Zucchini mit Leberwurst | Ein Wort zu viel - Der Story Blog

Zucchini mit Leberwurst

 

0.1. Kapitel 1 Sektfrühstück

 

„Ich schaffe das nie. Unmöglich. Ich werfe alles hin.“ Anne blätterte mit wachsender Verzweiflung durch ihre Prüfungsunterlagen.
„Ach Liebes, komm, ich bestelle noch einen Sekt beim Kellner, wenn er denn mal kommt.“ Christine, Annes beste Freundin, drehte sich auf ihrem Stuhl um und suchte im Gewimmel des vollbesetzten Gastraumes nach einer Bedienung. Wie jeden ersten Sonntag im Monat saßen sie im Café Felder´s und gönnten sich einen ausgiebigen Brunch.
„So viel Sekt kann ich gar nicht trinken, um mich besser zu fühlen.“ Anne starrte auf eine alte Prüfungsaufgabe und rätselte darüber, wann sie diese zuletzt gesehen hatte. Ihr kam es vor, als hätte sie alles vergessen, was sie im letzten Jahr im Meister-Seminar durchgenommen hatten.
Plötzlich stand ein Glas vor ihr, Sekt sprudelte darin und ein süßlicher Geruch perlte in ihrer Nase.
„Anne!“
„Was ist?“
„Trink! Und hör auf die Stirn so zu runzeln, das gibt nur hässliche Falten.“
„Als ob das bei mir noch etwas ausmachen würde.“
Sie griff nach dem Sekt und nahm einen kräftigen Schluck. Mit einem Seufzen stellte sie das Glas ab.
„Ich bin dick, hässlich, über dreißig und habe keinen Studienabschluss. Da kann ich auch Falten haben.“
„Ach Schatz, jetzt jammere nicht rum. Esse etwas und genieße den Morgen mit mir.“
Doch Anne hörte ihrer Freundin nicht mehr zu. Sie grübelte über eine Frage aus einer Probeklausur nach. Wenig später stöhnte sie auf und wollte aus Frust die Stirn auf den Tisch legen. Da spürte sie, dass ein Teller dazwischen war, doch es war ihr egal. Sie fühlte das kühle Porzellan auf der Haut, ließ die Arme baumeln und schloss die Augen.
„Alles ist aus, mein Leben ist am Arsch.“
Sie konnte nicht sehen, wie Christina mit den Augen rollte und entschuldigend den Nachbartischen zulächelte, da die Leute neugierig herübersahen.
„Keine Angst, nur etwas Prüfungsstress, alles in Ordnung“, sagte sie zu einem älteren Ehepaar, das verständig zurücklächelte und sich wieder seinen Rühreiern widmete.
„Anne, jetzt reiß dich zusammen, die Leute gucken schon.“ Sie tippte ihrer Freundin auf die Schulter. Anne erhob sich langsam und blicke sie aus halb geschlossenen Augen an.
„Ich schmeiße alles hin, sag was du willst.“
Christina riss die Brauen hoch. Auf Annes Stirn klebte ein Rest Marmelade, außerdem einige Croissant-Krümel. „Was ist, was guckst du denn so blöd?“ Ihre Freundin machte eine komische Geste in der Luft. Sie deutete an, auf ein Taschentuch zu spucken und damit – wie bei einem Kleinkind – etwas abzuwischen.
„Bist du jetzt Pantomime? Oder ist das Gebärdensprache?“
„Deine Stirn sieht aus wie das Frühstücks-Buffet. Und jetzt benimm dich.“
Anne tastete verwirrt nach ihrer Stirn, die sich klebrig anfühlte. Sie schaute auf ihren Teller, der eigentlich leer sein sollte: Ein plattgedrückter Rest Erdbeermarmelade verteile sich in der Mitte. Sie seufzte und wischte sich mit der Serviette die Spuren vom Gesicht.
„Essen gehört in den Magen, nicht an den Kopf“, lachte Christina und nahm sich einen Schluck Sekt.
„Musst du grad sagen. Du kaust schon seit einer Stunde an einem Brötchen herum. Dabei sind die so lecker.“
„Papperlapapp. Ich wollte eben Rührei, aber die Schlange am Buffet war zu lang. Ich bevorzuge heute eher flüssige Nahrung. Seit ich abgestillt habe kann ich wieder zuschlagen.“ Anne warf ihrer Freundin einen kritischen Blick zu, schlank wie eine Bohnenstange, musste sie sich keine Sorgen wegen ihrer Figur machen.
„Machst du eine Diät?“
„Ich? Nein, aber ich überlege, Vegetarierin zu werden. Es gibt ja heutzutage viele Männer, die darauf stehen.“
„Was ist mit Eiern?“
„Die darf man noch essen.“
„Aber dann bekommst du auch keine Wurst mehr aus unserem Laden.“
„Mist. Aber irgendwie muss ich attraktiver werden. Mit einem Kind im Schlepptau und um die dreißig, da muss man sich langsam Gedanken machen.“
„Ach Chris, deine Sorgen möchte ich haben. Du bist groß, schlank, hast studiert, bist selbständig… Was soll ich da sagen?“
„Ach was, du hast auch mal studiert, zählt das nichts?“
„Ein abgebrochenes Literaturstudium? Nein. Aber du hast aus deinem Bachelor in BWL auch nie etwas gemacht.“
„Boah, das stimmt nicht.“
„Ja, du hast zwei Jahre bei einem Versandhändler für Bio-Wolle gearbeitet. Grandios.“
