nächsten Stadt vor Sonnenuntergang.“
Er sprach, ohne sich umzusehen, bis hinter ihm ein lautes Scheppern und ein ärgerliches Schnauben erklang.
„Äh… Jorn?“
Er ließ seine Schultern hängen und fasste sich mit einer Hand an die Stirn.
„Was ist denn?“ fragte er müde und drehte such langsam um. Corra stand am Rande der Lichtung, sie hatte ihren langen Hals nach unten gebogen und betrachtete etwas zwischen ihren vier Beinen. Dann hob sie wieder den Kopf, pendelte ihn in Jorns Richtung ein und machte ein verlegenes Gesicht – jedenfalls soweit es ihr möglich war.
„Ich glaube da hängt wieder so eine magische Kette an einem meiner Füße.“
„Corra!“
„Ich weiß auch nicht, wie das jetzt passieren konnte, ich habe nichts bemerkt, wirklich.“
„Nicht schon wieder.“
„Machst du es wieder ab? Bitte bitteee.“
Jorn schnaubte wütend und warf seinen Beutel auf den Boden.
„Du dummer Drache, so kommen wie niemals weiter.“
„Pah, Menschen. Immer nur ärgern, aufregen…machst du es nun ab?“
Corra, die junge Drachendame, hob demonstrativ ihr rechtes Hinterbein mit der Kette an und versuchte zu Lächeln.


2) Kapitel 2 Vier Wochen zuvor, in einem abgelegenen Tal

Jorn freute sich, bald zu Hause zu sein. Es hatte den ganzen Tag gedauert, den Pflug von Bauer Jem Blaubach zu reparieren. Länger, als er gedacht hatte. Aber nun freute er sich auf ein schönes selbstgebrautes Feierabend-Bier in Meister Gebbs Wohnstube. Das einzige, was seine Stimmung ein wenig trübte, war dieses dauernde, nervige Klirren, das seit einiger Zeit das kleine Tal erfüllte, durch das er wanderte. Er blieb auf dem Trampelpfad stehen, legte den Kopf schief und horchte. Ja, tatsächlich, irgendwo klirrte es metallisch, als würde jemand leise mit einer Eisenkette rasseln. Einige Rotkehlchen und Meisen hüpften und zwitscherten um ihn herum, er verscheuchte sie mit einem Armwedeln und drehte sich, um festzustellen, aus welcher Richtung dieses Geräusch kam. Eigentlich war der Weg durch dieses Tal nicht sein üblicher in die nördlichen Dörfer, aber er kürzte ihn gerne ab, wenn das Wetter gut war, denn hier gab es nur dünne Trampelpfade durch die Wälder, von Tieren und einigen wenigen Reisenden geschaffen. Er verließ den Pfad und schlug sich durch Sträucher und Unterholz, während das metallische Rasseln und Klirren langsam lauter wurde. Ab und zu ertönte auch ein lautes Zischen, wie von einem Blasebalg in der Schmiede. Er ging langsamer und achtete darauf, nicht zu viel Lärm zu verursachen. Er war zwar groß und kräftig, aber außer mit seinem Werkzeugen nicht bewaffnet und auch kein geübter Kämpfer. Vorsichtich schlich er weiter, bis die Geräusche immer lauter wurden. Dort drüben schien tatsächlich jemand mit einer Kette zu hantieren. Aber mitten im Wald? Rehe und Kaninchen fing man damit jedenfalls nicht. Er sah zwischen den eng stehenden jungen Birken vor sich etwas grünlich aufblitzen, wie von einem schillernden Eisvogel. Es klirrte laut, wieder zog jemand diese lärmende Kette über den Boden und ließ sie fallen. Geduckt schlich er bis an den Rand einer Lichtung, umsäumt von fahlen Birken und silbrigen Buchen. Da hörte er es wieder.

Klirr-Klonk-Rumms. Klirr-Klonk-Rumms.

Er kratze sich am Hinterkopf. Was hatte das zu bedeuten? In der Hocke wollte er an einem Baum vorbei auf die Lichtung schauen – doch da verfing er sich in einer Wurzel, geriet aus dem Gleichgewicht, versuchte sich abzufangen, geriet ins Taumeln und fiel einige Schritte auf die Lichtung, mitten ins Gras. Erschrocken blieb er auf dem Bauch liegen. Mit angehaltenem Atem betrachtete er ein Büschel Sauerampfer vor sich. Wer immer auf der Lichtung herumhantiert hatte, dem war er ganz sicher aufgefallen. Plötzlich lag ein Schatten auf ihm und ihm wurde bewusst, dass er beobachtet wurde. Er schluckte, drehte ganz langsam den Kopf und hielt die Augen halb geschlossen, in Erwartung, einen mit Messern und Schwertern bis an die Zähne bewaffneten Räuber zu sehen. Er spannte seine Beine an, um Notfalls sofort aufzuspringen und weglaufen zu können. Über sich sah er etwas die Sonne verdunkeln. Er blinzelte und öffnete vorsichtig ein Auge ganz. Etwas Schillerndes war über ihm. Grün in verschiedenen Schattierungen. Und es bewegte sich hin und her, wie der Kopf einer Schlange. Er öffnete beide Augen und Eiswasser lief durch seine Eingeweide. Es war groß. Es war direkt vor seinem Gesicht. Riesige Nüstern, grünbraune Lippen, die spitze, fingerlange und elfenbeinfarbene Zähne entblößten.
„Scheiße, ein Drache!“
„Mist, ein Mensch.“
Eine Stimme, merkwürdig hell, doch gleichzeitig grollend, blies ihm schnaubend die Haare aus dem Gesicht. Und er hatte das Gefühl, aus den Nüstern auch etwas… Feuchtigkeit abbekommen zu haben. Jedenfalls fühle sich sein Gesicht nass an. Und verdammt blutleer. Dafür schien seine Blase plötzlich bis zum Bersten gespannt zu sein und bettelte förmlich darum, sich sofort entleeren zu dürfen. Der schuppige Schädel des Drachen fuhr etwas zurück und Jorn blickte in zwei gold-gelbe Augen, mit einer geschlitzten Iris, wie bei einer Katze. Einer sehr ärgerlichen Katze.