„Immerhin habe ich dadurch meine Liebe zur Handarbeit entdeckt. Jetzt läuft mein Laden so gut, dass ich nicht mehr nur vom Dispo leben muss.“
Sie prosteten sich zu und leerten die Gläser in einem Zug. Anne schüttelte den Kopf.
„Ich kann es nicht nachvollziehen. Wie kannst du so leben? Jeden Monat mit jedem Cent zu rechnen. Du weißt nie, wie viele Bestellungen du bekommst…“
„Also ich bereue es nicht. Klar, es ist manchmal hart, aber die gestickten Grußkarten laufen sehr gut, wenn ich auch nur wenige schaffe, aber die selbstgenähten Taschen und bedruckten Schals sind der Renner. Ich habe inzwischen Stammkunden und werde im Internet weiterempfohlen. Manchmal sitze ich die ganze Nacht am Laptop und poste Werbung oder suche neue Plattformen für meine Produkte.“
Anne schielte um die Ecke, wo sich vor dem warmen Buffet erneut eine Schlange gebildet hatte. Sie war frustriert und hatte Hunger.
„Ist doch prima, wenn dein Internetladen endlich läuft“, sagte sie und überlegte, ob sie sich einige von den kleinen Frikadellen oder warmen Leberkäse holen sollte. Heute war ihr eh alles egal, ihretwegen konnte es direkt auf die Hüften gehen. Christine hatte sich vor einem Jahr mit einem Internet-Shop auf einer Plattform für selbstgemachte Kleidung und Accessoires selbständig gemacht, und sie musste neidvoll zugeben, dass ihre Grußkarten aus Nähgarn und Pappe, ausgeflippte Taschen aus Filz und Leder sowie grellbunte, mit Stempeln bedruckte Schals wirklich gut aussahen.
„Du hättest was mit Mode studieren sollen.“
„Ach was, da näht man nachher nur Kleider für irgendwelche größenwahnsinnige und schwule Designer. Ich bin ganz zufrieden. Nur das dauernde Nähen und Sticken, das kleine Kind, das nervt langsam alles. Seit zwei Jahren Single – ich fühle mich total untervögelt.“
„Chris, also echt. Was war denn mit diesem… diesem… Marco?“
„Markus. Das war nur ein One Night. Der war auch nicht übel, bis er mir nach dem Sex seine Eisenbahn im Keller gezeigt hat und nackt Fahrkartenkontrolle spielen wollte. Ich hab sofort meine Handynummer geändert, wie du weißt.“
„Ach ja, der war der Grund. Aber du hattest immerhin Sex.“
„Immerhin? Das war so, als würde ich zwischendurch mal eine Tafel Schokolade essen. Wie lange hält das vor? Sei ehrlich.“
„Bei mir? Fünf Minuten.“
„Da hast du es!“ Anne stand auf und nahm ihren leeren Teller in die Hand. „Ich hole mir noch etwas. Möchtest du auch?“
„Hm, nein, ich hab ja noch was. Bring mir eine Möhre mit, ich muss ja irgendwann mal anfangen.“
Anne schüttelte lachend den Kopf und ging zum Buffet. Als sie mit drei kleinen, warmen Frikadellen, einer Scheibe Leberkäse sowie einem Löffel Kartoffelgratin wieder an ihren Platz kam, tastete Christine an ihrem Busen herum. Wie immer, war sie in warmen Erdtönen gekleidet, ein hellbraunes Langarm-Shirt mit einem breiten Dekolleté, dunkelbraune hautenge Jeans, beige Ledersneaker, dazu ein orangefarbener selbstgefertigter dünner Schal. An ihren langen, schlanken Armen klingelten bunte, gedrehte Lederarmbänder in grün und gold, dazu hatte sie sich für Ohrringe mit hellgrünen Pril-Blumen entschieden. Ihr Kleidungsstil war für Anne immer etwas gewöhnungsbedürftig, aber sie kannte ihre Freundin nicht anders.
„Was machst du da, ist dein BH verrutscht?“ Sie setzte sich und bestellte beim vorbeihastenden Kellner noch einen Orangensaft. Christina blickte kritisch auf ihr Dekolleté und hielt eine Hand unter ihre linke Brust.
„Du Anne, ich glaube, seit ich abgestillt habe, hängen sie noch mehr. Was meinst du?“
„Du spinnst. Die stehen wie früher.“ Ihre Freundin seufzte und zeigte auf Annes Ausschnitt.
„Ich wünschte, ich hätte solche Buppies wie du. Mein Model-Körper mit deinen Möpsen, die Kerle würde Schlange stehen.“
„Meine Möpse an deinem dünnen Fahrgestell, du würdest dauernd nach vorne umfallen.“
Sie grinsten sich an und Christina stahl sich eine Frikadelle vom Teller.
„He, und was ist mit deinem Vegetariertum?“
„Später. Eine letzte Henkersmahlzeit“, antworte sie mit vollem Mund, zeigte dabei mit der Gabel auf Anne.
„Was ist denn bei dir mit Männern los?“
Fast hätte sich Anne am Fleischkäse verschluckt, schnell trank sie ihren Kaffee aus und schüttelte den Kopf. „Bist du verrückt? Sowas kann ich jetzt gar nicht gebrauchen. Ich muss für meinen Meister lernen. Den Betrieb am Laufen halten – seit meine Eltern ausgestiegen sind, arbeite ich zwanzig Stunden am Tag! Was soll ich noch mit einem Kerl, der mich nachts vom Schlafen abhält, weil er entweder ran will oder schnarcht wie ein Holzfäller. Nee danke. Außerdem bin ich klein, dick und unattraktiv. Basta.“
„Ach Anne. Du bist nicht dick. Du bist halt ein Vollweib.“
„Ja danke, gut dass ich das weiß. Nur die Männer wissen das nicht. Die haben einen eingebauten Filter im Kopf.“
„Einen Filter?“
„Ja, alles bis Größe achtunddreißig wird abgecheckt, alles über vierzig liegen gelassen.“
„Du hast doch nur ganz knapp vierundvierzig!“
„Ach ja? Welche Stelle meinst du?“
„Ach hör auf, wenn du auch noch ein trauriges Gesicht machst, klappt gar nix mehr. Da kommt schon noch einer, warte mal ab.“
„Für mich ist erstmal die Prüfung wichtig.“
Sie aßen eine Weile schweigend und hingen ihren Gedanken nach. Anne wollte jetzt nicht über ihr nicht vorhandenes Liebesleben nachdenken. Ihr Blick fiel auf ein Pärchen in einer Ecke, beide Mitte zwanzig, sie gertenschlank und blond, er mit Hipster-Bart und breiten Schultern. Sie hielten Händchen und lächelten sich verliebt an. Sie blickte schnell wieder weg und biss frustriert in ein Brötchen. Verdammte Liebespaare, müssen die vor allen Leuten herumturteln und einem mir ihrer rosaroten Dunstwolke auf den Keks gehen? Sie sah Chris an, die geistesabwesend an ihrem kleinen Finger lutschte, an dem etwas Marmelade geklebt hatte.
„Schmeckt es, Schatzi?“ sage sie mit einem zuckersüßen Tonfall, „wenn du noch Hunger hast, ich habe noch eine frische Fleischwurst im Kühlschrank.“
Ihre Freundin zuckte zusammen, grinste sie aber sogleich an.
„Ich habe nur über den Kerl da drüben nachgedacht. Der sitzt hinter dir, der in dem grauen Pulli. Hast du das Kreuz von dem gesehen? Bestimmt Bodybuilder.“ Anne verzog den Mund und blickte an die Decke, die Vorliebe ihrer Freundin für Muskelmänner hatte sie noch nie verstanden.
„Apropos, du kommst doch Freitag zu unserer Demo, oder? Du hast noch nicht zugesagt.“
„Ach je, habe ich nicht?“
Anne fühlte sich ertappt, sie hatte gehofft, dieses Thema meiden zu können, da sie gar keine Lust auf eine Demo hatte. Aber sie brachte es nicht übers Herz, ihre Freundin zu enttäuschen, die sie mit ihren Rehaugen übertrieben bittend ansah.
„Na gut, ja ich komme.“
Christina schnippte mit zwei Fingern. „Prima. Dann um zwei Uhr bei mir. Um drei geht’s los. Vielleicht lernst du dort ja einen Mann kennen? Wer weiß?“
„Wie bitte? Also Chris, so verzweifelt bin ich nun auch nicht, dass die letzte Hoffnung, einen Kerl kennen zu lernen, eine Demo für eine Umgehungsstraße ist. Meine Güte, dann kann ich mir auch gleich die Kugel geben.“
„Ach komm, wenn sich Leute mit den gleichen Interessen treffen, geht immer was.“
„So wie bei dir und diesem Schreinerei-Kurs bei der Volkshochschule?“
Christina machte einen Schmollmund und lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück.
„Ich dachte halt, wenn schon Kerle, dann Handwerker. Das dann dort nur Emanzen im Blaumann auftauchen, konnte ich ja nicht ahnen. Die eine hatte mich sogar angebaggert, unglaublich, oder?“
„Du könntest ja das Ufer wechseln?“
„Jetzt spinnst du aber. Statt einem Kerl bringe ich dann einer Tussi in Arbeitsschuhen und rasiertem Schädel das Bier?“
„Was wären wir bloß ohne unsere Vorurteile, Chris.“
„Nicht das, was wir sind. Prost mein Schatz.“
Sie hielten ihre Tassen aneinander, stießen an, warfen sich schmatzende Kussmünder zu und tranken ihren Kaffee. Wenigstens bei Chris konnte Anne so sein, wie sie wollte, sie nahm einem nichts übel und sie sahen sich auch nicht als Konkurrentinnen – was sie bei anderen angeblichen Freundinnen schon erlebt hatte. Sie bekam Bauchschmerzen, wenn sie an die bevorstehende Woche dachte, die mit Arbeit und Lernen angefüllt war. Und dann Freitag noch eine Demo. Für eine Umgehungsstraße. Sie musste unter Leute, was sie hasste. Sie hatte nichts anzuziehen, jedenfalls nichts was gut passte, jeder würde ihren dicken Hintern sehen und auf sie zeigen. So dache sie jedenfalls immer, was vielleicht falsch war, aber diese Gedanken kamen ganz automatisch. Aber da musste sie wohl durch. Vielleicht fiel ihr bis dahin ja noch eine Krankheit ein, um abzusagen. Am liebsten hätte sie wieder die Stirn auf den Tisch gelegt, aber dann hätte sie diesmal Fleischkäse an der Stirn. Prima, dachte sie, das würde wenigstens zu mir passen.