„Was machst du hier?“ fragte die grollende, helle Stimme, die aus dem Maul des Drachen stammte, wie er erstaunt erkannte.
„Du…du…du kannst sprechen?“
„Offensichtlich, so wie du auch, und das wundert mich nicht minder, Mensch!“
„Wa…wa…was?“
„Oje, hat sich dein Wortschatz damit schon erschöpft? Armes Menschlein. Du bist kein Zauberer, oder?“
„Zau…zau…Zauberer?“
„Also wenn du immer so stotterst, wird diese Unterhaltung ziemlich ermüdend, Mensch.“
Der Drachenschädel entfernte sich etwas von Jorn und er rutsche auf dem Hosenboden einige Handbreit zurück. Wenige Yards vor ihm erkannte er zwei krallenbewehrte Füße, kräftige lange Beine, mit feinen, hellgrünen Schuppen bedeckt, die sich zum Leib hin immer dunkler färbten. Und der Leib war beachtlich. Der Drache wandte eben den Kopf ab, sodass sich Jorn traute, näher hin zu sehen, in einer Mischung aus Angst und Faszination. Das Ungeheuer war so groß wie zwei Kaltblüter übereinander, an den Schultern, hinter den Vorderbeinen, lagen zwei lederne Flügel dicht am Rücken an, dahinter zwei kräftige Hinterbeine, ein langer dunkelgrüner Schwanz…halt, an einem der Hinterbeine hing etwas. Jorn setzte sich ein wenig auf und blinzelte einige Mücken weg, die um seine Augen schwirrten. Ja, er hatte richtig gesehen. Eine lange schwarze Eisenkette, mit Gliedern so dick wie sein Unterarm, war an ein Hinterbein des Drachen gebunden. Sie hing ein wenig in der Luft und endete an einem langen, spitzen Pflock im Boden. Erstaunt blickte er auf den Pflock, eine Stange aus dickem, schlecht gehämmertem und rostigem Eisen. So etwas hielt einen Drachen gefangen? Er erhob sich und klopfte sich den Staub aus der Hose. Dabei überprüfte er unauffällig, ob er sich nicht doch eingenässt hatte. Nein, zum Glück noch nicht. Der Kopf des Drachen schwang wieder herum und die gelben Katzenaugen musterten ihn. Und trotz der Reptilienhaften Mimik des Ungeheuers hatte Jorn das Gefühl, dass es ihn sehr unzufrieden anblickte.
„Du hast meine Frage noch nicht beantwortet, Mensch.“
„We…welche Frage?“
„Oh, ich vergaß, dein kleiner Kopf hat nur ein kleines Gehirn und daher nur ein kurzes Gedächtnis.“
Die Lippen den Drachenmauls verzogen sich etwas und Jorn glaubte, ein spöttisches Lächeln darin zu sehen. Jorn kratze sich am Hinterkopf und versuchte, nicht an seine Blase zu denken. „Äh…ich bin kein Zauberer“, brachte er halbwegs ohne zu stottern raus.
„Das habe ich mir fast gedacht. Was bist du dann, Mensch?“
Die Stimme des Drachen grollte über ihn hinweg und ließ ihm alle Haare zu Berge stehen. So musste sich Gebbs verrückte Schwiegermutter auch anhören, wenn sie mit einer Erkältung in einem Gewitter stand und sich eine Zinkwanne über den Kopf hielt, dachte er.
„Ich bin Jorn, der Schmied,“ erklärte er hastig.
„Aha, du bist also ein Jornderschmied?“ sagte der Drache.
Jorn schüttelte den Kopf. „Nein, mein Name ist Jorn und ich bin ein Schmied, verdammt.“
Langsam wurde es ihm doch etwas zu blöd, auf den Arm nehmen lassen wollte er sich nicht, auch nicht von einem haushohen Ungeheuer.
„Also Jorn. Und Schmied. Und verdammt. Tja, verdammt sind wir wohl alle.“
Der Drache schüttelte den Kopf und schnaubte, was Verärgerung oder Belustigung sein konnte.
„Und du kannst als Schmied mit…hm…mit Werkzeug umgehen?“
Jorn runzelte die Stirn. Was sollte das alles? Wieso hatte dieses grünschillernde Monstrum ihn nicht schon längst verschlungen? Sein Blick wanderte über den Körper des Drachen zu der Kette, die immer noch gespannt einige Handbreit über den Boden hing, da der Drache ständig daran zog.
„Ich könnte dich von der Kette befreien“, sagte er und biss sich auf die Lippen.
Hatte er das jetzt wirklich gesagt?
„So ein Mist“, antwortete der Drache und verengte die Augen zu schmalen Schlitzen, die ihn musterten wie eine Schlange die Maus vor ihrem Loch. „Genau das habe ich befürchtet.“


3) Kapitel 3 Drachen müssen draußen bleiben

Jorn ging langsam auf die Stelle zu, an der die Kette verankert war. Der Drache hinter ihm drehte sich etwas und beobachtete ihn interessiert. Er betrachtete die Eisenstange und rüttelte dann daran. Nichts bewegte sich, sie schien fest in der Erde verankert zu sein. Sein Blick wanderte über die Kette.
„Ziemlich schlecht gemacht. Schau dir diese Schmiedearbeit an. Total grob. Hat der Kerl die selbst angefertigt?“
„Ich weiß es nicht,“ antwortete der Drache.
„Typisch, da lesen die Leute in einem Buch und schon denken sie, schmieden ist ja so einfach. Ich muss jahrelang als Geselle arbeiten und lernen.“
Jorn tastete kundig über die Kettenglieder und schüttelte angewidert den Kopf.
„Wenn ich die Meister Gebb zeige würde, er käme aus dem Lachen nicht mehr raus.“
„Das freut mich das ihr euch über so was amüsieren könnt, Mensch. Kannst du die Kette entfernen oder nicht?“
„Warum kannst du es nicht selber?“
„Weil sie von einem Zauberer ist. Glaubst du allen Ernstes, mit diesem… diesem… Metallbändchen da könnte man einen Drachen wie mich festhalten?“
„So wie es aussieht schon, ja.“
„Meine Güte. Sie ist verzaubert, Jorn der Schmied. Ein Drache kann sie niemals zerreißen. Siehst du nicht den Schimmer über dem Metall?“
Jorn hatte sich schon ein wenig über den Glanz der Kette gewundert. Er legte den Kopf schief und sah seitlich auf das schwarze Metall. Tatsächlich, über dem Eisen lag ein leichtes Flimmern.
„Ist das der Zauber? Dieses Flimmern da?“
„Nein, es ist das Flügelschlagen süßer kleiner Graselfen. Natürlich ist es der Zauber. Und er bindet mich an das Metall. Es schwächt mich.“
„Das ist ja gemein.“
„Danke. Und? Kannst du mich befreien?“
Am Hinterkopf kratzend betrachtete Jorn das dunkle Metallband, den Pflock aus Eisen und den Drachen, der am Ende des Ganzen hing und sehr ungeduldig aussah.
„Ich mag es nicht, wenn Leute gefangen werden. Und Zauberer mag ich ebenfalls nicht.“
„Das ist schön, Jorn der Schmied.“
„Aber Drachen kann ich auch nicht ausstehen. Sie haben einst mein Dorf niedergebrannt.“
„Das tut mir Leid, Mensch, aber das waren andere Drachen…“
„Ich kann dich befreien. Ich muss nur einen Bolzen entfernen. Das ganze Ding ist nicht sonderlich stabil gemacht.“