0.2. Kapitel 2 Bin ich vielleicht Picasso?

 

Schminken!
Sie hasste es, morgens stundenlang vorm Spiegel im Bad zu stehen. Erstens musste sie sich genau ansehen, was ihr unangenehm war, und zweitens hatte sie einfach kein Talent dafür, ihr Gesicht mit den richtigen Farben, Pudern und Tinkturen vollzukleistern. Jede Vierzehnjährige war heute ein Schminkprofi – ihr verrutschte immer noch ein einfacher Lidstrich. „Verdammt“, fluchte sie und versuchte, den Strich noch halbwegs zu retten. Nein, da war nichts zu machen. Sie betrachtete ihr Gesicht und hätte heulen können. Ihre BB-Cream war nicht gleichmäßig aufgetragen, man sah noch helle Stellen an Hals und Kinn, der Mund war halbwegs mit Lippenstift bedeckt, der Liedstrich misslungen und durch das Puder sah ihre Haut aus wie mit Folie überzogen. Von der Wimperntusche klebte mehr an den Augenbrauen als an den Wimpern. Wäre Picasso Visagist gewesen, hätte er ihr Gesicht sicher toll gefunden. Wütend entfernte sie die Schminke von Augen und verbrauchte eine halbe Packung Kosmetiktücher dafür. „Toll, Anne, da zerlegst du ein Schwein in Minuten, ein blödes Auge bekommst du aber nicht angemalt“.
Nach einer frustrierenden halben Stunde im Bad hielt sie die Luft an, um sich in ihre tintenblauen Jeans zu quetschen. Die Farbe war ihr eigentlich zu dunkel, aber die Hose ging zumindest ohne zu klagen zu und der Bund quetschte sie nicht am Bauch. Ein Außenstehender hätte sie als fröhliche, kleine dralle Frau angesehen, mit dunkelblonden Locken, großen blauen Augen und einer süßen Stupsnase. Sie selber sah sich als zu breit, zu klein, zu schwer und zu trampelig, mit Schatten unter den Augen, Orangenhaut und einem ersten grauen Haar, das sie vor ein paar Tagen – kreischend – entdeckt hatte.

Unter ihrer saphirgrünen Bluse rücke sie kurz den BH zurecht und schob ihren Busen etwas nach oben. Wenigstens der konnte sich sehen lassen, sie betonte ihren Ausschnitt mit einer Kette und grunzte zufrieden. Zumindest das sah gut an ihr aus. Sie schlüpfte mit ihren gelben Mickey-Mouse-Socken in die bequemen Sneaker und ließ die Pumps und Stiefel außer Acht. Schließlich ging sie nicht zum Tanzen! Sie nahm an der Tür ihre neue Fransen-Handtasche, die sie von Chris zu Weihnachten geschenkt bekommen hatte und schnappte sich den Autoschlüssel ihres alten Citroen Berlingo. Eine halbe Stunde später – nach einer bei dunkelrot überfahrenen Ampel, einer missachteten Vorfahrt sowie zwei fast überfahrenen Radfahrern – hielt sie mit quietschenden Bremsen in der Luisenstraße. Sie parkte halb auf dem Bürgersteig, halb auf der Straße und schnappte sich ihren Regenmantel vom Rücksitz. Ein alter Mann mit Rollator beschwerte sich darüber, wie sie geparkt hatte, was sie aber grundsätzlich ignorierte. Was konnte sie dafür, wenn in Siegburg die Parkplätze immer zu klein waren. Sie warf einen Blick auf ihr Handy – sie war genau pünktlich. Wie sie ihre Freundin einschätzte, war sie noch nicht fertig und öffnete wahrscheinlich noch im Slip die Tür, völlig überrascht, dass es nicht mehr zehn Uhr morgens war. Sie kletterte die vier Treppen des Altbaus nach oben und stöhnte innerlich. Sie musste unbedingt mal wieder zum Sport. Kaum ruhte ihr Finger auf dem Klingelknopf, riss Chris auch schon die Tür auf, rief fröhlich „Herein, herein mein Engel, “ und war sogleich verschwunden.
„Was ist denn mit dir los? Wo ist denn Paul?“
„Sohnemann ist bei Schwiegermama. Die kann ihren Enkel auch mal etwas bemuttern, ich habe heute frei, “ schallte es aus dem Schlafzimmer. Anne schloss die Wohnungstür, ging den engen Flur entlang zur lila gestrichenen Schlafzimmertür und öffnete sie vorsichtig mit einem Fuß. Der Raum sah aus, als wäre im Warenlager von H+M oder C+A eine Bombe explodiert.
Christine stand in Unterwäsche auf ihrem Bett und kickte mit nackten Füßen einige Kleidungsstücke von der Bettdecke.
„Alles Mist, das passt alles nicht“, rief sie und hüpfte auf der Matratze auf und ab.
„Chris, sag bloß, du hast nichts anzuziehen? Zu einer … Demo?“ Ihre Freundin sprang mit einem Satz vom Bett und landete auf einer Maisgelben Seidenbluse.
„Fuck, jetzt muss ich die wieder stundenlang bügeln.“

„Kein Wunder, wenn du alles auf den Boden wirfst.“ Anne bückte sich und hielt mit zwei Fingern einen hauchdünnen Tanga in die Höhe, der praktisch nur aus einem Netzgeflecht und Luft bestand.
„Zu welchen Gelegenheiten trägst du denn sowas?“ Christ schnappte ihr das Ding aus der Hand und warf es in eine offen stehende Kommode.
„Das willst du besser nicht wissen, Schätzchen. Ich hoffe, du hast frische Unterwäsche an, heute geht es raus.“
„Gehen wir auf eine Demo oder in die Disco?“ Anne verstand die Euphorie ihrer Freundin nicht ganz.
„Anne, wir gehen unter Leute. Stell dir mal vor, die Demo gerät außer Kontrolle. Die Polizei kommt, Wasserwerfer spritzen uns nass, wie sieht es dann aus, wenn du später im Krankenhaus aufwachst und alte löchrige Sachen anhast. Und wie sieht es aus, wenn sich unter meiner nassen Jeans der Abdruck eines alten bequemen Schlüpfers abbildet anstatt der Nähte eines Sexy Tangas? Was sollen die Polizisten oder Sanitäter denken? Dass ich eine alte Frau bin, die Liebestöter trägt? Was meinst du, läuft Baumwolle ein wenn sie mit Wasser beschossen wird?“ Sie hielt Anne ein kleines braunes Top vor die Nase und wedelte damit herum. „Chris, ich glaube, je länger du alleine bist, desto schlimmer wirst du. Zieh irgendwas an, meinetwegen auch was schickes, aber zieh endlich etwas an! Außerdem, bei deinem flachen Hintern fällt ein Tanga eh nicht auf.“
Diese kleine Spitze musste sie einfach loswerden, schließlich verschwendete sie unnötig Zeit. Zur Strafe landete ein Spitzen-BH in ihrem Gesicht.
Kurz vor drei Uhr verließen die Freundinnen das Haus. Sie hakten sich beieinander unter und gingen die Straße hinunter, bis zur Ecke der Wilhelmstraße. Dort wartete bereits ein Menschenpulk, einige mit selbstgebastelten Schildern in der Hand. „Siegburg braucht eine Umgehungsstraße“ stand auf einem Schild, „Weniger Stau“ auf einem anderen. „Weniger Verkehr in der Stadt“ ließ Chris laut losgackern und auch Anne musste grinsen.

„Na das klappt ja schon mal, weniger Verkehr als wir beide hat niemand in dieser Stadt“, raunte sie ihrer Freundin zu – beide fingen prustend an zu lachen. Mit Lachtränen in den Augen reihten sie sich in die Menge ein und Chris, die einen Kopf größer war, streckte sich, um Bekannte auszumachen. Auch Anne schaute sich um. Die Leute waren alle sehr unterschiedlich und bunt gemischt. Deutsche und Einwanderer, Ältere und Jüngere, Familien mit Kindern und einige grauhaarige Frauen mit Rollator. Das Verkehrschaos in der Stadt interessierte die breite Masse und ging alle an. Sie schätzte die Menge auf knapp einhundert, und die ganze Zeit gesellten sich weitere Menschen hinzu. Aufgeregt wurde um sie herum geredet, diskutiert oder gescherzt. Zum Glück schien niemand aggressiv zu sein oder wollte mit Gewalt provozieren – Zumindest sah sie keine Typen, denen sie so etwas zugetraut hätte. Ihr Blick blieb zufällig auf einem Mann liegen, der einige Meter links von ihnen stand und die Fassaden der alten Jugendstil-Gebäude an der Straße betrachtete. Er war groß, hatte kräftige Schultern, einen ordentlich getrimmten Fünf-Tage-Bart, schwarzes, dichtes Haar, gebräunte Haut, Lachfalten um die Augen und eine Figur, die Sportlichkeit und Kraft ausstrahlte. Er trug gewöhnliche Jeans, Boots mit grober Sohle, ein weich fallendes taubengraues Hemd und einen grünen Parka, den er sich über den Arm gelegt hatte. „Ach du Scheiße“, entfuhr es ihr unbewusst, ihr Herz tat einen kurzen Hüpfer und sie spürte, wie ihr Blut ins Gesicht schoss. Christina tippte ihr auf die Schulter.
„Ich habe Frank und Jolina gesehen, sie sind hinten in der Menge. Was ist mit dir?“ Sie sah in die Richtung, in die ihre Freundin blickte und stutzte.
„Mist, hätte ich doch besser den Netz-Tanga und den Push-Up angezogen“, entfuhr es ihr und beide Frauen blickten überrascht auf den Mann, der aussah, als wäre er gradewegs einer Jack-Wolfskin-Werbung entsprungen.


 

0.3. Kapitel 3 Alles Demo oder was?

 

In diesem andächtigen Moment hinein erklangen hinter ihnen zwei Stimmen.
„Chris, Anne, schön euch zu sehen!“ Die beiden Frauen drehten sich um und sogleich zerplatzte die Stimmung wie eine Seifenblase. Anne glaubte, knallrot geworden zu sein und lächelte die Freunde verlegen an. Während Chris Frank und Jolina mit Wangenküsschen begrüßte, schaute sie kurz zur Seite. Der Jack-Wolfskin-Kerl war verschwunden. Für einen winzigen Augenblick hasste sie Christinas Freunde, die sie ausgerechnet jetzt in der Menge gefunden hatten. Im gleichen Moment schalt sie sich selbst, die zwei konnten ja nichts dafür. Außerdem benahm sie sich unmöglich. Was war heute nochmal für ein Tag? Spielten die Hormone wieder verrückt? Das Pärchen kannte Chris noch vom Studium, sie und Jolina hatten zusammen in Sankt Augustin auf der Hochschule ihren Bachelor gemacht, Frank war Jolinas Dauerverlobter. Anne mochte ihn, Frank war eher ruhig und unauffällig, wenn er mal etwa sagte, war es meist durchdacht. Jolina war nicht so ihr Fall: Joggerin, gebräunte reine Haut, eine drahtige Figur mit einem flachen, harten Bauch auf dem man Bretter zerschlagen konnte. Dafür hatte sie kaum Hüften, blieb dafür auch in keiner Hose stecken, so wie sie. Ihre glänzenden schwarzen Haare, ein Erbe ihrer spanischen Mutter, waren ein Vorbild aus jeder Shampoo-Werbung. Dazu war sie noch intelligent, verdiente mehr als sie ausgeben konnte und war einfach perfekt. Also einfach Grauenhaft . Aber das konnte sie Chris schlecht sagen, da ihr Jolina viel bei ihrer Abschlussarbeit geholfen hatte. Sie machte wie immer gute Miene zum bösen Spiel.