Auf einmal sah in der Drachen komisch an. Sein Kopf kam etwas auf ihn zu, die Augen schimmerten und die Lieder senkten sich ein wenig.
„Und du würdest es auch ohne… sagen wir mal, allzu große Dankbarkeit meinerseits tun? Oder erwartest du eine riesige Belohnung, lieber Jorn der Schmied?“
Die Stimme des Ungeheuers klang plötzlich zuckersüß und der junge Mann runzelte die Stirn.
„Eine Belohnung? Ich befreie dich, weil ich es will und du gefesselt bist. Ich möchte dafür nichts. Hauptsache du verschwindest möglichst schnell wieder.“
„Also wärst du einverstanden mich zu befreien, ohne eine Gegenleistung zu erwarten?“
„Ja klar, warum nicht.“
Der Drache legte den Kopf schief und schien zu überlegen.
„Vielleicht klappt es ja… hm….er will ja freiwillig helfen…also gut. So sei es! Befreie er mich von der Fessel. Fürwahr.“
„Wie bitte? Fürwahr?“
„Ich dachte das sagt man so. Wenn man damit anfängt eine Dame aus einer misslichen Lage zu befreien. Du weißt schon. Leg los klingt so… blöd.“
„Achso. Ich bin Schmied, kein Ritter. Halt einfach still.“
„Und der Zauber, der auf der Kette liegt, macht dir wirklich nichts aus?“
„Nein, siehst du doch. Halt endlich still. Eine Dame… ts.“
Der Schmied legte seinen Beutel ab, den er um die Schulter geschlungen hatte und holte eine Zange daraus hervor. Dann stellte er sich auf die Kettenglieder zu seinen Füßen und schaute nach oben, wo ihn die Drachendame besorgt entgegenblickte. Sie nickte und schloss beide Augenlieder, als wolle sie sich allem entziehen, was ab jetzt geschehen mochte. Jorn spuckte in die Hände, legte die Zange an das obere Ende des Bolzens, der zwei eiserne Glieder verband und begann zu ziehen. Er rechnete mit viel Widerstand und zog mit aller Kraft, aber schon nach kurzer Zeit gab der Bolzen nach und klirrend fiel das ganze Gebilde zu Boden. Er sah, wie das Schimmern, das bisher auf dem Eisen gelegen hatte, verschwand. Ein grollendes Seufzen dröhnte über seinen Kopf hinweg, der Drache machte mit allen Vieren einen Satz zur Seite und die Kette fiel rasselnd von seinem Bein.
„Endlich frei. Herrlich.“
Sie drehte sich einmal um sich selbst wie ein junger Hund der seinem Schwan nachjagt und machte einen sehr fröhlichen Eindruck.
„Na dann war es das ja wohl. Mach es gut Drache. Ich hoffe wir sehen uns nie mehr wieder.“
Doch das grüne Ungeheuer hielt inne, senkte den Kopf auf Jorns Augenhöhe und blickte ihn mit gelben Augen ernst an.
„Spürst du nichts?“
„Was soll ich spüren?“
„Ist irgendetwas anders bei dir? Fühlst du dich komisch?“
„Ich schwitze etwas, aber sonst scheint alles gut zu sein.“
Die Fragen des Drachen irritierten Jorn, er packe seine Zange wieder in den Beutel und warf ihn sich über die Schulter. Die Drachendame musterte ihn immer noch mit ihren großen Augen.
„Und dir geht es wirklich gut? Außer diesem… schwitzen?“ fragte sie und klang ehrlich besorgt.
Aber warum sollte sich ein Drache Sorgen um ihn machen? Er schüttelte energisch den Kopf.
„Alles ist gut. Was soll diese Fragerei?“
Der große grüne Schädel vor ihm zuckte zurück.
„Dann ist ja alles in Ordnung. War nur… besorgt. Dann scheint es ja geklappt zu haben. Vielleicht haben wir ja Glück.“
Die Worte des Drachen waren ihm ein Rätsel, er rollte mit den Augen und ging einfach davon. Sollte sich das Biest doch alleine von hier verkrümeln. Kaum war er ein Dutzend Schritte gegangen, wurde ihm schwummerig. Nanu, was war dass denn jetzt? Er legte den Werkzeugbeutel ins Gras und massierte sich die Schläfen. Er ging zwei Schritte und blieb dann stehen, massierte sich den Nacken, der auf einmal schmerzte. Weitere drei Schritte und rasender Kopfschmerz durchstieß seinen Schädel, sodass er in die Knie ging und sich die Hände an die Stirn presste. Mit tränenden Augen sah er den Drachen, der ebenfalls zusammengesackt war und fast auf dem Bauch lag. Er stieß ein tiefes Grollen aus und schien ebenfalls Schmerzen zu haben. Instinktiv erhob sich Jorn und ging auf das grünschillernde Drachenweibchen zu. Der Schmerz ließ so plötzlich nach, wie er gekommen war. Verblüfft blieb er stehen und horchte in sich hinein. Was war passiert? Das Ungeheuer erhob sich ebenfalls und kam einen Schritt näher.

„Es scheint uns doch erwischt zu haben. Und ich hatte gehofft, wir kommen noch mal davon.“, erklärte das Ungeheuer und wackelte bedauernd mit dem Kopf.
„Erwischt? Davon kommen?“ fragte er ein wenig benommen. Was hatte das alles zu bedeuten?
„Nun, wie soll ich sagen… der Fluch hat uns getroffen. So ein Mist.“
„Der Fluch? Welcher Fluch?
Der Drache scharrte mit einem Fuß im Boden und kratze tiefe Furchen in die Erde, so als wäre er verlegen.
„Nuuun, der Fluch eben. Der jeden Drachen trifft, dem ein Mensch hilft.“
„Hä?“
„Wenn ein Mensch einem Drachen aus einer Notlage hilft, dann ist dieser dem Menschen verpflichtet und an ihn gebunden, bis diese Schuld gesühnt ist. Ist eine ganz alte Sache. Weiß auch nicht wer sich das ausgedacht hat, aber so ist es jetzt wohl.“
„Was, wir sind aneinander gebunden?“
„Das stimmt.“
„Wenn wir uns voneinander entfernen…“
„…leiden beide Qualen. Wahrscheinlich bis zum Tod. Da bin ich mir nicht ganz sicher, was die Legenden dazu sagen. Tja, ist dieser Kelch also nicht an uns vorbei gelaufen, oder wie sagt man? Ich hatte es befürchtet, aber auch Hoffnung, da du keine Belohnung wolltest…“
„Du hast also die ganze Zeit davon gewusst?“
„Naja, schon. Ja. Aber wie gesagt, ich hatte gehofft, es passiert nicht.“
„Ach du grüne Neune.“
„Also bitte, ja. Grün ist eine sehr schöne Farbe.“
Der Drache spreizte die Flügel und reckte den Hals in den Himmel als wollte er sich präsentieren. Jorn hingegen massierte sich die Stirn und konnte es immer noch nicht glauben.
„Und jetzt werde ich dich nie mehr los?“
„Bis etwas passiert, was die Schuld sühnt. Oder so. Momentan fällt mir aber auch nicht ein, was das sein könnte. Dir etwa?
„Oh nein.“
„Ach, wir haben ja jetzt Zeit. Sag mal Jorn der Schmied, hast du ein großes Haus?“
„Was? Nein… wieso?“
„Naja, irgendwo muss ich heute Nacht ja wohl schlafen. Oder willst du hier auf der Lichtung bleiben?“
„NEIN!“
„Prima. Dann also los.“

Wenig später stapfte Jorn aufgebracht durch den Wald nach Hause. Was hatte er sich da eingebrockt. Ausgerechnet einem Drachen hatte er helfen wollen. Sein Vater hatte ihm immer gesagt, nimm dich vor diesen Biestern in Acht. Und was tat er? Jetzt folgte ihm dieses nervige grüne Monster auch noch bis nach Hause.
Hinter ihm keuchte es, wie von einem asthmatischen Pferd. Der Boden zitterte leicht, wenn der Drache über einen Felsen sprang oder über krachend umgestürzte Baumstämme stampfte. Er selbst hatte es leicht, da er einfach dem Pfad folgte, der sich durch die Buchen –und Birkenwälder seiner Heimat schlängelte, bis hin nach Wiesengrund, wo sein Meister sicher große Augen machen würde, wenn er DAS da hinter ihm sah.
„Jetzt hetz doch nicht so, Jorn der Schmied“, schimpfte der Drache und kletterte mit den Hinterbeinen über einen Graben, während er mit den Vorderbeinen zwei junge Buchen auseinanderbog, die den Weg versperrten. Wenn man so groß war, hatte das auch Nachteile.
„Ich habe dauernd Bäume im Weg, du kannst ja darunter her laufen. Da, schon wieder, jetzt hatte ich fast einen Ast zwischen den Zähnen.“
„Dann flieg doch, du hast doch Flügel, du großer grüner Drache.“
„Ja, du hast leicht reden. Ich bin… da etwas eingeschränkt.“
„Ach? Was bist du eigentlich für ein Drache? Kannst nicht fliegen, lässt dich von Magiern fangen und von Zauberflüchen treffen. Ich habe mit dir wohl das große Los gezogen.“

„Ja und du bist ein Prinz mit einem großen Schloß, einem Hort aus Gold und vielen Schafen oder wie?“
„Schafe? Wieso Schafe?“
„„Ich liebe Schafe. Und Ziegen. Am liebsten wenn sie viel auf der Weide stehen, die sind beim Kauen irgendwie viel weicher als diese freilaufenden Exemplare.“
„Du frißt sie?“
„Was soll ich sonst damit machen? Wolle aus ihrem Fell spinnen? Ich bin ein Drache!“
„Das wird in meinem Dorf aber niemandem Gefallen. Gar keinen.“
Verzweifelt blickte Jorn in den strahlend blauen Himmel und fragte sich, womit er das alles verdient hatte.

„Ein Drache?“ Meister Gebb konnte das Offensichtliche immer noch nicht glauben. „Du bringst einen Drachen ins Dorf?“
„Nun ja, Meister. Das ist so nicht ganz richtig. Er folgt mir eben.“
„Er folgt dir? Hierhin?“
„Aber Meister, was soll ich denn machen? Es liegt ein Zauberbann auf uns und der Drache und ich…“
Gebb, Besitzer der Schmiede im Dorf und Jorns Lehrherr und Meister, stemmte die schwieligen Hände in die Seiten. Er war nicht sehr groß, dafür enorm breit, seine Figur konnte man als quadratisch bezeichnen. Sein kantiger, bärtiger Kiefer mahlte und unter seinen buschigen Augenbrauen starrten kleine, dunkle Augen ärgerlich auf seinen Gesellen. Und das grüne Etwas hinter ihm, das ihn neugierig und frech musterte. Gebb blickte sie finster an, so wie er es immer tat. Er hätte sogar finster geschaut, wenn sich ihm bei goldenem Sonnenschein eine wunderschöne Elfe auf einen Finge gesetzt und ihm alle Schätze der Welt geschenkt hätte.
„Und wo willst du mit ihm hin? Das da ist nicht grade unauffällig. Und klein. Und nicht eben…lieblich.“ „Wie bitte? Ich bin nicht lieblich? Da könnte ich ihnen aber ganz andere Drachen empfehlen, Herr Meister. Die sind auf jeden Fall nicht lieblich. Aber ich? Haben sie schon meine Taille gesehen? Ganz schlank. Und meine Wimpern, sehen sie meine Wimpern?“
„Der Drache redet auch zu viel, Jorn. Er redet ja ununterbrochen.“
„Ist mir noch nicht aufgefallen, Meister.“ Jorn seufzte, wie sollte er aus dieser Situation wieder herauskommen?
„Tut mir Leid Junge, wenn du diesen…dieses Drachen dort unbedingt behalten willst, dann musst du in der Scheune schlafen. Der passt nicht ins Haus. Und mit Zauberei will ich nichts zu tun haben. Ich bin Schmied.“
„ICH wollte mit Zauberei auch nichts zu tun haben, Meister Schmied, das können sie mir glauben.“ Der Drache drehte den Kopf und blickte am Haus vorbei auf eine Weide.
„Hmm, die sehen aber saftig aus. Kann ich von diesen Schafen mal eins probieren?“
„NEIN!“, riefen Jorn und Gebb gleichzeitig, während die Tiere auf der Weide wie erstarrt zu ihnen herüber schauten.


4) Kapitel 4 Die Blutrote Kaiserin

Die blutrote Kaiserin saß auf ihrem Thron im Palast der östlichen Winde. Er war ganz aus Elfenbein und Knochen gefertigt und sah nicht sehr bequem aus. Aber das sollte er auch nicht. Beeindrucken, Respekt einflößen, Furcht auslösen, das waren seine Aufgaben. Sonst hätte man ihn auch aus weicheren Materialien bauen können, als aus den riesigen Stoßzähnen von Mammufanten – und Drachenknochen. Das Möbelstück, wenn man es denn so nennen konnte, war rot lackiert worden. Das war aber nicht der Grund, warum man die Frau, die darauf thronte, den Beinamen „Die Blutrote“ gegeben hatte. Ein rhythmisches klackern schallte durch den riesigen Saal. Klackadadack. Klackadadack.