„Ach Anne, du bist ja auch da“, sagte Jolina und tat überrascht.
„Ja? Na sowas“, antwortete sie gespielt naiv, schließlich stand sie schon die ganze Zeit hier. Am liebsten hätte sie gesagt: Nein, ich bin nur ein Hologramm und Data beamt mich gleich wieder zurück zur Enterprise. Aber sie lächelte stattdessen nur höflich.
„Und, was macht euer Schlachthaus? Läuft es noch gut?“
„Eine Fachmetzgerei, vielen Dank der Nachfrage, läuft sehr gut. Der Laden ist immer voll.“
„Ich stelle es mir ja schrecklich vor, immer den ganzen Tag zwischen all dem rohen Fleisch zu stehen und Leute zu bedienen“. Jolina stichelte immer gerne gegen ihren Laden, da sie Vegetarierin war und Anne als einzige unter ihnen keinen akademischen Titel hatte.
Frank stand schräg hinter seiner Verlobten und lächelte sie entschuldigend an. Wenigstens er hatte Anstand, wenn er auch nie in der Lage war, Jolina zu bremsen. Plötzlich stand ein Mann in einem lindgrünen Parka hinter den beiden und warf ein fröhliches „Guten Tag alle zusammen“ in die Runde. Jolina drehte sich auf der Stelle um und schlug Anne dabei ihren Pferdeschwanz ins Gesicht. Natürlich glänzten ihre weichen Haare seidig und rochen wunderbar! Bestimmt nahm sie so ein Glossy-Gĺänzend-Glossy-Glanz-Shampoo aus der Werbung. Blöde Kuh, dachte Anne.
Jolina jauchzte auf wie ein kleines Mädchen, das seine Wunsch-Barbie zu Weihnachten bekommen hat, und tauschte Wangenküsschen mit dem Fremden aus. Frank verdrehte etwas genervt die Augen. „Darf ich euch meinen Arbeitskollegen Jonas vorstellen? Ich habe ihn eingeladen, er wollte unbedingt auch zu dieser Demonstration.“ Jolina strahlte sie alle an und hatte auch allen Grund dazu. Anne erkannte in ihm den gut aussehenden Typen von vorhin wieder und spürte sofort einen Knoten im Bauch. Der Mann trat etwas hervor und sie streckte ihm sofort ihre schwitzende Hand entgegen und krächzte etwas, dass sich wie „An-nä-äh“ anhörte. Ich klinge wie ein Schaf beim Scheren, dachte sie. Jonas lächelte sie trotzdem an, sein Händedruck war warm und fest. Ihre Freundin schaffte es hingegen, ihm ihre Hand elegant vor die Nase zu halten und jede Silbe ihres Namens genau zu betonen – als läge in Chris-ti-na eine geheimnisvolle, sündige Botschaft. Ihn hingegen schien es eher zu amüsieren. Anne stieg ein Geruch nach Holz und frisch geduscht in die Nase. Klar, der Kerl roch auch noch gut.
„Kennen wir uns vielleicht? Ich bin sicher, wir haben uns schon einmal gesehen“.
Während Chris sofort in ihren Flirt-Modus umschaltete, suchte Anne erst noch nach dem Schlüssel, um den Motor überhaupt starten zu können.
„Hm, vielleicht bei einem Kochkurs?“ Seine Stimme war tief und warm und ließ Anne einen Schauer bis in den kleinen Zeh laufen.
„Ach du bist in einem Kochkurs?“
„Ich gebe einen. An der VHS. Vegetarisch kochen für Anfänger“.
„Nein, du bist auch Vegetarier?“ Anne und Jolina runzelten gleichzeitig die Stirn. Chris konnte Lügen ohne mit der Wimper zu zucken.
„Na das ist ja Klasse. Ich ja auch. Diese armen Tiere und so.“
„Ich gebe auch Sportkurse. Richtig Joggen für Frauen“.
Chris klimperte übertrieben mit den Wimpern und Anne seufzte. Na klar, er war sportlich, gab Kochkurse – für Vegetarier – half wahrscheinlich freiwillig im Tierheim aus und hatte sicher eben noch alten Leuten über die Straße geholfen. Sie hakte ihn innerlich ab und warf im Geiste den Schlüssel für den Flirt-Motor in den Gully.

„Und was machst du so?“ fragte er interessiert.
„Ach, ich entwerfe Mode und verkaufe sie in meinem Internet Shop“, antworte Chris großspurig.
„Und Anne hier…“ zum Glück konnte sie den Satz nicht beenden, da eine Lautsprecher-Stimme erklang und sie alle aufforderte, geschlossen in Richtung Fußgängerzone die Straße hinunter zu gehen. Jonas schüttelte kameradschaftlich Franks Hände und das Gespräch war zum Glück beendet. Ausgerechnet auf einer Demo, wie Chris vorhergesagt hatte, traf sie einen Typen wie aus dem Abenteuerkatalog und sie konnte nicht mal ihren Namen richtig aussprechen. Anne biss sich auf die Unterlippe. Sie war dreißig, ohne Mann, zu blöd für alles und konnte in dieser Welt der schönen Menschen einfach nicht bestehen. Vielleicht sollte sie sich eine Tüte über den Kopf ziehen. Würde eh niemanden auffallen. Aber dafür hat sie sich auch nicht stundenlang geschminkt. Missmutig ließ sie sich etwas zurückfallen, während Chris und Jolina Jonas in die Mitte nahmen und Frank desinteressiert nebenher lief. Das Chris sich an den Typen ranschmiss, war zu erwarten gewesen. Jolina hatte Jonas am Ärmel gepackt und lachte über einen eigenen Witz. Aha, nur Kollegen also? Anne grinste schief und schaute sich ein wenig um.