Normalerweise wäre das Geräusch durch den Raum gehuscht, an den Wänden abgeprallt und als munteres Echo zurückgekehrt. Hier, in diesem Palast – auf der Spitze eines Berges errichtet – war alles anders. Klackadadack. Klackadadack.
Die Töne schwebten durch die Weite und suchten verwirrt eine Stelle, um sich wandeln zu können. Aber es dauerte ewig, diesen Raum zu durchqueren. Vielleicht waren die Wachsoldaten dafür geeignet, die entlang der Wände aufgereiht still und stumm vor sich hin starrten. Aber das Geräusch fand wenig Gefallen an ihnen. Mit schwarz lackierten Rüstungen und Hellerbarden standen sie und atmeten kaum, blinzelten kaum, lebten kaum. Denn sollte sich einer von ihnen Zuviel bewegen… die Soldaten gehörten zu denenm die wussten, warum die Kaiserin ihren Beinamen trug. Klackadadack.
Das Geräusch fand endlich eine Wand aus kaltem Marmor. Endlose Fensterreihen erstreckten sich zu beiden Seiten und ließen das rotgoldene Licht der aufgehenden Sonne durch den Saal scheinen. Kleine Staubteilchen schwebten durch die Luft, nur durch die Sonnenstrahlen scheinbar zum Leben erweckt, lange Bahnen weißer Seide flatterten zwischen den Fensterbögen im Wind und tanzten mit dem Staub und dem Geräusch einen kurzen Reigen, bis endlich ein Echo geborenen wurde, das wieder zurück zum in den Saal schwebte. Klackadadack.
Die mehrere Zentimeter langen Fingernägel der Frau auf dem Thron schlugen ungeduldig auf die Armlehnen. Sie waren aus den Knochen unglücklicher Sumpfdrachen geschnitzt, die das Pech gehabt hatten, dem kaiserlichen Drachenjäger zu begegnen. Klackadadack.
Das Echo entdeckte freudig einen kleinen Mann, der unterwürfig auf Knien vor dem Knochenthron kauerte und seine Stirn auf den polierten Boden presste. Klackadadack.
Das Echo umspielte die Ohren des Mannes, der daraufhin zusammenzuckte. Wie jedes Mal, wenn die Fingernägel wieder ein Geräusch erzeugten. Freudig hüpfte das Echo um den Mann herum, denn es bekam langsam viele Brüder und Schwestern. Alleine hätte es auch nie geschafft, diesen riesigen Raum zu erfüllen. Hier brauchte selbst das Echo ein eigenes Echo. Klackadadack.
Der Mann zuckte und wand sich.
„Haushofmeister“, sagte die Kaiserin und klang dermaßen schneidend – hätten die Sonnenstrahlen sich nicht längst daran gewöhnt, sie wären glatt in Scheiben durch die Fenster gefallen.

Der Mann auf dem Boden erschauerte. Seine feinen, besticken Seidenkleider schimmerten im Licht, sein kahler Schädel glänzte vor Schweiß.
„Herrin“, würgte er hervor und wagte es, ein wenig sein Gesicht zu heben.
„Du hattest mir ein Drachenherz versprochen.“
„Ich hatte versprochen, jemanden zu finden, der euch eins bringt, Herrin“.
Einen Moment trat eine Stille ein, die es vielleicht nur ein einziges Mal bisher gegeben hatte, kurz bevor die Götter das Universum erschaffen hatten. Der Haushofmeister senkte die Stirn wieder auf den Bode und verfluchte sich selbst. Er hatte gewagt, die Kaiserin zu korrigieren! Klack! Ein Fingernagel berührte die Armlehne, nur ganz kurz. Zwei schwarze, leicht schräge Augen durchbohrten ihn, das fühlte er.
„Nun gut, und wo ist dieser Jemand? Wann bekomme ich das Herz?“
Ein wenig Mut erfasste den Mann, da er nicht sofort geköpft worden war.
„Der Zauberer Wigwarf, genannt der Grüne, hat mir eine Nachricht geschickt. Er hätte einen Drachen gefangen und sei auf dem Weg, seine magische Falle zu überprüfen. Ich bin sicher, ihr haltet das Herz bald in euren Händen, Herrin.“
„Du bist sicher? Dann hoffe ich für dich, dass er bald liefert. Meine Geduld ist begrenzt. Du darfst dich erheben und entfernen.“
Ohne sich seine Erleichterung ansehen zu lassen, erhob sich der Kahlköpfige, ließ den Rücken aber immer noch gebeugt. Rückwärts ging er zurück zum Ausgang, was eine Weile dauerte, zumindest war er bald aus dem Blickfeld der Kaiserin. Noch war er nicht gerettet, aber er war froh, noch am Leben zu sein. Sobald er sein Büro erreichte, würde er einen Boten zu diesem Zauberer schicken und ihm unmissverständlich klar machen, was auf dem Spiel stand. Für jeden.