An den Straßenrändern standen Passanten und gafften, diskutierten, zeigten auf die Demonstranten oder ignorierte alles und gingen unbeeindruckt ihren Besorgungen nach. Ein Radfahrer gesellte sich spontan zu ihrem Protestzug, dafür scherte ein älteres Ehepaar aus und setzte sich in die italienische Eisdiele, an der sie alle im Moment vorbeizogen. Vielleicht sollte ich mir auch ein Eis holen, dacht Anne und spürte bereits ein leichtes Verlangen nach leckeren, bunten Kugeln in einer knusprigen Waffel. Vielleicht mit etwas Erdbeersoße als Extra. „Wo bleibst du Anne, trödelst du?“ rief Chris ihr zu und sie erschrak. Sie war einige Meter zurück geblieben und musste nun einige Leute umrunden, um wieder aufzuschließen. Chris hielt ihr ihren linken Arm hin, sie hackte sich ein und sie bildeten nun eine Kette aus fünf Leuten. Anne kam sich fehl am Platz vor, Christina schien zufrieden zu sein, ihre Mundwinkel zeigten nach oben, ihre eigenen nach unten. Nach einer gefühlten Ewigkeit erreichte der Zug der Demonstranten den zentralen Marktplatz. Alle versammelten sich mehr oder wenig planlos und wussten nicht so recht, was als nächstes kam. Ein Mann stieg auf das Denkmal für die Opfer des ersten Weltkrieges und rief über ein pfeifendes Megaphon kämpferische Parolen. Dann tauchte ein Politiker einer kleinen, lokalen Partei auf und rief ebenfalls irgendwas über das Megaphon in die Menge. Anne verstand kein Wort von dem ganzen Gerede, die Leute um sie herum schauten teils interessiert, teils verständnislos, teils gelangweilt umher. So ging es ihr inzwischen ebenfalls, selbst wenn man jetzt eine sechsspurige Autobahn mitten durch die Stadt gebaut hätte, es wäre ihr egal gewesen. Die Füße schmerzten, die flachen Schuhe drückten auf dem harten Kopfsteinpflaster, sie hatte Hunger, da sie schon wieder eine Eisdiele sah und die vielen Menschen nervten sie ebenfalls. Vor allem die in ihrer unmittelbaren Umgebung.
Chris, Jolina und Jonas schienen sich prächtig zu amüsieren, unterhielten sich lautstark und lachten über irgendwas. Sie reckte sich und wollte auf die Schaufenster ihrer kleinen Metzgerei schauen, die direkt am Markt lag. War dort jetzt was los? Schafften es Ramona und Judith, ihre beiden Angestellten, heute alleine?
„Ziemlich öde, nicht?“ Frank stand unerwartet neben ihr und sie nickte geistesabwesend.
„Dieser Jonas ist ein netter Kerl“, sagte er in ganz neutralem Tonfall, was sie aber aufhorchen ließ.
„Findest du? Ja, er scheint nett zu sein. Er ist ein Kollege von Jolina?“
„Nicht wirklich. Eigentlich arbeitet er hier am Berufskolleg. Er arbeitet aber mit ihr am Wochenende im selben Fitnessstudio, wo Frauen dazu gebracht werden, dünn, muskulös und verbissen zu werden.“
Anne hob erstaunt ihre Augenbrauen.
„Höre ich da etwas heraus?“
„Ich weiß nicht was du hörst, es ist sehr laut hier.“ In der Tat hatte das Geschrei des Mannes am Megaphon zugenommen, dazu bliesen jetzt einige in der Nähe auf Trillerpfeifen.
„Erstaunlich, dass er so viel schafft, Lehrer, Fitnesstrainer, Koch…“ Sie wandte sich um, aber Frank hatte nicht zugehört.
„Ich gehe schon mal ins Brandos und halte uns Plätze frei“, rief er ihr zu und lief bereits auf das kleine Café auf der anderen Seite des Marktes zu.

Ihre Freunde standen mit Jonas und einigen Fremden zusammen und diskutierten irgendwas. Am liebsten wäre sie in ihren Laden gegangen, aber das wäre unhöflich gewesen. Und sie mussten ja wissen, dass Frank auf sie wartete. Seufzend ging sie zu ihnen und setzte ein Lächeln auf.
„Ach Anne, da bist du ja“, sagte Jolina, die sie ganz bestimmt nicht vermisst haben würde, „wir diskutieren grade über den Nahen Osten und was dort für schlimme Sachen gesehen.“
„Ich habe keine Ahnung von sowas. Ich arbeite über sechzig Stunden in der Woche, da ist keine Zeit um Nachrichten zu sehen.“
Es war ihr ohne Nachzudenken herausgerutscht. Alle um sie herum schwiegen einen Moment überrascht oder betreten, doch bevor es zu peinlich wurde, rief sie: „Frank wartet übrigens drüben im Brandos auf uns. Wie lange geht die Demo noch?“ Jolina sah sich um und verzog ärgerlich ihr hübsches Gesicht, sie bemerkte erst jetzt das Fehlen ihres Verlobten.
„Ich denke, es ist bald vorbei“, schätze Jonas die Lage ein und behielt Recht. Der Megaphon-Mann übergab sein Lärmgerät endlich einem Gehilfen, am Rande der Menge lösten sich bereits einzelne Menschen oder ganze Gruppe heraus und gingen davon. Es war wohl genug demonstriert worden, die Leute um sie herum lösten sich ebenfalls und verteilten sich in den umliegenden Geschäften und Cafés und Seitengassen. Die Sanitäter packten gelangweilt ihre Ausrüstung zusammen und waren wohl froh, bald Feierabend zu haben.
„Lasst uns auch gehen, wenn Frank doch die Plätze bereits freihält“, schlug Chris vor und alle nickten zustimmend. Ihre Freundin sah sie mit großen Augen an und formte lautlos mit dem Mund
„Was ist los?“. Anne zuckte mit den Schultern und versuchte, möglichst harmlos und locker auszusehen. Wenn Chris etwas wissen wollte, ließ sie nicht so leicht locker und sie hatte jetzt keine Lust, sich zu erklären.