Die Kaiserin hatte sich nicht einen Fingerbreit gerührt und gewartet, bis der Mann aus ihrer Sicht verschwunden war. Dann hob sie leicht die rechte Hand und wie aus dem Nichts erschien neben dem Thron ein Soldat in einer weißlackierten Rüstung.
„General. Ich kann diese Verzögerung nicht dulden. Ich brauche ein Drachenherz. Sollte ich bis zum nächsten Sonnenaufgang nichts geliefert bekommen, lasst den Haushofmeister enthaupten und sucht nach einem Ersatz. Schickt dann nach Jabhal, meinem Jäger. Er soll sich dieser Sache annehmen“.
Der General nickte beflissen und zog sich im Rückwärtsgang zurück. Als er durch die Hintertür trat, rief er sogleich eine Dienerin.
„Schick mir den Henker. Es gibt Arbeit.“ Er sah der jungen Frau nach, die hastig davon stürzte. Dann hakte er seinen Daumen unter seinen Schwertgurt und schritt rasch durch den kahlen, schmucklosen Gang, den eigentlich nur Dienstboten benutzten, um unauffällig ihren Aufgaben nachgehen zu können. Den Henker hatte er rufen lassen. Die nächste Aufgabe wollte er lieber selber erledigen. Bei solchen Leuten wie Jabhal wusste man nie, woran man war und ob sie taten, was man ihnen auftrug. Er verzog verächtlich das Gesicht. Den Drachenjäger der Kaiserin holte er lieber persönlich. Schließlich wollte er seinen Kopf eine Weile behalten.


5) Kapitel 5 Jabhal

Der General stieg von seinem Pony und streckte sich kurz. Pferde waren im Palast verboten, die Kaiserin mochte keine Tiere die größer waren als sie selbst. Daher blieben für längere Stecken nur kleinere Ponys, was sein Rücken allerdings nicht gut vertrug. Er wischte sich einige Staubkörner von seiner weißen Rüstung und ging entschlossen auf das absonderliche Gebäude zu, das sich am Rande des Plateaus erhob. Es war schwarz, was am Schiefer lag, mit dem es verkleidet worden war und hatte die Form eines riesigen Drachenschädels. Zwei runde Fenster bildeten die Augen, der Eingang war als aufgerissenes Maul gestaltet, die Säulen, die einen Teil des Daches trugen, sahen aus der Ferne aus wie spitze Zähne. Ein steiniger, öder Platz lag vor dem Haus, übersäht mit kleinen Knochen, bleichen Schädeln, Resten von Stacheln, Hörnern oder Klauen. Zwei massive Stahlringe waren im Boden, genau in der Mitte, verankert. Groß und stark genug, um daran einen mittelgroßen Drachen zu ketten.
Der General verzog angewidert das Gesicht und Schritt vorsichtig über einige bleiche Gebeine, die seltsam geformt waren. Er konnte diesen Jäger nicht ausstehen, der besondere Privilegien genoss. Er konnte im Palast ein und ausgehen wie er wollten, brauchte um keine Audienzen bitten und musste jederzeit zur Kaiserin vorgelassen werden. Seine Familie war durch einen heiligen Eid an die Kaiserfamilie gebunden, den genauen Inhalt oder Grund dieses Eides kannte niemand, daher war der jetzige Drachenjäger bereits der Siebte, so wie sein Vater und sein Großvater vorher. Weiße Seidenhandschuhe klopften an eine Halbrunde Tür, die mit buntschillernden Drachenschuppen bedeckt war. Ein armlanger Reißzahn diente als Türklopfer, der General bevorzugte aber seine Fingerknöchel. Er wartete einen Augenblick, dann klopfte er noch einmal. Wieder geschah nichts. Ärgerlich nahm der den Bronzering in der Mitte der Tür in die Hand und zog die sie daran auf.

Ein großer, unordentlicher Raum lag vor ihm. Ohne einen Sinn oder Methode waren Schränke, Truhe, Regale, Sitzbänke, Tische und Ständer voller Waffen darin verteilt. Die beiden Runden Fenster warfen ein schummriges Licht hinein und ließen Spinnweben an Stützbalken und Regalen glitzern. Staub tanzte träge in der Luft, durch die offene Tür geriet er in Bewegung, suchte sich neue Ziele, auf die er sich ablagern konnte. Der General rümpfte die Nase. Er hasste Unordnung, Chaos und vor allem Spinnwegen.
Er trat in den Raum, langte mit einer Hand an seinen Schwertgriff – um sich zu beruhigen, nicht weil er Angst hatte, oh nein – und sah sich misstrauisch um. Links von ihm Stand ein Regal an der leicht schiefen Wand, ganz aus verblichenem Holz. Dicke Folianten lagen darin, von Staub bedeckt, die Buchrücken voller Drachensymbole und Inschriften wie „Drachenzähmen für Anfänger“, „Der gemeine Drakōn“, „Der Draco von Viana“, „Drachen im Wäschekorb“, „C.Gerstbergus: Wächter der Drachen“ und „Drachenlegenden, von J.R. Smaugh“. Auf einem Waffenständer lagerten Spieße, Hellebarden und Harpunen, Spinnweben spannten sich über die Schäfte, die Klingen und Spitzen waren aber Rostfrei und geölt. Ein ausgestopfter Schädel, so groß wie ein Schafskopf, lag auf einem runden Lacktisch: vermutlich ein kleiner Walddrache. Fingerdicke Ketten lagen daneben, aufgerollt zu dicken Lagen, mehrere Armbrüste in verschiedenen Größen und Ausführungen hingen an der Wand dahinter. Ein Leuchter, einer Drachenklaue nachempfunden, stand mit heruntergebrannten Kerzen auf einer Truhe, aus der ein Stück eines geschwärzten Kettenhemdes herausschaute. Er blickte nach oben und sah einen bleichen, leeren Schädel, so groß wie eine Kuh, der an Ketten über seinem Kopf baumelte. Die Zähne im offenen Maul sahen noch sehr Scharf aus, die drei Hörner in der Stirnseite verdammt spitz und gefährlich. Das muss eine weitere Trophäe dieser Jäger sein, dachte der General und zuckte zusammen. Er spürte, dass jemand hinter ihm stand.
„Nun?“ fragte dieser jemand und der General fühlte sich ertappt, obwohl er ja geklopft und sich nur umgesehen hatte. Er drehte sich langsam um und versucht, dabei möglichst lässig und autoritär auszusehen. Doch er fuhr erschrocken zusammen und alles Blut wich aus seinem Gesicht. Nur wenige Zentimeter von seiner Nase entfernt blickte er auf die sehr lange Schneide einer großen Axt. Sie roch nach Blut und die dickflüssigen Flecken darauf sahen danach aus. Der Mann, der die Axt hielt, trug eine Lederschürze, die ebenfalls mit Blut und anderen unappetitlichen Flüssigkeiten bespritzt war. Er war groß, einen Kopf mehr als der General, hatte lange, schwarze Haare, die auf seine breiten Schultern fielen, und ein fremdländisches Gesicht.
„Äh…“ entfuhr es dem General und er wich einen Schritt zurück. Schließlich wollte er seine weiße Rüstung nicht beflecken. Dunkle, tiefliegende Augen musterten ihn auf unverschämte und respektlose weise. Dichte Augenbrauen, olivfarbene Haut und scharf geschnittene Gesichtszüge wiesen ihn als jemanden aus, der nicht das reine Blut der Völker der aufgehenden Sonne in sich trug.
„Ich komme im Auftrag ihrer Majestät der Kaiserin“, sagte der General und ärgerte sich innerlich, da er krächzend klang wie ein ängstliches Kind.
„Und, was will sie?“
Der Jäger, denn um ihn handelte es sich, blieb unbeeindruckt und stellte den langen Stiel seiner Waffe auf dem Boden ab. Empört über die Respektlose Art dieses Sonderlings, straffte der General seine Schultern und versuchte, streng auszusehen.
„Ihre Majestät wünscht deine Anwesenheit im Palast, Jäger der Drachen.“
„Hm“, brummte der Mann und zuckte mit einer Augenbraue.
„Morgen bei Sonnenaufgang wird der Haushofmeister geköpft. Dann hast du zu erscheinen.“
„Schon wieder einer? Ist der siebte in diesem Jahr, oder?“
Die dunkle, leicht heisere Stimme des Drachenjägers, die jedes Wort sorgfältig betonte, provozierte den General – da sie gelangweilt klang. Er hatte nicht das Recht, über die Motive seiner Kaiserin zu diskutieren.

„Sie verlangt nach dir. Komme in den Palast, sonst werden wir dich holen, Jäger.“
„Das möchte ich sehen.“
„Du hast einen Eid zu erfüllen.“
Der Jäger kam einen Schritt näher, die große Axt locker in der Hand. Seine schwarzen Kleider schienen Schatten auszusenden, die den Raum langsam zu verdunkeln schienen. Seine Augen funkelten und er verzog verächtlich den Mund.
„Ich töte für die Kaiserin jeden Drachen in diesem Land und darüber hinaus, jederzeit. Aber ich bin kein Lakai, so wie du, General.“ Der Jäger bewegte sich nicht und blinzelten nicht einmal, doch seinem gegenüber schien die weiße Rüstung plötzlich zu eng zu werden, er schwitzte, tat einen Schritt nach hinten und trat auf den Griff eines gekrümmten schwarzen Dolches, was ihn stolpern ließ.
„Ich werde ihrer Majestät ausrichten, dass du kommst“, krächzte er und lief mehr als er ging aus dem Raum. Er schloss nichteimal die Tür und wenige Augenblicke später hörte man das Schlagen von kleinen Hufen.
Jabhal, der Jäger der Kaiserin, schnaubte abfällig, legte sich die Axt wie federleicht über die Schulter und ging zum Hinterausgang seines Hauses. Er gelangte auf einen kleinen, eingezäunten Hinterhof und legte die Axt in einen Trog voller Wasser, um sie später zu säubern. Kurz strich er mit einer Blutfleckigen Hand über seinen sorgfältig gestutzten Bart und sann über das Anliegen der Blutroten Kaiserin nach. Ein langes, dünnes Messer steckte in einem Hackklotz, er nahm es in die Rechte und spürte mit dem Daumen die schärfe der Klinge nach. Zufrieden grunzend, kniete er sich nieder und schnupperte. Es roch metallisch nach Blut und sauer nach Eingeweiden. Aber noch etwas anders lag in der Luft: Der Duft nach Drachen!
Er grinste wölfisch. Dann nahm er das Messer und fing an, das Schaf auszuweiden, welches er, bevor der General hereingeplatzt war, geschlachtet hatte.


to be continued….

 

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