Am Café hielt ihnen Jonas höflich die Türe auf und Jolina lachte ihn mit ihren kleinen, weißen Zähnen an. „Ach, du bist doch noch ein echter Gentleman“, schnurrte sie und stolzierte mit schwingendem Pferdeschwanz voraus. Einen winzigen Augenblick sah Anne ein Bild vor Augen – wie Jolina von ihr mit dem Kopf voran durch die geschlossene Glastür geworfen wurde – aber der Moment verblasste sofort und sie schüttelte sich. Heute war aber wirklich nicht ihr Tag. Der Laden war lang und schmal, an der Fensterreihe rechts standen Ledersessel und kleine Tische, links befand sich eine lange, hölzerne Theke mit Ausschank sowie eine Glasvitrinen für Kuchen, Wraps und Salate. Als letzte betrat sie den Raum und entdeckte ihre Leute weiter hinten an einer Sitzgruppe. Sich durch den engen Raum schlängelnd warf sie einen Blick auf die Tafel hinter der Theke, auf der alle Getränke und Speisen aufgereiht standen. Heute konnte sie einen großen Bounty-Latte vertragen, beschloss sie, und entschuldigte sich im Geiste schon mal bei Hüften und Bauch. Als sie den Tisch endlich erreicht hatte, saßen alle und schwatzen. Die bequemen Sessel waren alle besetzt, für sie war noch ein Holzstuhl mit harter Lehne übrig geblieben.
„Setzt dich doch Anne, wir haben dir extra einen Stuhl freigelassen“, rief ihr Jolina jovial zu und sie dachte kurz an die Szene mit dem Kopf und der Glastür zurück. Sie ahnte, dass sie diese Bilder noch öfter brauchen würde, aber sie riss sich zusammen, warf ihre Jacke auf die Stuhllehne und lies sich müde auf die harte Sitzfläche fallen. Sie fühlte jetzt schon, dass ihr der Hintern in spätestens fünf Minuten höllisch wehtun würde und freute sich nur noch auf das heiße Getränk.
„Ich habe uns allen schon mal einen Ingwer-Tee bestellt“, verkündete Jolina.
Anne drehte sich ruckartig um und blickte abschätzend zur Eingangstür. Wie viele Jahre bekomme ich, wenn ich es jetzt tue, wie viele? Wie viele? Sie biss sich schmerzhaft auf sie Unterlippe und zählte im Geiste langsam bis zehn.


 

0.4. Kapitel 4 Meuterei ohne Bounty

 

Christinas Instinkte – die bisher durch sämtliche Hormone und Jonas Ausstrahlung außer Betrieb gewesen waren – erwachten langsam wieder aus dem Winterschlaf. Erste Alarmglocken schrillten durch ihre Hirnwindungen und der Gedanke „Achtung, Anne flippt gleich aus“ kroch langsam, mit einigen Schlenkern und Abweichungen, bis in ihr Bewusstsein. Ruckartig stand sie auf, schob den Sessel dabei nach hinten und in die Palme dahinter. Dann stürzte an die Theke.
„Ich glaube ich bestelle mir und Anne doch besser einen Kaffee!“ rief sie in den Raum, ohne sich umzusehen und versuchte hastig, die verschnörkelte Schrift auf der Tafel zu entziffern. Wenn sie sich jetzt umdrehen würde, konnte sie bestimmt Dampfwolken aus Annes Ohren strömen sehen. Sie gab sich die Schuld dafür und wollte schnell die Wogen glätten. Sie wusste schon, dass Jolina eine ziemliche Zicke sein konnte. Was sie gegen Anne hatte, war ihr allerdings ein Rätsel. Sie bestellte einen Tall-Bounty-Latte und absolvierte das übliche Frage-Antwort-Spiel, welches heutzutage leider bei Kaffeebestellungen üblich war. An der Ausgabetheke schnappte sie sich das hohe Glas, in dem fröhlich die Kalorien mit dem Fett um die Wette schwammen und stellte es vor ihrer Freundin ab. Anne starrte mit abwesendem Blick auf die Glastür am Eingang und grinste seltsam. Doch langsam schien ihr der süßliche Geruch nach Kokos und heißer Milch in die Nase zu steigen, denn plötzlich schaute sie überrascht auf das Glas vor sich.
„Frag nicht, trink“, sagte ihre Freundin – die sich überrascht umdrehte. Jonas war aufgestanden und bestellte sich an der Theke einen Espresso-Macchiato.

„Doch keinen Tee?“ rief sie ihm zu, er lächelte sie an und schüttelte den Kopf. „Manchmal mag ich auch Koffein. Aber ich hatte ja keine Gelegenheit, zu bestellen“. Aus den Augenwinkeln sah sie, wie Jolinas Gesichtsfarbe etwas dunkler wurde. 1:0 für Jonas, entschied sie und wandte sich Anne zu – deren Glas leer und ihr Mund von weißen, knisternden Milchschaum umrahmt war.
„Wie, schon alles getrunken?“
„Ich hatte Durst!“
„Ich verstehe nicht, wie man dieses süße Zeug so schnell in sich rein kippen kann“.
„Du bist schlank, du verstehst das nicht.“
„Was hat das denn…“
In diesen Moment kam eine ganze Meute durch den Eingang und füllte das Lokal mit schnatternden, schwatzenden Leuten.
Fortsetzung folgt…


 

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